In Hannover sind die Nerven angespannt Für 96-Trainer Slomka müssen gegen den VfL Osnabrück drei Punkte her

Für Mirko Slomka ist die Luft bei Hannover 96 weiter dünn. Gegen den VfL Osnabrück muss ein Sieg her. Dazu soll auch der aus Schalke ausgeliehene Cedrik Teuchert beitragen, der sich bislang mit zwei Toren und einer Vorlage als wertvoller Neuzugang erwiesen hat. Foto: imago images/Joachim SielskiFür Mirko Slomka ist die Luft bei Hannover 96 weiter dünn. Gegen den VfL Osnabrück muss ein Sieg her. Dazu soll auch der aus Schalke ausgeliehene Cedrik Teuchert beitragen, der sich bislang mit zwei Toren und einer Vorlage als wertvoller Neuzugang erwiesen hat. Foto: imago images/Joachim Sielski
Joachim Sielski via www.imago-images.de

Hannover. Um ein Haar wäre dem VfL Osnabrück die undankbare Rolle zugefallen, erster Gegner einer Mannschaft zu sein, die gerade einen Trainerwechsel hinter sich hat. Doch Mirko Slomka ist bei Hannover 96 weiter im Amt – dank eines überzeugenden 2:0-Auswärtssiegs in Dresden. Dennoch steht der 52-Jährige stark unter Druck. Im Heimspiel gegen den Aufsteiger sind drei Punkte fest eingeplant. Sollte daraus nichts werden, wird die Luft für Slomka wieder dünn.

Was die Situation des 96-Trainers nicht leichter macht: Auf die starke Vorstellung bei Dynamo folgte in der Länderspielpause prompt die Ernüchterung. Gegen den in der Tabelle bereits mit sieben Punkten Vorsprung enteilten Ligakonkurrenten Arminia Bielefeld setzte es im Eilenriedestadion eine verdiente 1:2-Testspiel-Niederlage, obwohl die Ostwestfalen nicht einmal in Bestbesetzung angereist waren. 

Sven Schipplock jubelt nach seinem Tor zum 1:0 für Arminia Bielefeld im Testspiel gegen Hannover 96. Foto: imago images/Joachim Sielski

Wer auf Hannoveraner Seite also gehofft hatte, die Mannschaft hätte in Sachsen den sprichwörtlichen Bock umgestoßen, sah sich eines Besseren belehrt. Die Aufbruchstimmung, die die erfolgreiche Dienstreise in die sächsische Landeshauptstadt hinterlassen hatte, war dahin. Das Spiel gegen den Aufstiegsaspiranten hatte deutlich gezeigt, dass der Abstand nach oben für den Tabellenelften größer ist, als es die sieben Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz ausdrücken. Zunehmend setzt sich in Hannover die Erkenntnis durch, dass es aktuell nicht bloß an Punkten fehlt, sondern an Qualität.

Das Match gegen den Tabellennachbarn Osnabrück – manche mögen von einem „Niedersachsen-Derby“ sprechen, doch dieser Begriff ist zumindest in Hannover ausschließlich für Spiele gegen den Erzrivalen Eintracht Braunschweig reserviert – dürfte somit erneut zum Endspiel für den Trainer der „Roten“ werden. Eine Niederlage oder auch ein Unentschieden wären einfach zu wenig für 96. Nur mit einem möglichst deutlichen Heimsieg gegen den Aufsteiger können die Hannoveraner doch noch nach oben schielen.

