Sieben Thesen zur Saison 2014/15 Liga der Langeweile? Nein! Wer Bayern künftig schlagen kann

Von Harald Pistorius | 23.05.2015, 19:40 Uhr

Die 52. Saison der Fußball-Bundesliga ist Geschichte. Die Zuschauer strömen in die Stadien, die Sponsoren drängeln um die besten Plätze, das Fernsehen zahlt mehr denn je. Und war dieser letzte Spieltag mit dem Abstiegs-Showdown nicht ein Beweis für die die ungebrochene Attraktivität der Eliteklasse? Ja, aber... Sieben Thesen zur Saisonbilanz.

Die Liga braucht mehr Spannung an der Spitze

Natürlich gab es immer wieder Jahre und Epochen, die geprägt waren von dominanten Klubs und überragenden Ausnahme-Mannschaften. Doch so eindeutig und gefestigt wie die Herrschaft des FC Bayern war noch keine Erfolgsserie. Und es gibt weder wirtschaftlich noch sportlich Anzeichen, dass die Münchener Fehler machen, die ihre Position gefährden könnten. Die Frage bleibt also: Wo sind die Teams, die diesen Bayern so nahe kommen können, dass der Titelkampf wieder ein offenes Rennen zwischen zumindest zwei Rivalen werden kann? Denn das braucht die Liga. Allein die Frage, wer direkt die Champions League erreicht oder in die Qualifikation muss, reißt die Fans in der jeweiligen Region mit, elektrisiert aber ganz sicher nicht die ganze Fußball-Nation wie einst die über Jahre gereiften Rivalitäten der Bayern mit Gladbach, HSV, Werder oder dem BVB. Wenn das Spannendste einer Saison der Abstiegskampf am letzten Spieltag ist, spricht das nicht für die Liga.

Die Hoffnung der Romantiker: Borussia Mönchengladbach

Schon immer war der Klub vom Niederrhein, der eine durchschnittliche Stadt mit einem komplizierten Namen in der ganzen Welt bekannt machte, eine Projektionsfläche für die Romantiker des Fußballs. Das gilt heute mehr denn je, denn der Weg des kontinuierlichen Aufbaus, den die Borussia in den letzten Jahren gegangen ist, gibt allen Hoffnung, für die die Faszination des Fußballs auch darin liegt, dass jeder es nach oben schaffen kann. Ohne einen Investor oder einen Großkonzern im Rücken haben sich die Gladbacher Stück für Stück von einem Abstiegskandidaten zu einem Spitzenklub entwickelt. Davon braucht die Bundesliga mehr, deshalb gilt ein besonderer Szenenapplaus Mainz 05.

Achtung! Die Projektvereine kommen

Bayer Leverkusen war schon immer da, an den VfL Wolfsburg hat man sich schon fast gewöhnt. Die TSG Hoffenheim ist das lupenreinste Beispiel für Fußball-Standorte, die systematisch mit externen Geldern aufgepäppelt werden und sich in der Bundesliga etablieren. Auch der FC Ingolstadt ist kein sympathischer Mittelstadt-Verein, der aus eigener Kraft den Weg nach oben geschafft hat: ohne das Engagement von Autobauer Audi hätte der 54. Neuling der Bundesliga-Geschichte kein wettbewerbsfähiges Stadion und würde wahrscheinlich irgendwo zwischen 2. Bundesliga und 3. Liga stecken. Auch der FC Augsburg gehört in diese Kategorie, denn ohne das gewaltige Anschub-Investment eines Großsponsors wäre der Aufschwung nicht möglich gewesen. Und die nächsten Projekte sind längst angelaufen: Red Bull Leipzig will zwar ums Verrecken nicht so genannt werden, ist aber nichts anderes als das größte Retortenprojekt des deutschen Fußballs - mit dem Geld eines weltweiten Energy-Drink-Konzerns. Oder der 1. FC Heidenheim, den eine ganze Region in die Bundesliga tragen will.

