Experte Meinberg über Fairness „Es ist sehr freundschaftlich“

Von Lea Becker | 29.06.2016, 20:33 Uhr

Die Fußball-Europameisterschaft geht in die entscheidende Phase. Professor Eckhard Meinberg, Sportethik-Experte von der Deutschen Sporthochschule Köln, spricht im Interview mit unserer Zeitung über das Verhalten der Spieler und dessen Ursachen.

Herr Professor Meinberg, die Europameisterschaft verläuft bisher sehr fair. Es gab nur eine rote Karte. Wie erklären Sie das?

Ein Grund, warum es bisher so fair zuging, ist sicherlich der Modus. Viele Mannschaften sind nach der Vorrunde weiter gekommen, da stand bei einigen nicht so viel auf dem Spiel. Mit den K.O.-Spielen kann sich das jetzt ändern und hat es bereits auch. Im Spiel Italien gegen Spanien ist mir das erste hässliche Foul aufgefallen, so was habe ich in der Vorrunde nicht gesehen.

Welchen Grund gibt es noch?

Viele Nationalspieler, die jetzt gegeneinander antreten, spielen in der Saison zusammen im Verein. So ist es generell vor, während und auch nach dem Spiel sehr freundschaftlich. Die Spieler umarmen sich, klopfen sich nach einem Foul auf die Schulter und helfen sich gegenseitig hoch.

Durch den neuen Modus hätte sogar das Fairplay-Verhalten entscheiden können, wer ins Achtelfinale einzieht. Was halten Sie von dieser Regelung?

Ich halte nicht viel von der Fairplay-Regel. Sie suggeriert, dass Fairness messbar ist, aber sie ist nicht quantifizierbar. Die Anzahl der Karten eines Teams sagt nichts über deren sportliches Verhalten. In strittigen Situation liegt es im Ermessen des Schiedsrichters, ob und welche Karte er zeigt. Ein anderer Schiedsrichter hätten vielleicht anders reagiert. Außerdem kommt es so zu einer falschen Motivation für das Fairplay. Die Spieler handeln fair, weil sie so eventuell weiterkommen, das ist ein Mittel zum Zweck und eine rein externe pragmatische Motivation. Fairness sollte aber eine moralische Motivation sein. Sie muss von innen kommen.

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Was zeichnet Fairness denn überhaupt aus?

Fairness bedeutet, sich gemäß den Spielregeln zu verhalten, die Regeltreue einzuhalten. Das ist die Grundlage für die Schiedsrichter. Fairness wird durch das Verhalten gegenüber den Mitspielern und Gegenspielern definiert. Es soll kein demütigendes Verhalten geben. Ganz wichtig ist auch den Gegner trotz Kampf zu schonen. Das markanteste Zeichen der Fairness geht aber über die Spielregeln hinaus: Das, was man nicht machen muss, aber trotzdem macht.

Bei Weltmeisterschaften geht es nicht immer so fair zu wie jetzt bei der EM. Warum gibt es da Unterschiede?

Fairness hängt von der Sozialisation ab, der kulturelle Hintergrund ist relevant. Das sieht man an der Spielweise und dem Verhalten sowohl gegenüber den Mitspielern als auch den Gegnern. Außerdem ist die Schiedsrichterleistung sehr wichtig für einen fairen Spielverlauf. In Europa haben wir sehr gute Schiedsrichter mit höherer Kompetenz als bei der WM. Dort kommt es oft zu gravierenden Fehlentscheidungen, was das unfaire Verhalten fördern kann.

Gibt es Nationen, die für ihr faires Spielen bekannt sind?

In Europa haben wir generell sehr fair spielende Mannschaften. Als faire Nationen habe ich die skandinavischen Teams im Kopf. Auch Deutschland spielt immer sehr fair. England ist natürlich die Mutter der Fairness. Auch nach der Niederlage gegen Island haben sie sich sehr fair verhalten. Der Trainer ist von sich aus zurück getreten, auch wenn es von der Öffentlichkeit erwartet wurde. Er hat sich schützend vor die Mannschaft gestellt und die Fans gelobt, auch das zeigt Fairness.

Und unfaire Teams?

Uruguay ist für mich eher ein unfaires Team, die nicht gerade sanft spielen und oft mit Platzverweisen bestraft werden.

Wie sieht es mit Fairness bei den Zuschauern aus?

Die sportliche Fairness auf dem Rasen ist eine ganz andere als die Fairness unter den Zuschauern. Die Krawalle außerhalb des Stadions haben mit Fußball nichts mehr zu tun. Die wollen Aufmerksamkeit und niedere Instinkte befriedigen. Aber das sind die Ausnahmen. In den Stadien geht es sehr friedlich zu und das ganze drum herum, wie sie vor und nach den Spielen zusammen feiern, ist ein Genuss. Das ist eine großartige Fankultur.

Professor Eckhard Meinberg

lehrt und forscht am Institut für Pädagogik und Philosophie der Sporthochschule Köln. Seine Schwerpunkte sind Sportpädagogik und Sportethik.