Abschied ohne Happy-End? Eintracht&Lieberknecht: Ein modernes Fußballmärchen

Von Tobias Bosse

Trainer Torsten Lieberknecht zeigt sich sehr emotional (Eintracht Braunschweig) nach der 0:2 Niederlage gegen Ingolstadt mit dem Kult-Fan Thilo Götz.Trainer Torsten Lieberknecht zeigt sich sehr emotional (Eintracht Braunschweig) nach der 0:2 Niederlage gegen Ingolstadt mit dem Kult-Fan Thilo Götz.

Braunschweig. Braunschweig und Torsten Lieberknecht hoffen auf ein Happy-End. Redakteur und Eintracht-Fan Tobias Bosse blickt zurück.

Es ist der 13. Mai 2008, der Gipfel einer hausgemachten Katastrophen-Saison von Eintracht Braunschweig, an dessen Ende ein Trainerwechsel stand, der es in sich haben sollte. Sein Name: Torsten Lieberknecht. Der ehemalige Spieler und derzeitige U-19-Trainer wurde nach dem Rücktritt von Benno Möhlmann seinerzeit drei Spieltage vor Saisonende mit der ambitionierten Aufgabe betraut, das Gründungsmitglied der Bundesliga sowie Deutschen Meister von 1967 vor dem nahezu sicheren Abstieg in den Amateurfussball zu bewahren, was wohl gleichbedeutend mit dem Zerfall des gesamten Vereins gewesen wäre. Doch der Pfälzer scheute harte Arbeit noch nie, weder zu aktiven Zeiten auf dem Platz noch anschließend bei der Ausbildung zum Profitrainer oder Aufbau des ersten Nachwuchsleistungszentrums des BTSV. Und so warf er sich Hals über Kopf in ein Abenteuer, das sein Leben gleichermaßen verändern sollte, wie das eines jeden, der es mit der Eintracht aus Braunschweig hielt.

Der Motivationskünstler und Defensivstratege holte 2008 aus den drei letzten Spielen sieben von neun möglichen Punkten und schaffte durch Schützenhilfe aus Lübeck tatsächlich den Sprung in die neue und eingleisige 3. Liga. Wahnsinn! Unfassbar! Magisch! „Wir sind dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagte Lieberknecht damals. Die Rettung in letzter Minute setzte etwas in Gang, nicht nur im Verein, sondern in der ganzen Region – dieses Gefühl war greifbar. Es sollte der Anfang von etwas ganz Großem gewesen sein. Schnell war den Verantwortlichen im Verein klar, dass dieser Torsten Lieberknecht nicht nur das Zeug zum Feuerwehrmann mitbrachte, sondern auch der Anführer in eine neuen Ära seien könnte. Die Leidenschaft und Hingabe, gepaart mit Authentizität und Integrität war eine vielversprechende Mischung, die nicht zuletzt auch hervorragend ins Wertesystem des Vereins, sowie Anforderungsprofil eines Eintracht-Trainers passte. Also bekam der damals 34-jährige Lieberknecht das Vertrauen, eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen mit einem Trainerteam seiner Wahl zu formen. Er würde den Vertrauensvorschuss auf Heller und Pfennig zurückzahlen und zwar schon bald.


Seit 2008 arbeiten Marc Arnold, Sportlicher Leiter, und Trainer Torsten Lieberknecht in Braunschweig zusammen. Foto: Imago Jan Huebner


