Diszipliniert, ehrgeizig, unbekümmert Marie Lienemann, das bescheidene Laufwunder aus Lotte

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Läuferin Marie Lienemann steht nicht gerne im Mittelpunkt – aber aufgrund ihres Talents häufig bei Siegerehrungen ganz oben auf dem Podest. Foto: Philipp HülsmannLäuferin Marie Lienemann steht nicht gerne im Mittelpunkt – aber aufgrund ihres Talents häufig bei Siegerehrungen ganz oben auf dem Podest. Foto: Philipp Hülsmann

Lotte. Manch eine Gegnerin hält sie für „unschlagbar“, ihr Trainer sieht in ihr ein „Ausnahmetalent“. Dabei steht Marie Lienemann „überhaupt nicht gerne“ im Mittelpunkt. Aber spätestens bei der Siegerehrung kommt die Senkrechtstarterin auf der Laufstrecke nicht um eine zentrale Rolle herum.

Die Kopfhörer sind ihr Markenzeichen. Ohne Musik in den Ohren läuft bei Marie Lienemann nichts. „Man hört sich nicht so schwer atmen, merkt nicht so intensiv, wie anstrengend es ist, und wird abgelenkt, wenn man nicht mehr kann“, erklärt die 23-Jährige ihr Motivationsprogramm. Rhythmus muss die Musik haben, vor allem Charts laufen in ihrer persönlichen Hitliste, aber „kein Schlager, kein Rock“. Die Laufstrecke rockt Lienemann selbst.

Als Schwimmerin am liebsten vor dem Laufen gedrückt

Früher schwamm sie bei der SG Osnabrück. „Da habe ich mich vor dem Lauftraining am liebsten gedrückt“, sagt sie. Erfolgreich war sie trotzdem. Davon zeugt zu Hause „ein Riesenkarton“ voller Medaillen.

Ich habe mich ein halbes Jahr gequält. Irgendwann hat es dann Spaß gemachtMarie Lienemann, Läuferin

Auf eigene Faust zum Halbmarathon

Mit Studienbeginn blieb für das Leistungsschwimmen und das entsprechende Training keine Zeit mehr. Um in Bewegung zu bleiben, riet ihre Mutter zum Laufen. „Ich habe mich ein halbes Jahr gequält. Irgendwann hat es dann Spaß gemacht“, sagt die Lotteranerin, die für die örtlichen Sportfreunde startet. 2015 feuerte sie beim Marathon in Hannover ihre Mutter an. Der Ehrgeiz war geweckt. 2016 lief sie nach einer Vorbereitung auf eigene Faust den Halbmarathon in Hannover. Der erste Marathon über 42,195 Kilometer folgte 2017 in Hamburg. Dieses Mal hatte sie gezielt mit professioneller Unterstützung darauf hintrainiert. „Sonst hätte ich den Marathon gar nicht geschafft“, sagt Lienemann. Es gab Ratschläge zum Laufen, aber auch zur Ernährung. 

Der erste Marathon läuft "viel besser als erwartet"

Vier Stunden wollte Lienemann in Hamburg laufen. Sie kam in 3:36 Stunden ins Ziel, „viel besser als erwartet, aber ich war einfach auf den Punkt topfit“, sagt sie. 2018 war sie in Hannover zwölf Minuten schneller, im kommenden Jahr peilt sie 3:15 Stunden an, auf lange Sicht die Drei-Stunden-Marke, „aber an die ganz Schnellen kommt man sowieso nicht ran“, sagt Lienemann.

Bitte hält Lienemann für "unschlagbar"

Es ist ein Satz, den ihre regionalen Konkurrentinnen auch über Lienemann sagen könnten. Beim Citylauf in Holzhausen stellte sie einen Streckenrekord auf. Beim Dreierpack gewann sie fünf von sechs Läufen. Nach ihrem Sieg beim Voxtruper Volkslauf erklärte Anja Bitter (Melle) Lienemann für „unschlagbar“. Dabei läuft sie Zehn-Kilometer-Distanzen nicht mit gezielter Vorbereitung, sondern aus dem Trainingsalltag heraus. „Ich weiß auch nicht, wie das so schnell geht“, sagt Lienemann über ihre steile Entwicklung. Die Grundlagenausdauer bringt sie vom Schwimmen mit. Hinzu kommen Ehrgeiz und Trainingsfleiß. 

Wir werden in den nächsten Jahren noch viel Spaß an ihr habenTobias Rasper, Trainer

"Marie ist ein Ausnahmetalent"

„Marie steht noch am Anfang ihrer Laufkarriere, aber sie ist schon ein Ausnahmetalent“, sagt Trainer Tobias Rasper, der die Läuferin zusammen mit André Schulenberg immer donnerstags beim Bahntraining des VfR Voxtrup in Gretesch betreut. „Sie ist extrem diszipliniert und zielstrebig. Sie setzt Tipps eins zu eins um und geht locker und unbekümmert an die Wettkämpfe heran. Wir werden in den nächsten Jahren noch viel Spaß an ihr haben“, sagt Rasper.

Familie, Freunde und der Hund laufen mit

Um sich zu verbessern, absolviert Lienemann rund 100 Trainingskilometer pro Woche. In Lotte gibt es keine Strecke, die sie noch nicht kennt. Trainingspartner gibt es reichlich: Ihre Freundinnen, ihre beiden Schwestern, ihre Mutter oder Hündin „Misha“ sind an ihrer Seite. „20 Kilometer läuft sie locker mit. Sie freut sich schon und wartet, dass ich laufen gehe“, sagt Lienemann, die auch ihren Freund Marc Krause mit ihrem Sport angesteckt hat. „Er ist vom Laufen völlig angetan und startet jetzt auch bei Wettkämpfen.“

"Von 30 Tagen im Monat laufe ich an 28"

Dort ist sie eh nie allein: Der Rest der Familie steht entweder mit ihr an der Startlinie oder feuert am Streckenrand an. Ohne Sport würde den Lienemanns etwas fehlen. Ihrer Tochter ganz besonders. „Von 30 Tagen im Monat laufe ich an 28“, sagt die 23-Jährige. Pausiert wird nur, „wenn ich krank bin oder es zeitlich wirklich gar nicht passt“.

Sonntag Start beim Halbmarathon in Bremen

Die nächsten Ziele sind schon gesteckt. Am Sonntag wartet der Halbmarathon in Bremen. 1:30 Stunden hatte sich Lienemann dafür als Ziel gesetzt – und ihre Marke bereits unterboten, als sie spontan in Ibbenbüren startete und 1:25 Stunden benötigte. „Eigentlich wollte ich das gar nicht“, sagt sie beinahe entschuldigend. Sie wurde mit 18 Sekunden Vorsprung Erste und stand – unvermeidbar – mal wieder bei einer Siegerehrung im Mittelpunkt. Das Rennen in Bremen geht sie locker an. „Ich will einfach noch mal an die Zeit rankommen und vielleicht ein bisschen schneller sein“, sagt Lienemann. Wenn das gelingt, wäre es wenig verwunderlich. Der Reiz am Laufen sei, „an meine Grenzen zu kommen“, sagt Lienemann. Die scheinen aber noch lange nicht erreicht.


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