NOZ-Serie „Die WM und ich“ Trainer Ismail Atalan: „Die Underdogs beeindrucken“

Von Christian Detloff | 17.06.2018, 21:51 Uhr

Zur Fußball-WM präsentieren wir Personen mit regionalem Bezug, die von ihren Eindrücken und Erwartungen berichten. Heute: Ismail Atalan. Der 38-jährige Fußballlehrer hatte die Sportfreunde Lotte 2016 in die 3. Liga und 2017 ins DFB-Pokal-Viertelfinale geführt.

 Herr Atalan, wie groß ist die Enttäuschung über den deutschen Auftritt? 

Es war zu befürchten nach den Leistungen in den Testspielen – und nachdem Nebensächlichkeiten zu Riesenthemen aufgebauscht wurden. Das hinterlässt im Team Spuren. Mexiko hat es aber auch richtig gut gemacht. Ich habe zuletzt nur selten so ein starkes Umschaltspiel gesehen, wie es Mexiko mit enormer Sprintintensität vortrug. Die Deutschen waren beeindruckt, kamen lange gar nicht ins Gegenpressing , hatten Angst vor Fehlpässen und scheuten das Risiko. Nach 70 Minuten hätte es 0:2 stehen müssen. Erst in den letzten 20 Minuten nach der Einwechslung von Reus Vollgas zu geben, über die richtige Einstellung und den nötigen Willen Oberwasser zu gewinnen – das reicht bei diesem Turnier nicht. Es war letztlich ein verdienter Sieg für die Mexikaner.

 Wird die Löw-Mannschaft die nötigen Lehren aus dieser Leistung und Niederlage ziehen? 

Vielleicht war es der nötige Schuss vorm Bug. Die Jungs wissen, dass sie mehr investieren müssen. Zuversicht gibt die realistische Selbstkritik der Spieler. In der Kabine werden noch de weiteren nötigen kritischen Worte fallen. Auch das Top-Trainerteam ist für mich ein Hoffnungsträger. Der deutsche Kader hat genügend Qualität, um wieder in die Spur zu finden. Jetzt ist das Bewusstsein da, dass man von den ersten bis zur 90. Minute alles abrufen muss – und das gegen jeden.

 Wer wird Weltmeister? 

Ich hoffe Deutschland – glaube aber eher, dass es Spanien, Brasilien oder ein Underdog wird. Wie die Spieler von Mexiko, Australien und Island in ihrem ersten Spiel um ihr Leben rannten und sich untereinander halfen, hat mich schon schwer beeindruckt. Sie spielten, als gäbe es auf der Welt nichts Geileres als diese WM.