Zu Besuch beim Auftakt der DM Ohne Worte – Die gehörlosen Basketballer vom GSV Osnabrück

Von André Pottebaum | 18.04.2018, 13:05 Uhr

17 Meisterschaften und 12 Pokalsiege schlagen für die Basketballer vom Gehörlosen Sportverein (GSV) Osnabrück zu Buche. Ein weiterer Titel könnte bei der Deutschen Meisterschaft in diesen Tagen folgen. Doch wie ist es eigentlich, Sport zu treiben, ohne etwas zu hören? Ein Besuch bei den Männern vom GSV offenbart eine ungewöhnliche Kulisse, aber auch Sportler die mit Herz und Leidenschaft dabei sind.

Spiel zwei für die Basketballer vom GSV bei der diesjährigen Deutschen Meisterschaft. Nur wenige Sekunden sind noch zu spielen. Es ist ein enges Spiel, Spannung liegt in der Luft. Zwei Freiwürfe, dann ist es geschafft. In der Halle ist es mucksmäuschenstill. Seelenruhig steht Marcel Plogmann an der Linie, versenkt gekonnt den ersten, dann den zweiten Wurf. Wenige Augenblicke später ist es vorbei. Jubelnd reißen die Spieler ihre Arme in die Höhe, springen freudestrahlend in die Luft. Erleichterung macht sich breit. Doch von ausgelassener Freude über den Sieg ist in der Halle nur wenig zu hören. (Weiterlesen: Gehörlosen-Basketballer starten überzeugend in die DM) 

Schon zu Beginn des Tages wirkt die Sporthalle der Integrativen Gesamtschule Eversburg wie ausgestorben. Dort, wo die ersten beiden Spieltage der 32. Deutschen Meisterschaft ausgetragen werden, scheint die Zeit still zu stehen. Weder laute Musik noch das Anfeuern der Zuschauer sind zu hören - stattdessen nur das Quietschen der Schuhe und das Prellen des Balles. Während die Spieler anderswo lautstark unterstützt werden, Besucher rhythmisch in die Hände klatschen oder dem Spiel gespannt folgen ist hier alles ein wenig anders. Gut 50 Zuschauer haben sich eingefunden, um den Spielen der Basketballer zu folgen. Doch statt sich auf das Spielgeschehen zu konzentrieren, haben sie sich vom Spielfeld weggedreht. Sie diskutieren miteinander, gestikulieren mit Armen und Händen, unterhalten sich mithilfe von Gebärden.

Direkter Blickkontakt und Kommunikation über Gebärden

Währenddessen sind die Spieler auf dem Spielfeld ganz in ihrem Element. Gekonnt passen sie sich die Bälle zu, machen einen Korb nach dem anderen oder fangen den Ball in der Defensive ab, um über schnelle Gegenstöße einfache Punkte zu erzielen. Doch während Hörende Spielzüge ansagen oder den Nebenmann ansprechen können, sind die Basketballer vom GSV auf direkten Blickkontakt und die Kommunikation über Gebärden angewiesen. So laufen sie mit dem Rücken zum Korb nach vorne, um den Ball im Blick zu behalten oder tippen dem Mitspieler auf die Schulter, um ihn „ansprechen“ zu können. Oft wissen sie gar nicht, wie es sich anhört, wenn der Ball auf den Boden tippt oder vom Brett in den Korb springt, da die meisten von ihnen von Geburt an gehörlos sind.

Einer von ihnen ist Ingo Grothmann, 17-facher Deutscher Meister, Spielertrainer und Routinier. Über seine Mimik und Gestik oder per Handzeichen versucht der 47-Jährige auf seine Mitspieler einzuwirken. Dann nimmt er die Hand in Luft, um seine Jungs zu motivieren oder schlägt sich ein anderes Mal mit der Faust auf die Brust, um zu zeigen, dass er gewinnen will. Seine Mitspieler halten dabei stets Blickkontakt, sind auf Augenhöhe, wenn er die Richtung vorgibt, in die gespielt werden soll oder wenn er die Arme nach unten bewegt, um seine Teamkollegen zu beruhigen. „Wenn man auf dem Spielfeld steht ist man schon im Tunnel. Von der Atmosphäre bekommt man kaum etwas mit. Vieles geht über den Blickkontakt“, sagt Grothmann. „Das Prellen des Balles, das sieht man. Aber von der Akustik bekomme ich nichts mit. Wenn jemand hinter mir steht, merke ich davon nichts.“

Doch während die Spieler im Alltag auf Hörgeräte oder eingepflanzte -prothesen zurückgreifen können, müssen sie bei den Spielen auf die kleinen Helfer verzichten. Nur wer die Hörgrenze von 55 Dezibel nicht überschreitet, darf an den Meisterschaftsspielen teilnehmen, erklärt Timo Kruckemeyer, Abteilungsleiter der Basketballer. Und so kommt es nicht selten vor, dass ein Spiel munter weiterläuft, wenn Sekunden vorher abgepfiffen wurde. Erst durch auffälliges Winken mit den Armen können Spieler, Schiedsrichter oder Funktionäre das Spiel anhalten. Dabei sind es Schwierigkeiten wie diese, die für die gehörlosen Basketballer bei ihrem Sport dazugehören. Auf dem Spielfeld verstehen sie sich trotzdem - auch ohne Worte.