Eine Pizza „Die Mannschaft“ EM-Quartier in Évian: In einer eigenen Welt

Von Johannes Kapitza | 06.06.2016, 20:34 Uhr

Mit offenen Armen begrüßt Évian-les-Bains die deutsche Nationalmannschaft – aber die wird von der Stadt wohl nicht mehr sehen als Hotel, Trainingsplatz und die Straße zum Flughafen in Annecy.

ÉVIAN-LES-BAINS. Mondän thront das Casino von Évian an der Uferstraße des Genfer Sees. Seine Leuchtreklame ist nicht ganz auf dem neuesten Stand. Die Münzspielautomaten seien inzwischen von 287 auf 150 reduziert worden, erklärt ein Mitarbeiter, und die beworbene Discotheque ist ein Nachtclub, der nur freitags und samstags öffnet. Den deutschen Fußballern wird das relativ egal sein. Sie werden, wenn sie an diesem Dienstag ihr EM-Quartier am Südufer des Genfer Sees beziehen, vom Leben in Évian wohl genau so wenig mitbekommen wie die Stadt von ihren exklusiven Gästen.

Der Rasen im Stade Camille Fournier wird am Montag noch einmal gemäht. Das weiße Dach eines kleinen Traktors ist von der benachbarten Straße zu sehen. Mehr nicht. In Évian setzt der DFB das fort, was er schon während des jüngsten Trainingslagers in Ascona und bei den Turnieren zuvor gepflegt hat. Die Tradition der Abschottung. Die Zäune am Trainingsplatz sind mit Folien blickdicht abgehängt. Bundestrainer Joachim Löw will ungestört mit der Mannschaft arbeiten, das gilt auch für die Teamunterkunft.

Rot-weiße Flatterbänder säumen die Straßen in der Umgebung des Hôtel Ermitage. Vom 6. Juni bis zum 11. Juli gilt ein Halteverbot in den kleinen Wohnstraßen rund um das Vier-Sterne-Haus. „Fourriere immediate“ warnt ein Schild – wer parkt, wird sofort abgeschleppt. Aber viel Grund zum Anhalten gibt es sowieso nicht. Hecken gewähren keinen Blick auf das Teamhotel, in dem das kleinste Zimmer regulär 450 Euro kostet – 17 Quadratmeter groß, ohne Frühstück, versteht sich. Für Normalverdiener ist das ein stolzer Preis, aber selbst reichere Gäste haben in diesen Tagen keine Chance im Ermitage. Ein Sicherheitsdienst stoppt Besucher freundlich am Tor zur Hoteleinfahrt; man spricht Deutsch. Seit Sonntag und noch bis zum 10. Juli hat der DFB das Hotel komplett für sich gebucht und bei der deutschen Nationalelf handelt es sich immerhin um „den offiziellen Weltmeister“, das bleibt auf der Webseite des Hotels nicht unerwähnt.

Fähnchen in Schwarz-Rot-Gelb

Stolz auf die prominenten Gäste ist nicht nur der Hotelbetreiber. „Bienvenue a l’Allemagne“ steht auf dem Banner, das quer über der Uferstraße kurz hinter dem Ortseingang hängt, und auch der Kreisel im Ort ist mit dem Schriftzug geschmückt. Der nicht ganz unbekannte örtliche Mineralwasser-Hersteller aus dem Danone-Konzern will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. „Willkommen bei uns zu Hause, Jungs“ steht auf einem kleinen Zusatzschild. Das Markenlogo darf darunter natürlich nicht fehlen.

Wer etwas auf sich hält im Zentrum von Évian, der hat ein Plakat mit einer Willkommensbotschaft im Schaufenster hängen. Oder kleine Fähnchen in Schwarz-Rot-Gelb, die französische Tricolore daneben rundet das Bild ab. Corinne Taberlet geht sogar noch einen Schritt weiter. Seit 28 Jahren betreibt sie schon die Pizzeria „La Pizza“ am Rande des Platzes in der Ortsmitte. Zur EM hat sie Kartoffelsalat auf die Karte gesetzt. Für die deutschen Gäste. Und eine Pizza „Die Mannschaft“ – Sahne, Wurst, Zwiebeln, Kartoffeln. Vielleicht ist es ganz gut, dass sich die DFB-Elf zwischen den Trainingseinheiten nicht mit Snacks aus der Stadt versorgen muss, sondern sich sportgerechter ernährt.

