Wer wird Jubiläumsschütze? Alternative Fakten zum 50000. Bundesliga-Tor

Von Udo Muras, Udo Muras | 10.02.2017, 10:00 Uhr

Den kommenden Spieltag dürfen Sie alle nicht verpassen, es wird vermutlich Geschichte geschrieben. Der Countdown läuft bis zum 50000. Tor seit der Gründung der Bundesliga.

Wettanbieter bieten Quoten auf den potenziellen Schützen, weit vorne liegen Mario Gomez und Anthony Modeste (13,0). Die Boulevardpresse hält uns seit Wochen auf dem Laufenden, wie viele Treffer denn noch fehlen, und befeuert das Thema mit begleitenden Serien zu den schönsten, ulkigsten und wichtigsten Toren. Dennoch: Weder DFB noch DFL stellen Urkunden aus, und auch Bundesligasender Sky plant laut Pressestelle „nichts Besonderes“. Da musste schon das Boulevard-Magazin „Sport Bild“ in die Bresche springen und ließ einen Pokal anfertigen. Beauftragt wurde die Firma des ehemaligen Dortmunder Profis Reinhold Wosab, der am 24. August 1963 seinem BVB-Kollegen Timo Konietzka die Vorlage zum allerallerallerersten Bundesliga -Tor gab.

Jener Treffer ist verbrieft und belegt, auch wenn davon keine TV-Bilder existieren. Doch ansonsten gibt es durchaus alternative Fakten zu denen, die die Springer-Presse verlautbart. Sind es wirklich 49977 Tore? Oder doch ein paar mehr? Oder weniger? Bevor Sie weiterlesen eine Warnung: Es lässt sich nicht klären, weil niemand für die Klärung zuständig ist. Womit die folgenden Alternativen zulässig sind.

 Alternative 1: Es sind in Wahrheit 49978 Tore – also eins mehr. Zu diesem Ergebnis kommt, wer das Glück hat, ein Programm zu besitzen, das alle Tore zählt, die den Spielern angerechnet wurden plus der offiziell 989 Eigentore – und weiß, was nur absolute Experten mit entsprechender Lebenserfahrung wissen. Es gibt ein Phantomtor in den Statistiken! Es begab sich nämlich zu der Zeit, als der Bundeskanzler noch Helmut Schmidt war und der Betzenberg noch ein gefürchteter Bundesliga-Standort, im düsteren November 1976, dass ein Spiel abgebrochen wurde. Nach dem Wurf von drei kleinen Schnapsflaschen aus Pfälzer Händen reichte es dem Münchner Schiedsrichter Frickel, es lief die 76. Minute. Gast Fortuna Düsseldorf führte mit 1:0. Es kam zur Verhandlung vor dem Sportgericht und das legte noch einen Treffer drauf. Spielwertung 0:2. Das zweite Tor hat somit sozusagen der DFB erzielt und seit diesen Tagen existiert ein Phantomtor in den Statistiken. Dass dieses Tor von den jungen Kollegen nicht mitgezählt wird, kann man irgendwo verstehen. Andererseits war es stets in den Berechnungen früherer Jubiläumstore enthalten.

 Alternative 2: Es sind 49968 Tore. Macht sich jemand die Mühe, alle Tore aller offiziellen Endergebnisse zu addieren, kommt er auf obige Zahl. Das sind nun neun Tore weniger als von „Sport Bild“ & Co. gedacht. Wie das? Daran sind Horst Heese und Giovanni Trapattoni schuld. Die Trainer begingen in den Neunzigern drollige Wechselfehler, weshalb ihre zufällig gleichlautenden Auswärtssiege (5:2) mit Frankfurt in Uerdingen (1993) und Bayern in Frankfurt (1995) in 0:2-Niederlagen umgewandelt wurden – dem Standardergebnis für annullierte Partien, die nicht wiederholt wurden (auch das gab es). Doch: Die Sportpresse unter Anführung des „kicker“ einigte sich stillschweigend darauf, den Schützen die Tore nicht wegzunehmen. In der persönlichen Bilanz blieben sie, nur in der Tabelle zählten sie nicht.

Wer nun sagt, das ginge doch nicht, darf auch Anthony Yeboah nicht als Torschützenkönig 1993 anerkennen. Das wurde er nämlich nur dank seiner vier Tore im inkriminierten Spiel in Uerdingen. Und Konkurrent Ulf Kirsten von Leverkusen, der auf genauso viele Tore kam, genehmigte ausdrücklich, dass auch der Tony die Kicker-Kanone bekam. „Er hat die Tore geschossen, also sollen sie ihm in der Torjägerliste auch gut geschrieben werden.“ Nobel, nobel. Das Pfostenbruch-Spiel 1971 zwischen Gladbach und Bremen, nach 85 Minuten beim Stand von 1:1 abgebrochen, wurde übrigens auch 0:2 gewertet. Macht in jedem Fall zwei Tore, das richtete weiter keinen Schaden an. Aber schon damals durfte Borussias Horst Köppel sein Tor behalten.

Wer nun meint, dass Tore annullierter Spiele trotzdem nicht zählen dürfen, aber das DFB-Tor von 1976 wieder mitzählt, kommt auf 49968. Wer nicht, auf 49967.

 Alternative 3: Es sind nur 49927 Tore (oder 49928 wegen DFB-Tor). Die Anhänger dieser These sind garantiert keine Fans von Arminia Bielefeld. Reiten sie doch darauf herum, dass die Ostwestfalen 1971/72 als Strafe für ihre Mauscheleien im Abstiegskampf 70/71 (Stichwort: Bundesliga-Skandal) eine Nullrunde spielen mussten. Punkt- und torlos wurden sie ans Tabellenende gesetzt. Spielen mussten sie trotzdem, die Ergebnisse zählten in der Tabelle, auch der ewigen, nur für den Gegner. Schon deshalb kann man die 41 Arminen-Treffer eigentlich nicht abziehen.

Was nun richtig ist? Vielleicht schafft ja ein Tweet aus dem Weißen Haus Klarheit…