Martin Kind – hier sichtlich bedient beim enttäuschenden Auftritt von Hannover 96 gegen den 1. FC Nürnberg – hat die drei Punkte gegen den VfL Osnabrück fest eingeplant. Ansonsten dürfte es für Trainer Mirko Slomka ungemütlich werden. Foto: imago images/Joachim Sielski

Das Saisonziel war von den Verantwortlichen allerdings schon zu Beginn der Saison nur sehr zögerlich mit „Wiederaufstieg“ benannt worden. Martin Kind, bei 96 zwar nicht mehr Vereinspräsident, als Geschäftsführer und größter privater Gesellschafter der Profi-Abteilung aber nach wie vor das Maß aller Dinge, bezeichnete die Rückkehr ins Oberhaus in der Sommerpause lediglich als „wünschenswert“. Nach dem Abstieg 2016 hatte er den sofortigen Wiederaufstieg noch für „alternativlos“ erklärt und viel Geld für eine konkurrenzfähige Mannschaft in die Hand genommen – letztlich erfolgreich.

Nach dem erneuten Abstieg aber hat der Unternehmer den Geldhahn zugedreht und die finanzielle Konsolidierung von 96 in den Mittelpunkt seines Handelns gestellt. Der Verkauf von Niklas Füllkrug (Werder Bremen), Ihlas Bebou (Hoffenheim), Walace (Udinese) und Noah Sarenren Bazee (Augsburg) spülte rund 24 Millionen Euro in die Kassen, von denen Kind aber lediglich knapp 4 Millionen reinvestierte – darunter rund 750.000 Euro für Torhüter Ron-Robert Zieler, der mit Michael („Bruno“) Esser zum Entsetzen vieler Fans ausgerechnet den 96-Profi auf die Bank verdrängte, der sich den erneuten Bundesliga-Abstieg am wenigsten ankreiden lassen muss.

Ron-Robert Zieler (links) hat bei Hannover 96 Michael Esser verdrängt. Foto: imago images/Joachim Sielski

Das Transferplus von gut 20 Millionen Euro wurde zum Stopfen von Finanzlöchern verwendet oder landete auf dem Festgeldkonto. Statt zu investieren, setzte Kind auf Leihspieler wie Cedric Teuchert von Schalke 04 und die zuletzt vereinslosen – und somit ablösefreien – Dennis Aogo und Marc Stendera. Zumindest Teuchert und Stendera unterstrichen mit guten Leistungen bereits, dass Kinds Sparfuchs-Strategie angesichts des derzeit chronisch überhitzten Transfermarkts nicht unbedingt falsch sein muss. Aber um sich ernsthaft mit Konkurrenten wie dem HSV, dem VfB Stuttgart oder eben Arminia Bielefeld um den Aufstieg zu duellieren, reicht es bei 96 derzeit eben nicht.

Spottgesänge in der Nordkurve 

Die Stimmung in Hannover ist dementsprechend mal wieder mies. Bei der bitteren Heimpleite gegen Nürnberg rollten die Fans in der Nordkurve in der Halbzeitpause beim Stand von 0:3 ihre Banner ein und verfolgten den Rest des Spiels zunächst schweigend und dann mit Spottgesängen. Dieses Mal nicht aus Protest gegen Martin Kinds inzwischen auf Eis gelegte Pläne, bei 96 die 50+1-Regelung auszuhebeln, sondern angesichts einer unterirdischen Leistung der „Roten“, die am Ende völlig verdient mit 0:4 untergingen. Im ersten Heimspiel nach dem Debakel gegen den „Club“ muss die Mannschaft der Anhängerschaft nun beweisen, dass der überzeugende Sieg in Dresden kein Strohfeuer war.

Obwohl Hannover 96 in dieser Saison nicht so stark ist, wie es manche von einem namhaften Absteiger erwartet hätten, ist das gewiss keine leichte Ausgangsposition für den Liganeuling aus Osnabrück. Zumal Slomkas Team fast in Bestbesetzung auflaufen kann. Im erneuten Endspiel um seinen Trainerposten – und wohl letztlich seine Karriere – muss der 51-Jährige voraussichtlich lediglich auf den Langzeitverletzten Sebastian Jung sowie auf Miiko Albornoz (Gelb-Rot in Dresden) verzichten, während Flügelflitzer Linton Maina nach einem längerem Ausfall gegen den VfL möglicherweise sein Comeback feiert. Auch Innenverteidiger Felipe wird wohl wieder fit sein.


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