Karttalent fährt in neuer Klasse Fabian Netemeyer aus Melle träumt von der Formel 1

Von Sarah Engel | 25.06.2016, 10:27 Uhr

Seit sechs Jahren fährt Fabian Netemeyer aus Riemsloh im Kart allen davon. Dabei erreicht der Zwölfjährige Geschwindigkeiten bis zu 140 Stundenkilometern – ein Rennspaß, auf den viele Mitschüler neidisch sind. In dieser Saison startet Netemeyer in einer neuen Klasse. Ein Trainingsbesuch.

Schumacher, Vettel, Netemeyer. Von seiner zukünftigen Karriere hat ein zwölfjähriger Kartfahrer aus Melle klare Vorstellungen. Malaysia, Singapur, Australien. Wie seine Idole möchte Fabian Netemeyer auf die Podeste der Welt fahren und sich in die Geschichte erfolgreicher Rennfahrer einreihen. Doch das Training in Übersee muss noch warten. Aktuell dreht der Gymnasiast seine Runden auf dem Parkplatz des Hotels Van der Valk in Melle.

Rennkarts mit 15 PS

Sonnig ist es an diesem Mittwoch. Sorgfältig stellen die Eltern die orangfarbenen Kegel für den Slalom auf. Seit seinem sechsten Lebensjahr sitzt Netemeyer im Kart. Zweimal die Woche, jeden Mittwoch und Freitag, dreht er auf dem Asphalt seine Runden um die Pylonen. Gemeinsam mit anderen Fahrern in seinem Alter läuft er vor dem Training den Parcours aufmerksam ab. Danach geht es los: Helm auf, Motor an. Rasant umkurvt Netemeyer die Hindernisse. Beim Kartslalom zählen Schnelligkeit und Präzision. Für umgeworfene Kegel gibt es Strafsekunden.

Angst kennt Fabian Netemeyer nicht

Seit vier Jahren gibt Fabian Netemeyer zudem auf deutschen und niederländischen Rennstrecken Gas. Von den Geschwindigkeiten, die der Zwölfjährige hier erreicht, können viele Heranwachsende erst mit 18 Jahren träumen. 123 Stundenkilometer sei der höchste Wert, der ihm bislang auf seinem Tacho angezeigt wurde, erzählt Netemeyer nicht ohne Stolz. Bis zu 140 km/h erreichen die Rennkarts, die mit 15 PS und einem Zweitaktmotor ausgestattet sind, ergänzt sein Trainer Klaus Kaja. Das hohe Tempo lässt seine Mitschüler neidisch werden und treibt Netemeyer an. „Ich liebe die Geschwindigkeit“, sagt der Schüler. Ob mit sechs oder zwölf Jahren – Angst hat der junge Kartfahrer nicht.

Wahres Talent des AC Melle

Schon nach seinen ersten Fahrten war Trainer Klaus Kaja klar, das für den AC Melle ein wahres Talent im Kart Platz genommen hatte. „In Fabian brennt ein Feuer für diesen Sport. Diese Liebe ist der Grund für seine Leistung.“ Von Beginn an sei er von den älteren Fahrern akzeptiert worden. „Von der Größe her ist er klein, aber seine Leistung ist groß“, sagt Kaja. Seine Erfolge zeigen sich im elterlichen Flur. Rund 150 Pokale verteilen sich durch das Haus bis in sein Zimmer. „Meine Deko wurde immer weniger, weil wir Platz für Fabians Preise machen mussten“, sagt Mutter Heike Netemeyer und lacht. Allein im vergangenen Jahr wurde er im Kartslalom unter anderem ADAC-Weser-Ems-Meister und deutscher Vizemeister seiner Altersklasse. Auch in seinem Rennkart mit 15 PS erklomm Fabian Netemeyer das Siegerpodest. 2014 und auch 2015 feierten Familie, Freunde und Verein mit ihm, als er deutsch-niederländischer Kartmeister in der Mini-Max-Serie wurde. Vergangenes Wochenende erreichte er beim Kartslalom Weser-Ems Platz eins.

Am Wochenende auf der Strecke

Seine zehnjährige Schwester Marie hat der Rennsport angesteckt. Als Leichtathletin läuft sie der Konkurrenz bereits seit Jahren davon. Nach einer Ferienpass-Aktion umkurvt sie nun die Pylonen und ärgert die männlichen Mitfahrer mit schnelleren Zeiten. Die Leidenschaft der Geschwister treibt auch ihre Eltern auf die Strecke. Wettbewerbe in Deutschland und den Niederlanden bestimmen ihre Wochenenden. Vater Ralf Netemeyer ist so die ganze Woche im Auto unterwegs: werktags im Außendienst für einen Räderhersteller, samstags und sonntags für seine Kinder.

Betreuer und Financiers zugleich

Die Eltern sind Betreuer und Financiers zugleich. Denn der Sport ist teuer. Während die Kosten für den Kartslalom mit einer Gebühr von rund 80 Euro pro Saison überschaubar sind, summieren sich die Mittel für Fabians Rennen. Equipment, Startgebühren und Reisen kosten Geld. Ein volles Gehalt gehe manchmal pro Monat für das Hobby drauf, erzählt Fabians Mutter. Zudem wird es in der aktuellen Saison nicht einfacher für den jungen Rennfahrer. Im NAKC, dem Norddeutschen ADAC-Kart-Cup, tritt er gegen ältere Mitfahrer an.

„Stillstand ist Rückschritt“, sagt Trainer Kaja. Die neue Saison werde eine Herausforderung und Chance zugleich. Die Rennen werden knapper, Hundertstelsekunden entscheiden, wer den Sieg einfährt. Doch durch die neue Serie können auch neue Kontakte zu potenziellen Sponsoren geknüpft werden.

Erfolgreiche Jugend

In Melle ist das schwierig. „Wir leben in unserer Region in einem motorsportlichen Entwicklungsland“, sagt Kaja. Fahrer wie Michael Schumacher hätten aufgrund ihres Wohnorts und professionellen Kartbahnen in der Jugend bessere Möglichkeiten gehabt zu trainieren. Trotzdem baut die Jugendgruppe des AC Melle seit ihrer Gründung 1991 erfolgreiche Fahrer auf. Zu ihnen gehört auch Tamino Bergmeier. 2015 wechselte er zum Amsterdamer Rennstall TKP und stellt sich europäischen Rennen. Im gleichen Jahr nahm Bergmeier an einem Formel-4-Sichtungstest auf dem Hockenheimring teil.

Ziele, die auch Fabian Netemeyer erreichen möchte. Er träumt von einer rasanten Karriere im Motorsport. „Erst steige ich in die Formel 4 ein, und dann geht es zur Formel 1“, ruft er. „Bleib mal ganz ruhig“, sagt seine Mutter nur dazu. Obwohl sie bei vielen Rennen dabei ist, sorgt sie sich. „Ein bisschen Angst habe ich immer. Es ist ein gefährlicher Sport.“

Angst, die Fabian nicht kennt. Größere Unfälle hat er bislang nicht erlebt, und wenn er in seinem Rennkart Platz nimmt, fährt er am liebsten, bis der Tank leer ist. Auf schnelle Geschwindigkeiten folgt die große Müdigkeit. „Wer in diesem Alter eine Viertelstunde zwischen 110 und 130 Stundenkilometer fährt, ist danach k.o.“, sagt Trainer Kaja. Einsteigen, Gas geben, einschlafen lautet dann die Abfolge des Tages. Binnen weniger Minuten döst dann Fabian Netemeyer nach einem Rennen im Auto ein, während sein Vater ihn in die Heimat zurückfährt.