Interview zu 12. Lähdener Pferdetagen Sandmann: Bei einer OP hätte ich die WM streichen können

Von Dieter Kremer | 09.06.2018, 23:22 Uhr

Obwohl er sich an Karfreitag eine Sehne im Arm gerissen hat, ging Christoph Sandmann bei seinem „Heimspiel“ an den Start. Bewältigte am Samstag bei den 12. Lähdener Pferdetagen mit seinem Vierspänner alle sechs Hindernisse im Geländemarathon. Vor dem Start stellte sich der 51-Jährige den Fragen der Emslandsportredaktion.

 Herr Sandmann, wenn das Turnier an diesem Wochenende nicht in Lähden, sondern woanders stattgefunden hätte, wären Sie dann auch gestartet? 

Ich muss fahren, um zu probieren, ob es geht. In zwei Wochen ist in Riesenbeck das nächste internationale Turnier und in vier Wochen ist Aachen. Bevor ich nicht ein bisschen Routine und ein bisschen gefahren habe, würde ich nicht in die USA zu den Weltreiterspielen gehen. Ich fahre nicht ohne ein bisschen Vorbereitung dorthin. Das geht einfach nicht. Dem Bundestrainer ist es egal. Der sagt, du musst nur die WM fahren. Aber ich persönlich möchte das nicht. Ich probiere es hier, fahre aber auch nicht das gute Gespann, sondern die ‚Reservemannschaft‘. Das gute Gespann fährt meine Tochter Anna. Ich probiere es. Und wenn ich merke, dass es mit dem Arm nicht geht, fahre ich an die Seite und beende den Wettbewerb.

 Das Qualifikationsergebnis müssen Sie noch liefern? 

Ich musste eine 56-er Dressur fahren, was das Minimum ist, um an der WM teilzunehmen. Das habe ich am Freitag geschafft. Aber ich muss mich nicht qualifizieren. Der Bundestrainer ist auch so bereit, mich ohne Wettkampf mitzunehmen. Aber das möchte ich nicht.

 Letztendlich sind Sie optimistisch, trotz der Verletzung bei der WM fahren zu können? 

Es gibt seit 1990 die Weltreiterspiele. Dass alle Pferdedisziplinen bei einer Weltmeisterschaft an einem Standort stattfinden. 1990 waren die ersten Weltreiterspiele in Stockholm. Dann ging es im Vier-Jahres-Rhythmus weiter. Ich bin in Stockholm gewesen, 1994 in Holland, 1998 in Rom, 2002 in Spanien, 2006 in Aachen, 2010 in Kentucky in den USA und 2014 in der Normandie in Frankreich. Ich habe an allen Weltreiterspielen teilgenommen. Und mein Ziel ist es, auch an dieser teilzunehmen. Dann bin ich, glaube ich, der einzige Sportler, der an allen Weltreiterspielen teilgenommen hat, in dieser Zeit aktiv gewesen und auch erfolgreich geblieben ist. Diese Weltreiterspiele sind etwas Besonderes. Da erfährt man eine andere Wertschätzung. Das Fernsehen ist da und viel mehr Publikum als bei anderen Meisterschaften. Das sind Riesenevents. Deshalb ist es etwas Besonderes, erst recht, wenn wir nach Übersee gehen. Vier Wochen vorher müssen wir alle Materialien in einen Container schaffen. Eine Woche vorher fliegen die Pferde rüber. Das ist schon eine Aufgabe und auch ein Erlebnis. Und ich will in diesem Jahr dieses Event noch einmal mitnehmen.

 Können Sie noch einmal aufklären, was mit Ihrem Arm passiert ist?! 

