Interview mit Sascha Bandermann Start der Eishockey-WM: "Halbfinale wäre wirklich irre"

Von Alexander Barklage

Nach dem überraschenden Silbermedaillen-Gewinn bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang will die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Dänemark erneut für Furore sorgen. Foto: imago/Ritzau ScanpixNach dem überraschenden Silbermedaillen-Gewinn bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang will die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Dänemark erneut für Furore sorgen. Foto: imago/Ritzau Scanpix

Hamburg. Eishockey-Experte Bandermann dämpft die Erwartungen für das deutsche Team bei der Weltmeisterschaft in Dänemark.

Nach dem Eishockey-Wintermärchen von Pyeongchang geht die deutsche Nationalmannschaft bei der am Freitag startenden Weltmeisterschaft als Olympia-Zweiter in das Turnier. Der Druck auf das Team von Trainer Marco Sturm ist dementsprechend hoch. Trotzdem sollte man keine weiteren Wunderdinge von den deutschen Kufencracks erwarten, meint Experte und TV-Moderator Sascha Bandermann. Der aktuelle Kader ist nicht mehr mit dem von den Olympischen Winterspielen vergleichbar. Sturm steht vor einem schwierigen Spagat. 

Herr Bandermann, wo haben Sie das olympische Eishockey-Finale zwischen Deutschland und Russland verfolgt?
Sascha Bandermann:
Wir haben das Finale mit unserem gesamten Eishockey-Experten-Team geschaut. Bei Rick Goldmann auf der Couch mit einem riesigen Weißwurst-Frühstück. Ich hatte da allerdings nicht so viele Aktien drin, da ich Vegetarier bin - aber für Essen war bei dem spannenden Spiel eigentlich auch keine Zeit. (lacht).

Durch den überraschenden Erfolg und dem Gewinn der Silbermedaille bei den olympischen Spielen in Pyeongchang im Februar ist das Interesse an der deutschen Nationalmannschaft und der kommenden Weltmeisterschaft besonders groß. Eine besondere Lust und Motivation für das DEB-Team oder kann diese Tatsache auch zur Last werden?
Bandermann: Es ist schon große Lust, aber natürlich ist auch eine gewisse Last dabei. Der Bundestrainer kann diese besondere Situation schon sehr gut einschätzen. Die Fans verbinden die Nationalmannschaft jetzt mit der Silbermedaille - aber ich glaube, es ist die große Aufgabe von Marco Sturm und auch der Medien, klarzumachen, dass dieses deutsche Team nicht mehr viel mit der Mannschaft aus Südkorea gemeinsam hat. Der Kader ist ein völlig anderer. Es ist ein kompletter Neustart.  


Sascha Bandermann berichtet schon seit Jahren über die Eishockey-Weltmeisterschaften für Sport1.


Was verspricht sich SPORT1 von der WM?
Bandermann: Ich persönlich erhoffe mir noch mehr Zuspruch für diesen tollen Sport. Wir können jetzt nicht erwarten, dass wir Millionen neuer Fans dazugewinnen werden. Aber ich denke, es geht „peu a peu“ nach vorne. Es steht und fällt aber natürlich auch immer mit dem sportlichen Erfolg. Der deutsche Fan ist ziemlich verwöhnt. Wir hoffen natürlich, dass wir dennoch ein wenig auf der Euphoriewelle surfen können.  

Wie viele Spiele zeigt SPORT1 bei der WM?
Bandermann: Es gibt nicht viele WM-Turniere die abseits des Fußballs so intensiv übertragen werden. SPORT1 überträgt 36 Spiele live im Free-TV, darunter natürlich alle Spiele der DEB-Auswahl. Hinzu kommen sechs Partien auf SPORT1+, außerdem zusätzliche drei im Livestream auf SPORT1.de. Neben den Live-Spielen strahlen wir insgesamt 16 Highlight-Sendungen aus und liefern natürlich auch diverse zusätzliche Inhalte, unter anderem Exklusivinterviews mit Spielern und Trainern.

