Fußball-Kolumne Letzter Bundesligaspieltag: Wie Köln dem HSV helfen kann

Von Udo Muras

Drückt der 1. FC Köln den Wolfsburg ins Fußballunterhaus? Für den FC geht es um nichts mehr, für Wolfsburg um alles. Foto: WittersDrückt der 1. FC Köln den Wolfsburg ins Fußballunterhaus? Für den FC geht es um nichts mehr, für Wolfsburg um alles. Foto: Witters

Frankfurt. „Wir werden noch mal alles raus hauen", verspricht Timo Horn seinen Fans. Darauf hoffen aber viel mehr die Hamburger Anhänger, denn der FC spielt am 34. Spieltag gegen Wolfsburg. Wie sehr bisher feststehende Absteiger im letzten Spiel "alles rausgehauen" haben, zeigt unser Kolumnist.

Wie immer in den letzten neun Jahren geht es beim Showdown der Bundesliga nur noch um Abstieg und Europapokalplätze. Das zu bedauern, wird irgendwann auch langweilig. Also dann viel Spaß bei der sechsten Meisterfeier in Folge, liebe Bayern! Bedauernswert ist etwas anderes: dass durch den nach wie vor willkürlich erscheinenden Einsatz des Videobeweises auch aus dem Abstiegskampf ziemlich viel Luft rausgenommen wurde. 

Das Tor des Hamburger Itos hätte man in nicht allzu fernen Zeiten, da es noch hieß „im Zweifel für den Angreifer“ gelten lassen. Die Zweifel an seiner Abseitsstellung sind mir jedenfalls noch immer nicht genommen. Hätte der HSV also in Frankfurt gewonnen, was hätten wir am Samstag für ein schönes Drama zu erwarten. Nun aber müssen die Hamburger nicht nur gegen Gladbach gewinnen, sondern auch auf einen Sieg der einzigen Mannschaft, die sie hinter sich gelassen haben, hoffen. Absteiger 1. FC Köln, der die schlechteste Saison seiner Bundesligazugehörigkeit spielt – rein statistisch, leistungsmäßig fühlt sich das anders an. Ausgerechnet der lahme Geißbock also soll die HSV-Karre in Wolfsburg freundlicherweise aus dem Dreck ziehen. Wie blöd.

Die Telekom und der 1. FC Köln: ein Motivationsvergleich

Im Leben gibt es nicht viel Ärgerlicheres, als auf andere angewiesen zu sein. Ein Beispiel, das jeder kennt: Man will mit dem Computer arbeiten, aber das Internet geht nicht und man wartet auf den Techniker der Telekom. Nun steht es mir nicht zu, über die Motivation der Telekom-Techniker Aussagen zu treffen und würde niemals behaupten, dass es für sie „um nichts mehr geht“. Wohl aber, dass ihnen mein Anschluss nicht näher ist als der eines jeden anderen Kunden, geschweige denn ihres eigenen. Was wiederum ganz normal ist.

Und so stellen sich die HSV-Fans natürlich die bange Frage, warum ein feststehender Absteiger ihren Klub retten soll? Sie klammern sich an Begriffe wie Fair Play, Ehre und Siegprämie und heften sich womöglich das Zitat von Kölns Torwart Timo Horn übers Bett: „Wir werden noch mal alles raus hauen.“ Ja, is klar.

Ausgerechnet Tasmania Berlin

Ich würde nun gerne anführen, dass die Geschichte voll mit Beispielen von selbstlosen Absteigern ist, die nicht nur ihre Ehre, sondern auch noch andere Klubs retteten. Ist sie aber eher nicht. Eine der seltenen Ausnahmen war kurioserweise Prügelknabe Tasmania Berlin, der 1966 am vorletzten Spieltag sein zweites Saisonspiel gegen Borussia Neunkirchen gewann – und diese mit ins Unterhaus zog. Allerdings nur wegen gekränkter Ehre. In der Halbzeit schickte Borussia nämlich einen Unterhändler vorbei, der jedem Tasmanen 500 DM für eine Niederlage bot. „Da muss mehr kommen“, sagten sie, lehnten ab und gewannen 2:1. Zur Freude des Karlsruher SC.

Horst Szymaniak und Tasmania Berlin zogen 1966 Borussia Neunkirchen ins Unterhaus – aus gekränktem Stolz. Foto: Witters

1982 war der MSV Duisburg so freundlich, sein letztes Heimspiel nach 19 Jahren Bundesliga gegen Fortuna Düsseldorf ebenfalls 2:1 zu gewinnen und Bayer Leverkusen Schützenhilfe zu leisten. Aber das war ein Derby und außerdem ließ sich eine Mannschaft eines Kapitäns Bernard Dietz ja nie hängen. 

Bayers Tordifferenz war übrigens immer noch zu schlecht, es musste trotzdem in die Relegation. Dort landete auch Eintracht Frankfurt, die 1989 bei Absteiger Hannover 96 gerade so ein 1:1 erkämpfte, noch heute schwärmen sie am Main von Charly Körbels Rettertor. Die Konkurrenz aber zog den Hut vor Hannover, das Bochum und Nürnberg rettete. Drei Beispiele aus 55 Jahren, wer will, kann daraus Mut schöpfen.

Oliver Neuville gewinnt mit Hansa Rostock und "Turban" 1999 gegen den Absteiger aus Bochum. Foto: Witters

Manchmal wehrte sich der Absteiger nach Kräften, aber die reichten einfach nicht – wie 1999, als Bochum gegen Hansa Rostock nach 2:1-Führung noch 2:3 verlor und zum spannendsten Abstiegskampf aller Zeiten seinen Teil beitrug. Nach zuvor geäußerten Schiebungsgerüchten aus Bielefeld gab auch der 1. FC Nürnberg 2003 sein letztes Hemd gegen Leverkusen (0:1). 

Charaktertest für Köln

Und Greuther Fürth rannte 2013 beim 1:3 in Augsburg neun Kilometer mehr als der Gegner, war aber offenbar nicht mehr voll konzentriert und verschoss einen Elfmeter. Häufiger ließen die Absteiger sich so richtig gehen wie Saarbrücken 1986 gegen Kaiserslautern (0:6) oder 1993 in Nürnberg (1:4), wie der FC Homburg 1988 in Uerdingen (1:5) oder Mönchengladbach 2007 in Mainz (0:3).

Der 1. FC Köln fehlt in dieser Aufzählung, es ist sein erster Charaktertest dieser Art. Ich habe mir an dieser Stelle kein Ergebnis zu wünschen, nur echten Sportsgeist. Wär doch mal wieder ganz schön für das ramponierte Ansehen der Bundesliga.

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