Doch zunächst musste Lieberknecht, der von seiner Familie liebevoll „Diddes“ genannt wird, den Spagat zwischen selbstverordneter wirtschaftlicher Konsolidierung und sportlichem Erfolg meistern. Gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter Marc Arnold gelang es, ein Team zusammenzustellen, das aus charakterlich wie spielerisch einwandfreien Fußballern bestand, die obendrein sehr günstig oder völlig kostenfrei zu haben waren. Ein Lehrstück an Scouting-Arbeit! Auch zeitlich musste der junge Chefcoach sich gut organisieren, denn neben der Arbeit im Verein absolvierte Lieberknecht die Ausbildung zum Fußballlehrer in Köln. Bereits drei Jahre später konnten die Früchte dieser großartigen Arbeit aller Verantwortlichen eingefahren werden. Und, ich sage euch, die waren fett, richtig saftig und fett, diese Früchte! Mit 26 Siegen, 85 Punkten und 81 Toren stiegen die Löwen als Drittligameister ins Bundesliga-Unterhaus auf – eine Rekordsaison, wie sie im Buche steht. Längst war Lieberknecht durch seine nahbare Art sowie pfälzerischen Charme das Gesicht des Erfolgs und Liebling der Massen. Dabei ging es doch gerade erst los…

Die erste Spielzeit in der zweiten Liga beendete die Eintracht als bester Aufsteiger auf Rang 8 und nahm Anlauf für den ganz großen Sprung im nächsten Jahr. Aber nicht ohne zuvor den Architekten des Erfolgs mit einem neuen Vertrag bis 2015 auszustatten. So ging es in eine mehr als bemerkenswerte Saison 2012/13. Mit Leidenschaft, Teamgeist, Spielfreude und nochmals Leidenschaft schaffte die Lieberknecht-Elf das Unmögliche und stieg gemeinsam mit Hertha BSC in die Bundesliga auf – zum ersten Mal nach 28 Jahren. Jetzt war Lieberknecht wahrlich unsterblich geworden, sein Name unweigerlich auf ewig mit dem der Eintracht verbunden und sein Status bei den Fans gottgleich. Er hatte es nicht nur geschafft, dem Verein neues Leben einzuhauchen, sondern der ganzen Stadt und ihren Bewohnern ein Gefühl zu geben, dass zwar immer fest verankert in Braunschweiger war, aber lange vor sich hin schlummerte – das Gefühl: Wir sind wieder wer und jetzt können wir alles schaffen! Eine ganze Region war einen Sommer lang im Freudentaumel und daher bleib die Ohnmacht nach dem direkten Wiederabstieg auch aus. Es war ein Abenteuer, das jeder von uns genoss, solange es dauerte. Aber wie dieser Abstieg zustande kam und vor allem Torsten Lieberknecht damit umging, bestätigte seinen Status bei den Eintracht-Fans nur. Er ist einer von uns – weinte mit uns und wir mit ihm.


Sein größter Erfolg: Am 26. April 2013 feierte Eintracht Braunschweig in Ingolstadt den Aufstieg in die Bundesliga. Torsten Lieberknecht feierte ausgelassen mit den Fans. Foto: Imago/Krieger



Mit dem Abstieg änderte sich aber nicht nur die Ligazugehörigkeit, sondern auch die Wahrnehmung anderer Vereine sowie die Rolle von Eintracht Braunschweig in der Liga. Fortan war man nicht mehr der Underdog, man war der Bundesliga-Absteiger und somit der erste Favorit auf die oberen drei Plätze. Entsprechend anders als zuvor stellten sich die Gegner auf die Eintracht ein. Längst hatte sich das bevorzugte Spielsystem von Torsten Lieberknecht herumgesprochen: Gefährlicher Konterfußball aus einer sicheren Defensive heraus über die schnellen Flügelspieler. Daran sollte sich auch trotz der neuen Rolle nichts ändern. Das Ziel war klar, man wollte wieder zurück in die Bundesliga. Nicht mit aller Macht und auch nicht sofort, aber auf jeden Fall auf lange Sicht. Inzwischen stand der Verein auf finanziell gesunden Beinen – ebenfalls ein Zeugnis der hervorragenden Arbeit der handelnden Personen. Und auch wenn immer wieder Leistungsträger verkauft werden mussten, schaffte es die Sportliche Leitung mit geschickten Einkäufen, diese weitestgehend zu kompensieren. Leider blieb der eigene Nachwuchs dabei völlig auf der Strecke. Die große Stärke sollte aber weiterhin die mannschaftliche Geschlossenheit sein. Bestes Beispiel dafür ist die Saison 2016/17. Mit einer spielerisch maximal durchschnittlichen Saison gelang es den Löwen, auf dem Relegationsplatz abzuschließen und so zwei Entscheidungsspiele um den Einzug in die Bundesliga gegen den Nachbarn aus Wolfsburg zu erzwingen. Aus heutiger Sicht kann man diese Saison eigentlich nur verfluchen, weil sie so trügerisch war wie ein "Shemale in Pataya".

