Pascal Dobrawa aus Curitiba Leben in Brasilien: Das Pathos ist weg

11.07.2014, 15:35 Uhr

*Pascal Dobrawa (21) ist gebürtiger Osnabrücker, Amateurkicker beim SV Rasensport und lernte im Jahr 2012 in Schottland seine brasilianische Freundin Rayza kennen. Seit sechs Monaten lebt er bei ihrer Familie im WM-Spielort Curitiba. Hier schreibt er von seinen aktuellen Eindrücken.

Brasilien ist noch paralysiert: Vielen Menschen hier in Curitiba, die zuvor so von ihrem Land und der WM überzeugt waren, wird jetzt in den Tagen nach dem 1:7 gegen Deutschland klar, dass das Turnier für Brasilien keine wirkliche Bereicherung war und dem Land auf Dauer nicht helfen wird. Und nun wissen sie nicht richtig, wie sie mit dieser Erkenntnis umgehen sollen.

Der Lebensstandard hier ist nicht besonders hoch, dafür sind aber die politischen Enttäuschungen sehr groß. Deshalb schien für die eine Hälfte der Menschen die erfolgreiche eigene Elf bei der WM das einzig Gute zu sein, was in diesem Land passiert. Die andere Hälfte sagt zwar weiter, dass man stolz sei, Brasilianer zu sein – aber auch ihr Pathos ist weg. Alle Brasilien-Trikots sind seit Mittwoch in den Geschäften im Preis um 50 Prozent reduziert worden.

Mir als Deutschem gegenüber sind die Brasilianer vor dem Halbfinale sehr siegessicher aufgetreten. Als wir das Spiel zu Hause bei der Familie meiner brasilianischen Freundin Rayza im Fernsehen geschaut haben, war es nach 25 Minuten ganz still. Irgendwann lag dann das Brasilien-Trikot ihres Vaters in der Ecke – dort liegt es immer noch. Lustig war, dass er noch während des Spiels bestimmt fünf Anrufe von Freunden bekommen hat, die ihn aufgezogen haben, weil er jetzt quasi einen Deutschen in der Familie hat.

Jetzt sagt er, dass alles gut sei, wenn Deutschland auch Argentinien schlägt – was übrigens für alle Menschen hier gilt. Die Rivalität zum großen Nachbarn ist überall spürbar – auch, weil hier ständig im TV gezeigt wird, wie euphorisch Fans der Argentinier das Aus der Brasilianer gefeiert haben. Rayzas Familie macht sich nun aber mehr Sorgen um die Präsidentschaftswahl, die noch in diesem Jahr ansteht. Präsidentin Dilma wird für alle nicht eingehaltenen Versprechen an das Volk abseits der WM verantwortlich gemacht – Rayza sagt, dass sie keinen kennen würde, der Dilma wählt, trotzdem liegt sie in Umfragen noch bei 40 Prozent.