Es ist bei einem Arbeitseinsatz für dieses Turnier passiert. Wir hatten am Karsamstag einen Helfereinsatz. Und als wir etwas an der Brücke repariert haben und mit zwei Mann einen Pfosten irgendwo reinschieben mussten, habe ich mich mit dem rechten Arm voll reingelegt, allerdings zu stark. In dem Moment merke ich, dass irgendwas im Arm ist. Ich habe aber den ganzen Tag weitergemacht, was ich konnte und bin dann auch erst eine Woche später zum Arzt gefahren, weil ich dachte, es wird schon besser. Wurde es aber nicht. Und im MRT hing die ganze Sehne nur noch mit einem Fetzen dran. Normalerweise hätte ich operiert werden müssen, hätte dann aber die WM streichen können, denn dann wäre die Pause sechs Monate gewesen. Deshalb habe ich mich noch mal mit dem Arzt beraten und wir haben dann entschieden, dass wir es so lassen, wie es ist. Entweder die Sehne heilt oder nicht. Eine Operation kann man immer noch machen.

 Um welche Sehne handelt es sich? 

Es gibt eine Sehne im Ellbogen, die sich im Oberarm im zwei Teile teilt. Die Sehne, die bis zum Ellbogen geht, die Bizepssehne, die ist am Ellbogenansatz zu 90 Prozent abgerissen gewesen.

 Wenn Sie jetzt den Vierspänner fahren, ist es dann, als ob Sie mit angezogener Handbremse fahren? 

Ja. In der Dressur konnte ich viel mit der linken Hand machen. Im Gelände brauche ich beide Hände. Man hat die Leine geteilt in der Hand. Links und rechts gibt es die gleiche Arbeit zu erledigen.

 Wie lautet die Zielsetzung für die WM? Wenigstens eine Mannschaftsmedaille? 

Ja. Ich habe aber auch im Einzel Ziele und bin bei der Europameisterschaft im letzten Jahr Dritter gewesen. Und wenn man das weltweit sieht, gibt es nur noch zwei Fahrer, die noch davor kommen können. Wenn ich fit bin und meine Pferde gesund bleiben, würde sich mein Ergebnis irgendwo zwischen Platz drei und acht einspielen. Das ist eigentlich auch das Ziel.

 Sie haben so viel erreicht. Fällt es Ihnen gar nicht schwer, sich zu motivieren? 

Ich bin ehrgeizig. Alles, was ich mache, möchte ich eigentlich perfekt machen. Ob es meine Firma ist oder hier das Turnier. Ich bin halt so ein Typ, der meint, immer alles perfekt machen zu müssen. Ich habe mein erstes Turnier mit 15 gefahren und bin jetzt 51 geworden. Ich trainiere jeden Tag. Es gibt keinen Tag, wo nicht trainiert wird. Das steckt so in mir drin.

 Urlaub machen Sie nicht? 

Nein, ich mache keinen Urlaub.

 Wie sind Sie als Jugendlicher zum Fahrsport gekommen? 

Durch meinen Vater. Er hat den Sport auch betrieben, aber mehr als Hobby. Ich sage immer, dass ich in der Weltspitze der Einzige bin, der nicht Profi ist. Es gibt genügend Profis, die nichts Anderes machen. Unter den ersten 15 der Weltspitze bin ich der Einzige, der nebenbei einen Job hat.

 Sind die Pferde für Sie „Sportgerät“? Oder mehr? 

Nein, Partner. Mein Stall ist direkt neben meinem Wohnhaus. Ich habe mein Schlafzimmerfenster direkt zum Stall. Wenn ich nachts etwas höre oder irgendetwas ist, habe ich immer mein Ohr da. Für mich sind die Pferde Partner. Meine Pferde bekommen bei uns auch ihr Gnadenbrot. Ich habe noch einen ‚Rentner‘ im Stall stehen, der seit sechs Jahren sein Gnadenbrot bei uns im Stall bekommt. Unsere Pferde gehören zur Familie dazu.

 Das Gelände in Lähden haben Sie mit aufgebaut. Hier kennen Sie wirklich jeden Grashalm. Haben Sie ein Lieblingshindernis? 

Sie müssen mal mit dem Bundestrainer sprechen. So eine Anlage wie hier in Lähden gibt es nirgendwo sonst. So wie ich bin, will ich es perfekt haben. Jedes Hindernis hat irgendwo eine Besonderheit. Wir haben das sechste Hindernis in diesem Jahr komplett neu gestaltet. Die Durchfahrten sind geblieben, aber sonst haben wir es komplett neu gemacht. Deshalb ist es jetzt für mich ein ganz besonderes Hindernis geworden.