Pro und Contra WM-Debatte um Neuer: "Grob fahrlässig" oder "unersetzlich"?

Von Alexander Barklage und Kim Patrick von Harling

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Zuletzt stand Manuel Neuer am 16. September 2017 beschwerdefrei im Tor. Sollte Bundestrainer Joachim Löw mit dem Bayern-Keeper als Nummer eins nach Russland reisen? Foto: imago/Sven SimonZuletzt stand Manuel Neuer am 16. September 2017 beschwerdefrei im Tor. Sollte Bundestrainer Joachim Löw mit dem Bayern-Keeper als Nummer eins nach Russland reisen? Foto: imago/Sven Simon

Hamburg. Langzeitverletzt und dennoch als Nummer eins zur WM? Die Meinungen zu Manuel Neuer sind gespalten - auch innerhalb Redaktion.

Am 15. Mai 2018 gibt Bundestrainer Joachim Löw den vorläufigen Kader bekannt, mit dem er bei der im Juni startenden WM in Russland die Mission Titelverteidigung angehen will. Die große Frage, die Fußball-Deutschland beschäftigt, ist: Wird der lange Zeit an einem Mittelfußbruch laborierende DFB-Kapitän Manuel Neuer rechtzeitig fit, um spätestens am 17. Juli 2018 in Moskau beim ersten Gruppenspiel gegen Mexiko im Tor zu stehen? Oder sollte Löw lieber auf den 32-Jährigen verzichten und stattdessen auf Marc Andrè Ter Stegen setzen?

Unter Fans und Experten gehen die Meinungen weit auseinander: Während beispielsweise Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg deutlich von einem Einsatz Neuers abrät, ist sich Bayern-Trainer Jupp Heynckes sicher, dass der Weltmeister von 2014 noch rechtzeitig in Form kommt. Ex-Nationalkeeper Timo Hildebrand mahnt am Donnerstag im exklusiven Interview mit der NOZ zur Vorsicht und auch in der Redaktion wird das Thema kontrovers diskutiert. 

Sportredakteur Alexander Barklage: "Erfahrung schlägt Spielpraxis"

Okay, die bloßen Fakten sprechen gegen einen Einsatz Manuel Neuers als Nummer eins bei der WM: Zu lange verletzt und keine Zeit, noch genügend Spielpraxis zu sammeln. Ich glaube trotzdem, dass der in meinen Augen unbestritten "beste Torwart der Welt" auch ohne die nötige Spielpraxis im ersten Gruppenspiel zwischen den Pfosten stehen sollte. Denn: Erfahrung schlägt fehlende Spielpraxis. 

Manuel Neuer ist 32 Jahre alt, Weltmeister, Champions-League-Sieger und wurde viermal in Folge zum weltbesten Torhüter gewählt - er weiß genau, wie er mit außergewöhnlichen Situation umgehen muss. Außerdem hat er noch Zeit, um fit zu werden. Vermutlich steht er am letzten Spieltag gegen Stuttgart noch einmal im Kasten der Bayern und auch die beiden Testspiele vor der WM in Österreich und gegen Saudi-Arabien kann Neuer nutzen, um wieder das "Feeling" zu bekommen. Das reicht. Als Kapitän des Teams ist er unersetzlich und als Rückhalt ein entscheidender Faktor um den fünften Stern für das DFB-Team zu holen. 


Kim Patrick von Harling (links) spricht sich für Marc-André ter Stegen als Nummer eins bei der WM in Russland aus, Alexander Barklage möchte Manuel Neuer zwischen den Pfosten sehen. Foto: Nina Brinkmann


Sportredakteur Kim Patrick von Harling: "Ter Stegen hat das Selbstvertrauen"

Ja, Manuel Neuer ist in meinen Augen der beste Torhüter der Welt. Dennoch sollte er während der kommenden Weltmeisterschaft nicht den Kasten der deutschen Nationalmannschaft hüten. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Er hat keine Spielpraxis. Drei Spiele absolvierte Neuer in dieser Bundesliga-Saison, das jüngste datiert vom 16. September 2017 (4:0 gegen den FSV Mainz). Zuletzt absolvierte der 32-Jährige am 11. Oktober 2016 ein Länderspiel (2:0 gegen Nordirland). Die beiden anstehenden Testspiele sind ebenfalls keine ernstzunehmenden Prüfsteine für Neuer – sollte er diese überhaupt komplett durchspielen können. Mit einem Torwart ohne Spielpraxis in eine Weltmeisterschaft zu gehen, wäre grob fahrlässig. 

Die Zeit ist reif für Marc-André ter Stegen. Der Keeper des FC Barcelona stand in 34 Saisonspielen über 90 Minuten im Kasten. Seine Leistungen – auch in der Champions-League: Weltklasse. Der 26-Jährige kann selbstbewusst nach Russland fahren. Ter Stegen hat das Timing, das Selbstvertrauen und das Top-Niveau eines Torhüters, mit dem Deutschland das Turnier in Russland gewinnen kann. Diese Attribute sind bei Neuer aktuell keine Selbstverständlichkeit. Eine Weltmeisterschaft mit Neuer als Nummer eins wäre ein unnötiges Risiko, das der deutschen Nationalmannschaft in entscheidenden Momenten zum Verhängnis werden könnte. 


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