Die Spielidee war zu durchschaubar, monoton und leicht zu verteidigen. Zumal dem Fußballlehrer langsam die schnellen Flügelspieler ausgingen, die seinem Spiel immer die nötige Würze verliehen haben. Von zentralen Mittelfeldspielern, die diese in Szene setzen könnten, ganz zu schweigen. Diese Entwicklung deutete sich schon seit dem Bundesliga-Abstieg an, doch der Pfälzer ignorierte oder bemerkte sie nicht. Beides ist gleichermaßen fatal. Zwar lehrte er seine Mannschaft alle vorhandenen taktischen Formationen zu spielen, aber einen Pass über drei Meter konnte sie nicht mehr an den Mann bringen – überspitzt formuliert. Und weil dies auch den Gegnern nicht verborgen blieb, pressten sie die Eintracht immer früher, was zur heutigen „Spielidee“ führte: "Langer Hafer und vorne hilft der liebe Gott." Über die Gründe dieser Stagnation beziehungsweise sogar Rückentwicklung kann nur spekuliert werden. Tatsache dürfte aber sein, dass die Fähigkeit zur Reflektion durch bedingungslose Verehrung nicht gerade gesteigert wurde. Personenkulte sind nie gesund, weil sie nicht rational sind. Sie sind emotional, besonders im Fall von Torsten Lieberknecht. Und so sehr er sich mit Eintracht Braunschweig identifiziert – was kein Trainer so sehr getan wie er – bleibt er ein Angestellter des Vereins, ein Funktionsträger, der selbstverständlich mitverantwortlich für die sportliche Krise des Vereins ist. Er selbst weiß das auch und räumte es nach der Niederlage am vorletzten Spieltag gegen Ingolstadt auch ein.


Nach dem Abstieg aus der Bundesliga in Hoffenheim im Mai 2014 wurde Trainer Torsten Lieberknecht von einem kleinen Mädchen mit einer Rose getröstet. Foto: Imago/Hübner


Deshalb ist es auch richtig, dass sich die Wege nach zehn Jahren im Sommer trennen – trotz eines laufenden Vertrages. Dass sich die Wege von Eintracht Braunschweig und Lieberknecht nach der Saison trennen, ist ein offenes Geheimnis und auch durch interne Quellen bestätigt. Mit heutigem Wissen kommt dieser Wechsel wohl ein Jahr zu spät, dann hätte das Lieberknecht-Denkmal keine Kratzer und Eintracht hätte die Post-Lieberknecht-Ära bereits ein Jahr früher einleiten können. Es ist aber wie es ist. Und es ist vor allem eines, beängstigend! Beängstigend, dass der Verein, der sich in den vergangenen zehn Jahren rehabilitierte und sich zeitweise unter den besten 25 Mannschaften Deutschlands etablierte, alles mit dem Arsch wieder einreißt. Für Lieberknecht ging es vom Bordstein bis zur Skyline und möglicherweise wieder zurück. Die einzige, minimale Hoffnung besteht in einem Auswärtssieg bei Holstein Kiel, die den Relegationsplatz bereits sicher haben. Es wäre das passende Abschiedsgeschenk eines tollen Trainers und Menschen, dessen Zeit bei Eintracht Braunschweig schlicht abgelaufen ist und ein würdiges Happy-End für eines der schönsten Märchen, das der moderne Fußball schrieb!