Kommentar Rücktritt von Philipp Lahm: Der Kapitän scheut die Verantwortung

Meinung – Johannes Kapitza | 18.07.2014, 13:59 Uhr

Kapitän Philipp Lahm beendet seine Karriere in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Zu einem überraschend frühen Zeitpunkt, aber nicht vollkommen überraschend. Ein Kommentar.

Als Philipp Lahm 2010 Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde, ging das nicht geräuschlos ab: „Capitano“ Michael Ballack verpasste verletzt die Weltmeisterschaft, danach wollte Lahm sein vorübergehendes Führungsamt nicht mehr abgeben. „Dann will man mehr Verantwortung, dann will man sich um das Ganze kümmern“, begründete Lahm damals seine Ansprüche. Für Ballack endete die Zeit im DFB-Trikot nach 98 Länderspielen. Er ging als degradierter Kapitän.

Philipp Lahm gibt fünf Tage nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft hingegen freiwillig die Kapitänsbinde ab. Eine längere Bedenkzeit brauchte er nicht. Nach 113 Spielen im Nationaltrikot ist seine Länderspiel-Karriere beendet. Einen größeren Titel kann Lahm nicht mehr holen, und wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Insofern ist der Rücktritt durchaus nachvollziehbar und nicht überraschend, zumal Lahm schon während des Weltturniers in Brasilien angedeutet hatte, dass es sein finales werden könnte: „Ich finde es schön, drei Weltmeisterschaften auf drei verschiedenen Kontinenten erlebt zu haben. Ob es die letzte ist, werden wir alle sehen“, hatte er gesagt.

Ist Lahm gestresst vom Reisen um die Welt? Das dürfte wohl kaum der wahre Beweggrund für seinen Rücktritt sein. Genauso fragwürdig ist, dass er schon genug von dem prestigeträchtigen Amt hat, das er sich 2010 so intensiv erkämpft hatte. Dass er die Verantwortung freiwillig abgibt, dürfte eher der Sorge geschuldet sein, dass der WM-Triumph nicht nur Lust, sondern auch Last werden könnte. Dieser Erfolg ist nicht mehr zu toppen, da kann es nur noch bergab gehen. Auch die Diskussion um Lahms Lieblingsposition – er sieht sie im zentralen Mittelfeld und nicht auf der rechten Seite – dürfte ihre Spuren hinterlassen haben. Für Lahm ist die Nationalmannschaft kein Wunschkonzert mehr.

Als Ballacks Karriere in der Nationalmannschaft endete, war er bereits 34 Jahre alt. Philipp Lahm ist gerade einmal 30, weshalb der schnelle Rücktritt etwas überraschend kommt. Auch wenn die WM 2018 in Russland noch in weiter Ferne liegt und nicht absehbar ist, wie fit er dann noch ist, hätte er locker noch mindestens zwei Jahre weiterspielen und die Nationalmannschaft bei der EM 2016 in Frankreich anführen können. Aber diese Zukunft ist ihm zu unsicher, Lahm scheut, weiter Verantwortung zu tragen. Er weiß, wie schnell die Kapitänsbinde weg sein kann, wenn es – aus gesundheitlichen oder anderen Gründen – einmal nicht mehr so läuft. Da geht er lieber als Kapitän, der die DFB-Elf zum WM-Titel führte, als dass es ihm später einmal so ergehen könnte wie seinem Vorgänger. Ein Ende wie Ballack will sich Lahm in der Nationalmannschaft ersparen.