Sie hatten es schon angesprochen: Der aktuelle WM-Kader ist mit jenem von den olympischen Spielen nicht mehr vergleichbar. 15 Silbermedaillen-Gewinner sind nicht in Dänemark dabei, dafür aber die deutschen NHL-Spieler. Was kann man von dieser Mannschaft realistisch erwarten?
Bandermann: Es ist eine sehr interessante Mischung und ein sehr spezieller Kader. Es muss eine neue Hierarchie aufgebaut werden, weil die erfahrenen Spieler wie Christian Ehrhoff, Marcel Goc oder Patrick Reimer nicht mehr dabei sind. Der Bundestrainer Marco Sturm hat mit der Kadernominierung aber schon einen Generationswechsel eingeleitet. Es sind erfahrene, aber auch sehr viele unerfahrene Spieler im Kader. Die jungen Profis müssen gefördert werden und da stehen die NHL-Routiniers entsprechend in der Pflicht. Die Youngster brauchen aber natürlich Zeit, für sie ist diese WM etwas völlig Neues. Dennoch hat das deutsche Team genug „Firepower“, um eine gute Rolle zu spielen.  


Kein Team wird Deutschland auf die leichte Schulter nehmen


Muss der Bundestrainer aufgrund des neu zusammengestellten Kaders auch ein wenig auf die Euphoriebremse treten?
Bandermann: Auf jeden Fall. Bei aller Euphorie müssen wir das ganz sachlich einordnen. Die beiden Turniere haben nichts miteinander zu tun. In Dänemark sind die Stars aus der NHL auch bei allen anderen Teilnehmern größtenteils wieder dabei. Natürlich hat die deutsche Mannschaft auch einige Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga in ihren Reihen, allerdings kann man nicht aus solch einem Reservoir schöpfen, wie zum Beispiel Kanada. Ein ähnlicher Erfolg wie gegen die Nordamerikaner bei Olympia ist bei der WM fast ausgeschlossen. Außerdem wird das DEB-Team jetzt auch anders wahrgenommen. Kein Topteam wird Deutschland mehr auf die leichte Schulter nehmen. Die DEB-Auswahl ist Weltranglistensiebter. und das hat sich die Mannschaft auch erarbeitet.  

Sollte das Minimalziel dennoch das Erreichen des Viertelfinales sein?
Bandermann: Ja, klar. Sollte das Team das Viertelfinale erreichen, wäre es das dritte Mal hintereinander bei einem großen Turnier unter Bundestrainer Marco Sturm. Das wäre ein Riesenerfolg und für das deutsche Eishockey auch ein Signal, dass sich die Mannschaft unter den Besten der Welt etabliert hat. Ein Halbfinaleinzug wäre wirklich irre! (lacht) Sollte es nicht reichen, ist das auch kein Beinbruch. Um die Silbermedaille zu bestätigen, wäre das Viertelfinale allerdings schon sehr wichtig - ich behaupte, diese WM ist für das DEB-Team noch wichtiger als die Heim-WM vor einem Jahr.  



Am Freitag geht’s los und gleich im ersten Spiel wartet der Gastgeber Dänemark. Ist das Duell gleich ein Schlüsselspiel?
Bandermann: Es ist schon wichtig, aber dank des Modus ist es nicht so schlimm, wenn es verloren gehen würde. Es gibt zwei Achter-Gruppen und jede Mannschaft hat sieben Spiele. Bei den Olympischen Spielen ist die Mannschaft mit zwei Niederlagen gestartet und war trotzdem erfolgreich. Besonders für die jungen DEB-Spieler wird die Partie allein schon aufgrund der Kulisse sicherlich eine besondere Erfahrung. Außerdem kann es für Deutschland ein Vorteil sein, zuerst gegen die Dänen zu spielen, da diese zum Auftakt noch auf einige ihrer NHL-Spieler verzichten müssen. 