Tradition kann zum Ballast werden

Der Hamburger SV ist natürlich das beste Beispiel, aber es gibt noch viel mehr Klubs, denen Tradition und Geschichte nicht mehr weiterhelfen. Oft werden sie sogar zum Ballast, weil die Erinnerungen immer wieder überhöhte Erwartungen erzeugen, weil überall Altmeister und Besserwisser mit dem Totschlag-Argument „Früher...“ moderne Ansätze abwürgen, weil die Verkrustungen einer langen Klubgeschichte Strukturen gefestigt haben, die schnelle Entscheidungen und klare Kompetenzen verhindern. Der VfB Stuttgart, Hertha BSC oder der FC Schalke haben damit Probleme. Auf der anderen Seite steht die Kraft dieser Namen: Egal, mit welcher Mannschaft oder mit welchem Trainer – Namen wie Schalke, HSV oder 1. FC Köln sind ewige Reize für Fans und Zuschauer. Daraus bezieht die Liga ihre irrationale, emotionale Zugkraft – nicht, weil in Wolfsburg ein Autokonzern in der Champions League spielen will.

Die Champions League verzerrt den Wettbewerb

So schön es ist, wenn Bundesligisten in heißen Europapokalnächten Erfolge feiern - wer über Jahre in der Königsklasse dabei ist, setzt sich vom Rest der Liga in der Wirtschaftskraft weiter ab, als es sich in der sportlichen Tabelle ausdrückt. So wächst die Kluft zwischen der Spitze und dem Mittelbau, die Durchlässigkeit nach oben - ein elementare Voraussetzung für einen offenen, spannenden Wettbewerb - ist so nicht mehr gewährleistet. Was auch dazu führt, dass die an die Erfolge im Liga-Alltag gekoppelten nationalen TV-Gelder die Strukturen zementieren. Der Erste dieses Rankings kassiert 50 Millionen Euro, der letzte gerade mal 20 Millionen. Wer diese Marktgesetze aushebeln will, muss über Jahre alles richtig machen – wie Gladbach.

Talentförderung muss sich lohnen

Nie gab es so viele gut ausgebildete junge Fußballer in Deutschland, und die Kurve steigt weiter. Die systematische Arbeit in den Stützpunkten und den Nachwuchsleistungszentren der Vereine zahlt sich aus. Der SC Freiburg darf als Musterbeispiel für eine Fußballschule gelten, die die Basis für den Profistandort im Breisgau ist. Was man mit eigenen Talenten erreichen kann, wenn sie die Chance bekommen und gestützt werden, sieht man beim FC Schalke, der den höchsten Anteil an eigenen Jugendspielern in der ersten Mannschaft hat. Die Vorgaben der DFL für die Nachwuchsleistungsgrenzen werden erfreulicherweise stetig anspruchsvoller, die finanziellen Anreize für die Arbeit mit Talenten könnten noch größer werden. Denn hier füllt der Mittel- und Unterbau der Bundesliga die Lücke der Global Player, deren Maßstab die Champions League ist: Dort junge Spieler durchzubringen, ist naturgemäß viel schwerer. Also: Wer Talente fördert und einsetzt, muss belohnt werden.

Gute Trainer sind Identifikationsfiguren

Die deutsche Fußballlehrer-Ausbildung ist eine weltweit anerkannte Eliteausbildung, Jahr für Jahr werden an der Hennes-Weisweiler-Akademie zwei Dutzend neue Trainer in die Branche entlassen. Und anders als früher, als es in Deutschland gerade mal hundert hauptberufliche Trainerstellen gab, eröffnet sich jedem Absolventen eine Perspektive - die Trainerstäbe in den Profiklubs sind angewachsen, in den Leistungszentren, Stützpunkten und Verbänden werden mehr hauptamtliche Fußballlehrer gebraucht als je zuvor. Dazu kommen Randbereiche wie Scouting, Analyse und Beratung. Fußballtrainer ist ein Karriereberuf, der Druck ist groß, jeder Wechsel ist eine Aufstiegschance. Dennoch oder erst recht ist Identifikation ein Schlüssel zum Erfolg. Erst, wenn ein Trainer mit seiner Mannschaft identifiziert wird, ihr sein Gesicht gibt und eins wird mit dem Klub und seine Werte, kann sich die Faszination des Fußballs voll entfalten. An niemandem lässt sich das besser ablesen als an Jürgen Klopp, der für einen Grundsatz des Fußballs (und des richtigen Lebens?) steht, der auch in Zeiten höchster Professionalisierung und fachlicher Durchdringung mehr denn je gilt: Ohne Herz ist alles nichts.