Sprechstunden und Seminare im Netz Sportverbände sehen in der Corona-Krise digitale Chancen

Von Johannes Kapitza | 27.05.2020, 08:10 Uhr

Die Corona-Pandemie stellt die Vereine vor ungekannte Herausforderungen. Die Sportverbände sehen für die Clubs und sich durchaus auch Chancen im digitalen Fortschritt.

Kersten Wick, der Geschäftsführer des Kreissportbundes Osnabrück-Land, erinnert sich noch gut an die Zurückhaltung, als der Verband vor drei Jahren zum ersten Mal sein Fortbildungsmodul „Internetauftritt und EDV-Vernetzung“ anbot. Es habe die Skepsis überwogen, wenn der Datenzugriff im Verein digital verteilt werden könnte. „Durch die Corona-Geschichte wird die Digitalisierung sehr stark nach oben schnellen“, erwartet Wick und hofft: „Da wird viel Positives bei herumkommen.“

Cloud-Speicher und Online-Antragsformulare

Organisatorisch sei es ein Fortschritt, wenn Daten nicht mehr auf dem privaten Computer eines Vorstandsmitglieds, sondern in einem zentralen Cloud-Speicher abgelegt werden, sodass – mit der entsprechenden Berechtigung – von mehreren Orten darauf zugegriffen werden könne. Dadurch lasse sich Arbeit auch einfacher aufteilen. Wick ist überzeugt:

„Da wird der Weg hingehen.“ “

Alles kann die Technik jedoch nicht ersetzen. „Wenn auf einem Dokument eine Originalunterschrift vonnöten ist, dann ist sie vonnöten“, sagt Wick. Für Förderprogramme seien derweil auch Online-Antragsformulare denkbar. Dabei ist aber immer zu bedenken: „Wenn es zu kompliziert wird, klinken sich viele Vereine aus.“

Auch digital "ist vieles machbar"

Grundsätzlich sei es zwar „besser, sich von Gesicht zu Gesicht zu sehen“, betont Wick, aber der digitale Weg sei „halt auch eine Möglichkeit“, und in der Corona-Krise zeige sich: „Es ist vieles machbar.“ Selbst eine Jahreshauptversammlung könne inzwischen digital abgehalten werden. „Das bedarf aber auch immer noch einiger Absprachen.“ Bei wichtigen Sitzungen werde man um den persönlichen Kontakt nicht herumkommen. Andere Konferenzen seien aber auch im Internet möglich. Wick sagt:

„Das spart Zeit, Fahrtkosten und Emissionen. Da kommt einiges zusammen.“

Kürzere Wege als zur Onlinekonferenz gibt es nicht

Diese Einschätzung teilt Ralf Dammermann, Geschäftsführer des Stadtsportbundes (SSB) Osnabrück. Wenn Vereinsvertreter aus Fürstenau oder Glandorf nicht mehr zu einer zentralen Veranstaltung im Landkreis reisen müssten, sei das „sicher eine Erleichterung“. In der Stadt sind die Wege kürzer. Trotzdem sind digitale Treffen auch hier willkommen. „Wir hatten in unserer digitalen Vereinssprechstunde 40 Leute. Das läuft top“, sagt Dammermann.

Videokonferenzen im Internet seien ein „super Instrument. Ich bin fest überzeugt, dass diese Formate in Teilen Bestand haben werden.“ Gerade für Aus- und Fortbildungen seien Videokonferenzen gut geeignet, findet Dammermann und erwartet: „Auch nach Corona werden bestimmte Teile mit digitalen Sequenzen ausgefüllt werden.“ Erst vor Kurzem stellten Stadt- und Kreissportbund die Jugendarbeit sogenannter J-Teams in einem Online-Seminar vor.

Landessportbund mit neuem Bildungscampus

Digitale Schulungsmöglichkeiten seien nicht grundsätzlich neu, betont Katharina Kümpel, Sprecherin des Landessportbundes (LSB), und verweist etwa auf den niedersächsischen Tischtennis-Verband: Bereits seit 2007 können Teile der Traineraus- und -weiterbildung im TTVN online absolviert werden. Auch der LSB ist seit rund anderthalb Jahren verstärkt digital unterwegs und hat im April einen Online-Campus für Schulungen freigeschaltet. Das Auftaktprogramm umfasste 16 Internet-Seminare zwischen dem 27. April und 19. Mai. In der LSB-Statistik stehen insgesamt 720 Teilnehmer, im Schnitt also 45 pro „Webinar“.

Ob es einen generellen Trend hin zu Online-Angeboten gibt, kann der Landessportbund mangels Statistik nicht bestätigen. „Allerdings erreichen uns eine Vielzahl von Meldungen aus Sportvereinen, die mit den neuen Angeboten gute Erfahrungen machen“, sagt Kümpel.

"Am Ende geht man lieber wieder in den Sportverein"

Viele Clubs reagierten und lieferten ihren Mitgliedern die Übungseinheiten nach Hause. SSB-Geschäftsführer Ralf Dammermann sieht dafür keine große Perspektive:

„Am Ende geht man lieber wieder in den Sportverein.“

Seinen Stadtsporttag will der SSB nicht in die digitale Welt verlegen. Auch wenn das technisch möglich wäre, solle die Sitzung „lieber von Gesicht zu Gesicht“ stattfinden, sagt Dammermann.

Der Landessportbund wagt noch keine Prognose, wie sich die Online-Angebote entwickeln werden. „Aktuell liegt der Fokus der Vereine darin, den Neustart kreativ und lebendig zu gestalten – und das gelingt aus unserer Kenntnis sehr gut“, sagt Kümpel.

Ballschule: Abrufzahlen sind Anreiz und Ansporn

Seit Anfang Mai ist Sport auf Freiluft-Anlagen wieder erlaubt, seit dieser Woche dürfen Fitnessstudios und Sporthallen wieder öffnen. Je mehr sich der Sport wieder in die Öffentlichkeit verlagert, desto geringer dürfte auf Dauer das digitale Interesse sein. Stefan Wessels lässt sich davon nicht beirren. Der frühere Fußballprofi ist Gründer der Osnabrücker Ballschule Bakos. Er begegnete der Corona-Krise zunächst mit kurzen Clips im Internetnetzwerk Facebook. Es folgten längere Programme auf der Video-Plattform Youtube. Die Zugriffszahlen hätten sich „sehr dynamisch entwickelt“, freut sich Wessels. Insgesamt rund 170000 Aufrufe zählt er seit Mitte März für alle Angebote. „Das ist ein Ansporn, noch mehr zu machen, und hat den Ehrgeiz geweckt“, sagt Wessels.

Inzwischen ist auch schon der reale Ballschul-Betrieb angelaufen. Ob die längeren Programme fortgesetzt werden, ist noch offen. Die Kurzclips solle es weiter geben, sagt Wessels:

„Auf jeden Fall im Juni, vielleicht auch bis zu den Sommerferien – oder sogar darüber hinaus.“