Wer ein exklusives Menu und eine stille Unterkunft genießen kann, hat es sicherlich gut. Aber er verpasst auch etwas. Das Leben an der Uferpromenade des Genfer Sees etwa, auf der die betagteren Flaneure in der Überzahl sind gegenüber den Familien mit Kinderwagen und den Hundehaltern. Wo Ausflugsboote anlegen und Angler mit Geduld ihren Fang erwarten. Es ist ein Schauspiel für sich, auch wenn es eher beschaulich zugeht in dem Kurort, dessen Wasser seit 1789 eine heilende Wirkung zugesprochen wird. Noch immer sprudelt es, abgesehen von einer halben Stunde Wartungsarbeiten am Morgen, tagtäglich aus der Source Cachat. 15 Jahre lang ist es durch Gesteinsschichten gesickert, bevor es aus dem Messinghahn fließt und Touristen und Einheimische erfrischt. Die einen füllen sich eine Flasche ab, andere laben sich direkt am Wasserstrahl.

Wellness, Golf und Ausstellungen

Fußball gespielt wird natürlich auch in Évian, nicht nur, wenn der DFB zu Gast ist. Die Kicker bilden eine Spielgemeinschaft mit einem Nachbarort. In welcher Liga sie antreten, weiß Stéphane Cannessant nicht genau. Der Direktor des Tourismus-Büros ist nicht übermäßig fußballverrückt, aber natürlich freut er sich über die prominenten Kicker. „Wir sind bislang als Ort für Veranstaltungen aus Wirtschaft und Politik bekannt“, sagt Cannessant und verweist auf 2003, als Vertreter der wichtigsten Industriestaaten, der G8, in Évian tagten. „Jetzt wollen wir zeigen, dass wir auch ein guter Gastgeber für sportliche Veranstaltungen auf einem hohen Level sein können“, sagt er. Es ist nur ein Ziel der örtlichen Touristiker: Die Hälfte der Gäste sind Franzosen, die andere Hälfte ist international. Sie stammt aus der europäischen Nachbarschaft, aber immer mehr Touristen kommen auch aus Asien und dem Nahen Osten. Bei den deutschen Urlaubern war in der Region zuletzt ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. „Wir wollen die Deutschen mit einem ,Hallo‘ willkommen heißen und uns in Erinnerung rufen: Évian ist ein Ziel auch für euch“, wirbt Cannessant mit Wellness, Golf und Ausstellungen. In den vergangenen Wochen ist die Zahl der Anrufe und E-Mails aus der Bundesrepublik aber gewachsen: Langsam, aber stetig, sagt Cannessant. Spätestens mit der Ankunft der DFB-Elf wird sich das weiter steigern, hofft er.

Wie es sich für einen guten Gastgeber gehört, haben Cannessant und seine Kollegen einen kleinen Fanshop eingerichtet. Seit Montag hängen Trikots und Schals in der Touristinformation. „Das haben wir einige Monate vorbereitet“, sagt Cannessant fröhlich. Auch die Franzosen decken sich mit Fanartikeln ein. Dass „Deutschland“ in Schwarz-Rot-Gelb auf dem Ball steht, stört ein Paar nicht. Der Ball ist für die Kinder, fünf und acht Jahre alt, und immerhin sei Deutschland doch „einer der Favoriten“, haben die Eltern Argumente für ihren Kauf. Und Fußball ist ja eh eine internationale Sprache.

Eine eigene Welt

Für die DFB-Elf hat die Stadt sogar ein Gastgeschenk parat. Im vergangenen Jahr haben die Arbeiten für einen neuen Rasen im Stadion begonnen. Im Frühjahr wurde das Geläuf fertig. Vielleicht bleibt ja von dem erhöhten Trainingsgelände in einer ruhigen Minute auch noch die Zeit für einen Blick auf den malerischen Genfer See. Dort, an der Uferstraße, rollt am Nachmittag der deutsche Teambus durch den Ort, aber für Aufregung sorgt das nicht. Es ist Montag, und da sind die Franzosen noch ein bisschen im Wochenende. Und die Nachbarn der Nationalelf sind besondere Gäste im schicken Hotel nebenan sowieso gewöhnt. Ein älteres Paar sitzt leicht bekleidet in der Mittagssonne im Garten, als sich das Tor zur Hoteleinfahrt öffnet und die offiziellen Begleitfahrzeuge aufs Gelände anrollen. Notiz von der Karawane nehmen sie nicht.

Der DFB hat mit Évian anscheinend ein Quartier gefunden , wie es seinen Wünschen seit Jürgen Klinsmann entspricht. Statt während des Turniers umzuziehen, konzentriert sich die Nationalelf seither auf eine zentrale Unterkunft, gern etwas abgelegen, um sich ungestört den sportlichen Zielen zu widmen. Dass sie den etwa 75 Minuten entfernten Flughafen in Annecy ansteuern müssen, um zu den Spielen zu fliegen, nehmen sie in Kauf.In Évian, dem ruhigen Kurort, lässt es sich ruhig arbeiten, sind sich die DFB-Strategen sicher. Mannschaft und Delegation wohnen nur zwei Kilometer und einige Serpentinen vom Ortszentrum entfernt – aber sie leben während der EM doch ganz weit weg in ihrer eigenen Welt.