Im Januar beim Lingener Budenzauber David Odonkor: Eine Flanke machte ihn berühmt

Von Tobias Ahrens | 23.12.2015, 17:49 Uhr

Kein Fußballspieler wurde für eine einzige Aktion so berühmt wie David Odonkor. Mit seinem Flankenlauf zum 1:0 im Vorrundenspiel gegen Polen sorgte er für kollektiven Jubel bei der WM 2006. Danach wurde es schnell still um ihn. Mit 31 Jahren tritt er am 2. Januar beim Budenzauber in Lingen auf – was ist seitdem mit ihm passiert?

Mit David Odonkor zu sprechen, ist in diesen Tagen nicht so einfach. Über einen Kontakt verspricht er zurückzurufen. Mit unterdrückter Nummer. „Hallo? Ich sollte mich bei Ihnen melden“, flüstert er. Ein paar Sekunden vergehen, bis klar ist, wer dran ist. Als Sportlicher Leiter der Hammer SpVg in der Oberliga Westfalen habe er derzeit sowieso viel zu telefonieren. Seit einiger Zeit ist er im unterklassigen Bereich aktiv. Engagements beim SC Verl und SC Herdorf als Co-Trainer und eine Trainertätigkeit beim TuS Dornberg liegen bereits hinter ihm.

Rückblende: In der Nacht des 14. Juni 2006 steht der 22-jährige an der Seitenlinie neben Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Bereit zur Einwechselung für Arne Friedrich. Letzte taktische Anweisungen: „David, zeig der Welt, dass du besser bist als Ebi Smolarek.“ Oder so ähnlich. In der 91. Minute fegt Odonkor los. 10,3 Sekunden auf 100 Metern läuft er zu dem Zeitpunkt und gilt deshalb als Geheimwaffe im deutschen Team. Seine Flanke findet das Ziel. Oliver Neuville netzt ein. 1:0 für Deutschland.

„Natürlich ist es ein überragendes Gefühl, wenn man durch sportliche Leistungen bei den Menschen ein Lächeln hervorzaubern kann“, sagt der Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter in einem Interview 2011, „aber die Ereignisse der WM sind mir eigentlich erst sehr viel später bewusst geworden.“ Da kickt Odonkor mittlerweile beim Zweitligisten Alemannia Aachen und hat eine lange Leidenszeit hinter sich.

Verletzungspech

Nach seinem Wechsel zu Betis Sevilla im Sommer 2006 für sechs Millionen Euro fiel Odonkor in ein Loch. Mehrere Operationen am Knie ließen ihn immer wieder zurückfallen. Zur Europameisterschaft 2008 wird er noch einmal rechtzeitig fit. In der Vorrunde gegen Kroatien wird er erneut eingewechselt. Wieder soll er die Wende bringen. Es gelingt ihm diesmal nicht. Deutschland verliert 1:2, wird trotzdem Vize-Europameister. Da ist Odonkor schon wieder verletzt und steht nach der EM erstmals vor der Invalidität.

51 Spiele bestreitet er in fünf andalusischen Jahren. Sevilla steigt zwischenzeitlich ab, als der Dauerinvalide nur sieben Mal aufläuft. Erst im Sommer 2010 scheint sich alles zum Positiven zu wenden. Doch bei einer letzten Routine-Arthroskopie entzündet sich sein Knie schwer. Schweißnass kommt Odonkor in die Notaufnahme. „Sechs Wochen lag ich auf der Intensivstation. Verlegung nach Deutschland unmöglich“, erinnert sich Odonkor. Die Amputation seines Beines ist da zur ernsten Überlegung geworden. Zu allem Überfluss meldet Betis die Vereinsinsolvenz an.

Zurück in Deutschland beginnen Reha und eine weitere Operation. „Das hat mir zwei weitere Jahre Fußball geschenkt“, ist sich Odonkor sicher, der 13 Spiele für Aachen macht und am Saisonende mit dem Verein absteigt. Die letzte Station lautet FC Hoverla-Zakarpattya Uschhorod. Erste ukrainische Liga. Nach einem halben Jahr ist auch dort Schluss. Aufgrund der politischen Lage, meint die Bild-Zeitung. „Holt mich hier raus“, soll Odonkor gesagt haben. „Alles Quatsch“, sagt er selbst, „das Knie hat einfach nicht mehr mitgemacht.“

Sein Flankenlauf ist nicht mehr überall präsent. In diesem Jahr war der Ex-Nationalspieler (16 Länderspiele - ein Tor) im TV-Knast. Promi Big Brother. Warum? - „Das kann ich Ihnen genau sagen“, wird Odonkor zum ersten Mal lauter, „bisher kannten mich alle Menschen nur als den Fußballer. Jetzt wollte ich auch einmal meine Persönlichkeit, den Menschen, vorstellen.“ Odonkor gewinnt das TV-Experiment. „Die Reaktionen aus meinem engen Umfeld fielen sehr positiv aus.“

Vollgas in Lingen

Auf den Hallenkick in Lingen freut er sich. Seine Geschwindigkeit will Odonkor, der mittlerweile in einem Bielefelder Vorort lebt, auch dort einbringen. „Schnelligkeit kann man immer ausspielen.“ Ob er als 31-Jähriger im Legendenfeld besonders viel laufen müsse, weiß Odonkor nicht. „Aber jeder, der mich kennt, weiß: Ich gebe immer Vollgas.“