Schiedsrichter holt Team aus Kabine Diese Halbzeitereignisse waren noch kurioser

Von Udo Muras

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Peter Neururer ließ seine Kölner Mannschaft 1996 in der Pause massieren. Geholfen hat es nicht. Foto: WittersPeter Neururer ließ seine Kölner Mannschaft 1996 in der Pause massieren. Geholfen hat es nicht. Foto: Witters

Osnabrück. Das gab es noch nie: Der Schiedsrichter der Partie Mainz gegen Freiburg holte die Mannschaften aus der Kabine zurück, weil die Videoassistentin ein Handspiel gesehen hat. Kuriose Ereignisse gab es in der Bundesliga-Geschichte in der Pause allerdings schon einige.

Der Videobeweis hat uns in letzter Zeit nicht mehr allzu stark beschäftigt. Zum einen, weil sich der Mensch an alles gewöhnt, er gewöhnt sich ja sogar an Donald Trump. Zum anderen, weil die Verantwortlichen in der Winterpause etwas nachjustiert haben, gefühlt rennen die Unparteiischen drei Mal weniger zum Bildschirm und es gab Spieltage, da fragten wir uns, ob jemand den Schlüssel zum Kölner Keller verloren hat. Das war schön.

Dann kam der Montagabend, dann kam die Szene der Saison. Ein Elfmeter für Mainz in der Halbzeitpause, ja wo gibt’s denn so was? Die Freiburger mussten aus der Kabine zurückgeholt werden, bloß um der Exekution zuzusehen. Regeltechnisch alles in Ordnung, auch wenn die Welt der Puristen unter den Fans jetzt wieder in völliger Unordnung ist. Der Zuschauer im Stadion ist wieder mal der Dumme. Oder hat ihn etwa jemand vom Bratwurst-Stand zurückgeholt, von anderen Orten ganz zu schweigen? Stell Dir vor, es gibt Elfmeter und keiner kriegt’s mit.

Noch kurioser ging es in Köln zu

Noch mehr ist in Unordnung geraten: die Tabelle der besten, seltsamsten, kuriosesten Halbzeitgeschichten. Herr Winkmann und seine Souffleuse Bibiana Steinhaus sind nach meiner fast objektiven Betrachtungsweise am Montag von null auf zwei gestürmt, mindestens. Noch immer bleibt Jean Löring König der Pausenclowns, wenn es anno 1999 auch erst mal keiner mitbekam.

„Du Arschloch hast hier gar nix mehr zu sagen“Jean Löring, Ex-Präsident von Fortuna Köln

Der 2005 verstorbene Präsident des Dauer-Zweitligisten Fortuna Köln entließ Trainer Toni Schumacher bekanntlich in der Pause, zunächst emotional („Du Arschloch hast hier gar nix mehr zu sagen“), dann staatstragend begründet: „Ich als Verein musste handeln.“ Dass der „Verein“ ziemlich beschwipst in diesem Moment war, macht die Geschichte nicht besser, aber verständlicher.


Fortunas-Präsident Hans "Jean" Loering entließ Toni Schumacher in der Pause. Foto: Witters

Bestochene Herthaner

Meine Nummer drei führt uns in die düstere Zeit des Bundesligaskandals. Juni 1971: Arminia Bielefeld hat Hertha BSC bestochen, Geld für Punkte. Noch aber steht es 0:0 und ein Berliner traut dem Frieden nicht. Ungar Zoltan Varga rennt in der Pause nicht etwa in die Kabine, sondern zu einem öffentlichen Fernsprecher, um seine Frau anzurufen. 

In Hörweite der Reporter, die ihre Berichte durchgeben, fragt er: „Ist das Geld da?“ Ist es nicht. „Die Schweine wollen ohne uns Ausländer abkassieren“, hört man ihn nun toben und fortan (als einziger) auf Sieg spielen. Und dann wundert man sich, dass der Skandal raus kommt… 

„Die Schweine wollen ohne uns Ausländer abkassieren“Zoltan Varga, Ungarischer Fußballspieler

Vergessener Torwart

Großartig auch die Schote aus dem Bochumer Ruhrstadion, wo die Schalker anno 1975 ihren Torwart Norbert Nigbur auf der Massagebank vergaßen, die in einem Nebenraum war, und minutenlang ohne ihn spielten. Und sagenhaft, dass die Bochumer trotzdem kein Tor schossen. 

Tragisch, aber mit einer witzigen Pointe endete der Fall Branko Zebec im April 1980 in Dortmund. Mit dem angetrunkenen, da alkoholkranken Trainer auf der Bank führt der HSV 2:0, in der Pause wird er von Manager Netzer ausgewechselt und in den Bus gesetzt. Mit dem stocknüchternen Vertreter Alex Ristic kassiert er noch zwei Tore und verspielt den Sieg. Daraus ziehe jeder seine Schlüsse… 

Betrunkener Schiedsrichter? - Verhandlungen in der Pause

Alkoholmissbrauch stand auch 1969 im Raum, als 1860-Torwart Petar Radenkovic in der Halbzeit – wieder in Dortmund – Schiedsrichter Horstmann vor aller Ohren unterstellte, er sei ja wohl besoffen, schließlich habe er ganz rote Augen. Weshalb der sich nach dem Spiel in ein Krankenhaus begab und tatsächlich einer Blutprobe unterzog. Folge: Freispruch für den Schiri, Sperre für den Torwart.

Fragwürdig war die Aktion des Fritz Langner, Trainer von altem Schrot und Korn, der seine Bremer Mannschaft in der Halbzeit des letzten Saisonspiels 1968/69 verließ, um zu Vertragsverhandlungen nach München zu fliegen. Seine unbetreute Elf spielte ganz zügellos und verlor mit 5:6 in Gladbach. 


Werder-Trainer Fritz Langner, hier mit Manager Rudi Assauer (links), verhandelte in der Pause mit Bayern München. Foto: Witters

Kuriosa von Matthäus bis Robbery

Halbzeitpausen können auch Hierarchien durcheinanderwirbeln, ein Lothar Matthäus lief 1997 für Bayern aus Protest gegen seine Mitspieler plötzlich ohne Binde auf. Und Manfred Müller, Torwart des 1. FC Nürnberg, warf sie 1979 nach Trainerkritik gar in den Wäschekorb, zog auch sein Trikot aus und verkündete seinen Rücktritt. Fäuste flogen natürlich auch, sowas kommt nur meist nicht raus. In der Bayern-Kabine schon: 2012 verpasste Ribery Robben ein Veilchen, schließlich ging es um das Vorrecht, einen Freistoß zu schießen. Das meiste von alledem bekamen die Zuschauer leider nicht mit.


Hat Franck Ribery Arjen Robben (links) ein Veilchen verpasst, weil es Uneinigkeit darüber gab, wer einen Freistoß schießt? Foto: Witters

Im Gegenteil zu der Aufführung des 1. FC Köln, der im kalten Dezember 1996 seine Halbzeitpause vor aller Augen auf dem Rasen verbrachte. Ein Psychotrick von Trainer Neururer, weil seine Jungs zuvor immer gleich nach Wiederanpfiff Tore kassierten. Nun wurden sie vor aller Augen auf dem Rasen massiert und gepflegt – und als es wieder los ging, bekamen sie doch wieder ihre Tore. Aber über ihre Halbzeit wurde noch lange gesprochen. Und das ist es doch, was zählt. Oder?


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