WM-Medienschau: Ausraster nach dem Sieg Mertesacker kontra ZDF-Mann: Was soll die Fragerei?

Von Harald Pistorius | 01.07.2014, 12:49 Uhr

Ärger nach dem glücklichen 2:1-Sieg gegen Algerien: Abwehrchef Per Mertesacker faucht ZDF-Reporter Boris Büchler an, weil ihm die Fragen nicht passen. Dabei wollte der erfahrene Interviewer nur wissen, ob nach der über weite Strecken enttäuschenden Leistung nicht eine Steigerung hermüsse im Viertelfinale am Freitag (18 Uhr) gegen Frankreich.

In der Mixed-Zone eröffnete Büchler gleich mit einer kritischen Frage und erwischte den Arsenal-Star auf dem falschen Fuß. So wurde es ein Interview, das aus dem Einerlei der Blitzgespräche nach einem Fußballspiel hervorsticht. Entsprechend schnell verbreitete sich das kurze Stück und wird im Netz diskutiert. 

„Solche Fragen wird man ja wohl noch stellen dürfen“, sprang auf der Dachterrasse in Rio de Janeiro ZDF-Moderator Oliver Welke seinem Kollegen Büchler zur Seite. Experte Oliver Kahn, selbst in Interviews im Umgang mit Reportern alles andere als pflegeleicht , widersprach. Man müsse sich in den Spieler hineinversetzen und die Sache anders angehen nach einem solchen dramatischen 120-Minuten-Match.

Im Anschluss ging Katrin Müller-Hohenstein („…um dann mal wieder etwas Positives ins Gespräch zu bringen“) mit dem Bundestrainer Joachim Löw deutlich freundlicher um, wobei der Bundestrainer auch etliche Fehler einräumte und die Stärke der Algerier betonte.

Es ist die alte Geschichte: Ein glücklicher Sieg nach einer mäßigen Leistung gegen einen als schwächer eingeschätzten Gegner – da tut sich schon immer die Kluft bei der Beurteilung zwischen Profi und Reporter auf. Einen unvergessenen Höhepunkt der Streitkultur im Fußball bescherten uns ARD-Mann Wademar Hartmann und Bundestrainer Rudi Völller am 6. September 2003 nach einem 0:0 in der EM-Qualifikation auf Island.

 Dabei will Büchler mit Hartmann nichts zu tun haben., Der studierte Sportjournalist, seit etlichen Jahren als Reporter mit der Nationalmannschaft unterwegs, hat sich spezialisiert auf das heikle Geschäft mit den Blitz-Interviews unmittelbar nach Spielende. Dass er dabei ein herausragender Filmemacher ist, wird oft vergessen. Auch in der Bundesliga ist BB der Mann, der die unangenehmen Themen nicht scheut – wie im Gespräch mit Jürgen Klopp oder mit dem etwas widerborstigen Thomas Tuchel oder mit Jens Keller. 

Ein unvergessenes Beispiel für die Konflikte zwischen professionellen Fragestellern und den Sportlern oder Trainern lieferten Jochen Breyer vom ZDF und Jürgen Klopp nach dem Viertelfinal-Hinspiel bei Real Madrid. Auch dort nahm Oliver Kahn den BVB-Coach in Schutz gegen Fragen ohne Fingerspitzengefühl. Denkwürdig auch das Streitgespräch zwischen Jörg Dahlmann und Louis van Gaal in seiner Zeit als Bayern-Trainer. Ein schöne Compilation der schönsten Ausraster haben unsere Freunde von 11Freunde zusammengestellt.

Hier das Interview von Büchler mit Mertesacker zum Nachlesen:

Büchler: Glückwunsch zum Einzug in die nächste Runde, ins Viertelfinale. Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig, so anfällig gemacht?

Mertesacker: Das ist mir völlig wurscht. Wir sind jetzt unter den letzten Acht und das zählt.

Büchler: Aber das kann ja nicht das Niveau sein, was sie sich vorgestellt haben. Wenn man jetzt ins Viertelfinale einzieht, dass man sich noch steigern muss, das dürfte auch Ihnen klar sein.

Mertesacker: Was wollen Sie jetzt von mir? Was wollen Sie jetzt, so kurz nach dem Spiel? Das kann ich nicht verstehen.

Büchler: Ich gratuliere erstmal und wollte fragen, warum es in der Defensive und beim Umschaltspiel nicht so gut gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat. Nur so.

Mertesacker: (zögert sekundenlang mit der Antwort, atmet tief durch, verdreht die Augen): Glauben Sie, hier ist unter den letzten 16 irgendwie eine Karnevalstruppe, oder was? Die haben es uns richtig schwer gemacht, und zwar über 120 Minuten. Wir haben gekämpft bis zum Ende und haben dann überzeugt, besonders in der Verlängerung. Das war ein Auf und Ab. Wir waren mutig, haben natürlich viel zugelassen, aber trotzdem muss man lange Zeit die Null halten. Das haben wir geschafft und darüber hinaus haben wir zum Ende hin auch verdient gewonnen. Ich lege mich jetzt erst einmal drei Tage in die Eistonne und dann analysieren wir das Spiel – und dann sehen wir weiter.

Büchler: Ein absoluter Kraftakt, eine Energieleistung – glauben Sie, dass jetzt irgendwann dieser Wow-Effekt kommt so wie bei der WM 2010, als es auch spielerisch besser lief?

Mertesacker: Was wollen Sie? Wollen Sie eine erfolgreiche WM oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt? Also, ich verstehe die ganze Fragerei nicht. Wir sind weitergekommen, wir sind super happy, haben heute alles gegeben und bereiten uns jetzt auf Frankreich vor.

Büchler: Dazu alles Gute.

Mertesacker: Danke.