Schweden ist der Titelverteidiger, Russland Olympiasieger - welche Mannschaft ist für Sie der Titelfavorit?
Bandermann: Es bleiben, wie immer, die üblichen Verdächtigen. Kanada ist nach der WM-Blamage und dem Scheitern gegen Deutschland natürlich besonders motiviert. Russland ist schwer einzuschätzen, denn sie haben einen neuen Cheftrainer. Dazu noch die Schweden und Finnland. Ein Außenseitertipp ist für mich die Schweiz. Die Eidgenossen können ein gutes Turnier spielen.  


Es wird leider in Deutschland nicht wahrgenommen, was Draisaitl in der NHL leistet


Auf welchen Spieler freuen Sie sich bei der WM am meisten?
Bandermann:Da muss ich nicht lange überlegen – Connor McDavid. Diesen Spieler als Eishockey-Fan einmal live spielen zu sehen, ist eine Offenbarung. Der Typ ist eine Sensation und der beste Spieler seit Sidney Crosby, dazu ist er noch der Teamkollege von Leon Draisaitl bei den Edmonton Oilers. Auf das Duell Kanada gegen Deutschland kann man sich jetzt schon freuen, wenn beide gegeneinander spielen. Aber auch das DEB-Team hat mit Draisaitl einen Superstar in seinen Reihen. Es wird in Deutschland leider nie so wahrgenommen, was der Junge in der NHL leistet.  


Bundestrainer Marco Sturm hat einen großen Anteil am Aufschwung des deutschen Eishockeys. imago/Matthias Koch


Besonders für die NHL-Stars wird die WM stets eine besondere Belastung… 

Bandermann: Ja, genau, die haben fast alle bis zu 70 Spiele absolviert. Die Fußballer beschweren sich oft wegen der großen Belastung und sagen dann auch mal gerne ein Test-Länderspiel ab. Das ist bei den Eishockey-Spielern anders - und die verdienen bei weitem nicht so gut. Für diese Jungs ist es immer noch eine große Ehre, mit dem Adler auf der Brust zu spielen. Leon Draisaitl hatte vor der Heim-WM im vergangenen Jahr schon 107 (!) Ligaspiele in den Knochen. Da muss man diesen Jungs wirklich mal Respekt zollen.  

Großen Anteil am Erfolg hat ganz sicher Bundestrainer Marco Sturm. Seit er verantwortlich ist, geht es mit dem deutschen Eishockey wieder bergauf. Sie kennen ihn sehr gut und haben ihn schon oft interviewt. Was zeichnet Sturm als Trainer besonders aus?
Bandermann: Er hat eine enorme Erfahrung und ein gutes Auge für talentierte Spieler. Er ist ein guter Teamplayer und versteht es, das Team, um ihn herum so zu formen, dass alles passt. Der eine oder andere Spieler hat mir auch schon verraten, dass er besonders für Sturm eine noch bessere Leistung bringen will - weil ihn alle Spieler aufgrund seiner großen Karriere unglaublich respektieren.

   


Sturm ist sicherlich kein Klopp

Wenn man den Vergleich zum Fußball ziehen würde: Ist er eher der Motivator á la Jürgen Klopp oder der nüchterne Analyst wie Pep Guardiola?
Bandermann: Er ist sicherlich kein Klopp, dafür ist er als Typ zu ruhig und besonnen. Trotzdem kann er gut motivieren. Seine Stärke hat er aber im Analysieren und er ist ein Winner-Typ. Er ist unglaublich ehrgeizig und hasst es, zu verlieren.  

Warum sollte man ab Freitag unbedingt bei SPORT1 einschalten, auch wenn man sonst nicht so viel mit Eishockey am Hut hat. Was macht die Faszination dieser Sportart aus?
Bandermann: Man spricht nicht umsonst vom schnellsten Mannschaftsport der Welt. Es ist ein unglaublich dynamisches Spiel. Die Mischung aus Technik, Athletik und Schnelligkeit finde ich faszinierend. Es geht eigentlich nur über das Team. Ein gutes Turnier kannst du nur spielen, wenn sich das Individuum der Mannschaft unterordnet.