Taktische Meisterleistung Mexikaner planen Entschuldigungsmarsch für Osorio

Von Alexander Heflik, Alexander Heflik | 18.06.2018, 21:04 Uhr

Moskau Wer geglaubt hatte, dass die deutsche Trainerriege in Watutinki ein taktisches Meisterwerk aus dem Hut zaubern würde, der musste Abbitte leisten. Und sich vor einem anderen verneigen: Juan Carlos Osorio, der mexikanische Chefcoach, hatte das richtige Gespür, fand die Winkelzüge, mit denen er Deutschland zusetzen konnte. Dabei stand der in der Heimat in der Kritik. Die Fans wollen sich nun entschuldigen.

Mexikos Auftaktsieg versetzt das Land in einen zweiten Freudentaumel, nachdem die WM 2026 einer Gemeinschafts-Bewerbung mit Kanada und den USA zugesprochen wurde in der vergangenen Woche.

„Angst kannten wir nicht. Wir haben getan, was wir tun mussten, und das zum richtigen Zeitpunkt“, philosophierte Osorio nach der Partie. Der 57-Jährige ist ein Weltenbummler als Trainer, erst vor vier, fünf Jahren hatte er bei Atlético Medellín seinen Durchbruch als Coach. Er verehrt den Spanier Pep Guardiola, den Argentinier Marcelo Bielsa und den Niederländer Johan Cruyff.

Zuletzt heftig in der Kritik

In Mexiko hatte der Kolumbianer zuletzt heftig in der Kritik gestanden. Viele, wie das mexikanische Fußball-Idol Hugo Sánchez, hatten einen einheimischen Trainer gefordert. Osorio war unter anderem vorgeworfen worden, sein Team zu häufig umzustellen. Als Entschuldigung ist nun ein Marsch geplant, bereits mehr als 11000 Menschen sollen schon zugesagt haben.

Was die deutsche Mannschaft mithilfe eines Trainerteams und der Zuhilfenahme neuester Videoschnitttechniken als zukunftsweisende Trainingsarbeit werbewirksam in der Öffentlichkeit verkaufte, hatte Osorio mit Mexiko auch gemacht. „Mein Match-Plan für dieses Spiel stand schon vor einem halben Jahr. Jetzt wollen wir die gute Ausgangslage zum Gruppensieg nutzen“, resümiert er nach der Partie leise.

Schachzug mit Vela

Sein größter Schachzug in Moskau war die Rollenvergabe an Carlos Vela. Der 29-Jährige nervte eine Stunde lang die deutsche Doppel-Sechs mit Toni Kroos und Sami Khedira bis auf den hintersten Nerv. Osorio: „Er war unser wichtigster Mann, das hat er perfekt gemacht.“ Das deutsche Spiel mit K&K war neutralisiert.

Vergessen war die Party-Affäre von „El Tri“, wie die Nationalelf genannt wird, nach dem letzten Testspiel. Die Spieler feierten, mit ihnen 30 Prostituierte – Ehefrauen und Freundinnen wussten nichts davon. Auch da hatte Osorio sich hinter sein Team gestellt und die Wogen geglättet.

„Nehme den Druck an“

Zurück zum Sport. „Ich nehme den Druck an, die Spieler sollen es nur genießen auf dem Feld, wie gegen Deutschland. Wenn sie gewinnen, ist das ihr Lohn. Wenn sie verlieren, übernehme ich die Verantwortung“, sagte der 57-Jährige später. Nur zweimal, jeweils bei der Heim-WM 1970 und 1986, erreichte Mexiko ein Viertelfinale. Der Sieg über den Weltmeister ist jedenfalls nicht hoch genug zu bewerten, glaubt Osorio: „Das ist ein Meilenstein für den mexikanischen Fußball. Das Wichtigste ist, dass unser Fußball weiter wächst und größer wird.“