Torhüter der Zukunft spielen woanders Nach dem EM-Aus fragt sich Deutschland: Wo ist der neue Neuer?

Von Frank Hellmann | 01.07.2021, 15:08 Uhr

Bei dieser EM braucht es einen echten Rückhalt, um weit zu kommen: Viertelfinalisten wie Italien, Belgien und England liefern gute Beispiele mit starken Torhütern. Die Akademie des Deutschen Fußball-Bundes sorgt sich indes in ihrer Analyse um den Status Deutschlands als Torwart-Land - auch Manuel Neuer wusste diesmal nicht wirklich zu überzeugen.

Gianluigi Donnarumma sieht schon aus wie ein Fels in der Brandung. Italiens Nationaltorwart ist eine imposante Gestalt von riesenhafter Erscheinung: Gefühlt mehr als 1,96 Meter groß und 90 Kilo schwer. Gesegnet mit einer Bärenruhe. Als könne ihn heute und morgen nichts erschüttern. Die nächste Prüfung erwartet das frühreife Torwart-Wunderkind nun im EM-Achtelfinale in München gegen Belgien (Freitag 21 Uhr/ ZDF), im Wohnzimmer des fünffachen Welttorhüters Manuel Neuer, als dessen legitimer Erbe der zu Paris St. Germain wechselnde Schlussmann längst gilt. Mit gerade einmal 22 Jahren.

Neuer hingegen hat gerade sein wohl schwächstes Turnier beendet. Ganz sicher präsentierte sich der 35-Jährige über die vier Partien nicht in Topform, was die deutsche Nationaltorhüterin und ARD-Expertin Almuth Schult nach dem Achtelfinalaus sehr klar aussprach. „Er weiß selbst, dass er einige Szenen besser lösen kann.“ Deutschlands Nationaltorwart verlor letztlich auch das Duell gegen Englands Jordan Pickford: Während Neuer mit sieben Gegentoren ausschied, reist sein zuvor oft harsch kritisierter Kontrahent ohne jedes Gegentor zum Viertelfinale nach Rom.

Pickford weiter, Neuer raus

Die Three Lions träumen auch deshalb vom ersten EM-Titel, weil da offenbar endlich einer ist, der wieder Rückendeckung gibt. Vorbei die Zeiten, dass sich das Mutterland des Fußballs seines Ballfängers schämte. Vor der WM 2018 machte Trainer Gareth Southgate den heute 27 Jahren alten Keeper vom FC Everton zur Nummer eins, der nunmehr deutlich gereift auftritt.

Viele Kollegen leisteten sich hingegen fast slapstickartige Aussetzer: Wojciech Szczesny (Polen) oder Lukas Hradecky (Finnland) konnten für ihre Eigentore zwar wenig, aber Martin Dubravka (Slowakei) schmetterte von der Sonne geblendet, mit seiner Hand den Ball selbst hinter die Linie. Und Unai Simon (Spanien) ließ einen Rückpass über den Fuß ins Tor gleiten.

Was die Torhüter bei der EM leisten, beobachtet auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) genau. Akademieleiter Tobias Haupt sagt: „Unsere Analysen zeigen, dass diese EM bislang nicht die EM der Torhüter ist. Erneut zeigt sich, dass in der ’Red Zone’, also der gefährlichen Zone direkt vor dem Tor, die meisten Gegentore fallen. Die Verteidigung dieser Zone muss zu den Kernkompetenzen eines jeden internationalen Top-Torhüters gehören. Der Turnierverlauf zeigt bislang eine eher durchschnittliche Leistung der Torhüter.“ Der stabilste Schlussmann ist für Haupt, der selbst bis zum 30. Lebensjahr in der Bayernliga als Torhüter spielte, eben Donnarumma, der einer funktionierenden Mannschaft Sicherheit gebe: „Bei ihm ist die enorme Spielpraxis und Routine der letzten Jahre in fast jeder Aktion zu erkennen. Trotz seiner noch jungen Jahre ist er bereits äußerst abgeklärt und sicherlich einer der komplettesten Torhüter des Turniers.“

Überragendes Kriterium: Spielpraxis

In der Akademie verantwortet Haupt seit anderthalb Jahren das Projekt „N_28“. Hinter dem Code verbirgt sich die Fahndung nach einer Nummer eins, die auch bei der EM 2028 auf allerhöchstem Niveau halten kann. Einsatzzeiten sind bei der Entwicklung jeden Torwart ein elementarer Indikator. „Der internationale Toptorhüter kommt bis 23 im Durchschnitt bereits auf weit über 150 Spiele im Erwachsenalter“, erklärt der 37-Jährige. Beispielhaft der Belgier Thibaut Courtois, 29, der gegen Italien am Freitag sein 89. Länderspiel bestreitet. Beim Keeper von Real Madrid hatten sich bis zum 23. Lebensjahr bereits mehr als 300 Pflichtspieleinsätze gesammelt. Donnarumma aber überholt sie alle, sagt Haupt: „Im Alter von 22 Jahren mehr als 240 Serie-A-Spiele und 30 Länderspiele: Das ist absolut einzigartig und toppt alles um ein Vielfaches.“ Nebenbei hat er auch noch den Uralt-Rekord von Dino Zoff gebrochen, schaffte 1168 Minuten ohne Länderspiel-Gegentor.

Das einstige Torwart-Land Deutschland fahndet hingegen verzweifelt nach dem nächsten Ausnahmekönner unter der Latte. Kardinalproblem: Die nachrückende Garde spielt zu selten. Alexander Nübel (24 Jahre, 47 Erstligaspiele), dessen Wechsel im Sommer 2020 von Schalke 04 zum FC Bayern mit Blick auf das überragende Entwicklungs-Kriterium Spilpraxis kritisch zu sehen ist, lässt sich deshalb nun zum AS Monaco zu verleihen. Die U21-Nationalkeeper Finn Dahmen (23/3), Markus Schubert (23/9) und Lennart Grill (23/4) haben letzte Saison fast nur auf der Bank gesessen. Wenn aber keiner der drei Nachwuchstorhüter des U21-Europameisters bislang auf mehr als zehn Erstligaspiele kommt, stimmt etwas nicht. DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler sagt: „Spielpraxis ist entscheidend. Wir haben das Ziel, dass in der Bundesliga möglichst viele deutsche Keeper gesetzt sind.“ Das Problem: Es fehlt die Dichte an absoluten Toptalenten.

Aus dieser EM müssen Schlüsse gezogen werden

So nimmt jeder zweite Platz unter der Latte inzwischen ein Ausländer ein – sie sind inzwischen ähnlich gut ausgebildet. „Fast alle Nationen leisten sich hier Spezialisten, wir sind in Absprache mit den Klubs gerade dabei, eine eigene Torhüter-DNA zu definieren, die acht Themenbereiche behandelt“, verrät Haupt. Da geht es um torwartspezifische, taktische, athletische über persönliche bis hin zu ernährungsspezifischen Fragen. Eines steht für den Akademieleiter schon fest: Aus dieser EM müssen gerade für die Torwartposition die richtigen Schlüsse gezogen werden. Für Titel braucht es den Fels in der Brandung.

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