Nach Zehenbruch gegen China Voss-Tecklenburg: Marozsan spielt im WM-Viertelfinale

Von Frank Hellmann

Kann im Viertelfinale wieder eingreifen: Dzsenifer Marozsan. Foto: WittersKann im Viertelfinale wieder eingreifen: Dzsenifer Marozsan. Foto: Witters

Grenoble. Gerade mal drei Wochen nach ihrem Zehenbruch soll Dzsenifer Marozsan am Samstag im Viertelfinale gegen Kanada oder Schweden wieder auflaufen.

Es gibt ein schönes Ritual, dass die deutschen Fußballerinnen nach dem Aufwärmen aufführen: Die Ersatzspielerinnen bilden ein trichterförmiges Spalier, dann sprinten die für die Startelf nominierten Akteure los, um sich mit einem Abklatschen noch Aufmunterung abzuholen. Im Stade des Alpes von Grenoble hat vor dem Achtelfinale gegen Nigeria (3:0) auch wieder Dzsenifer Marozsan mit ausgestreckter Hand gewartet. Kommenden Samstag im Roazhon Park von Rennes, wenn es bei der Frauen-WM gegen Schweden oder Kanada weitergeht, soll die Spielmacherin wieder zu denjenigen gehören, die sich die Anfeuerung abholen.

Voss-Tecklenburg: Im Viertelfinale wird sie auflaufen

„Im Viertelfinale wird sie auflaufen“, stellte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit erhobener Stimme heraus. Weil fußballerischer Fortschritt nur mit jener Unterschiedsspielerin von Olympique Lyon zustande kommen kann, der im ersten Gruppenspiel gegen China (1:0) nach einer rüden Attacke von Shanshan Wang die mittlere Zehe des linken Fußes brach. Die verwarnte Übeltäterin hat sich bei der deutschen Topspielerin weder gemeldet noch entschuldigt.

Marozsan liegt nach ihrem Zehenbruch gegen China verletzt am Boden. Foto: imago images/Jan Hübner

Normalerweise liegt die Heilungszeit einer solchen Fußfraktur bei sechs bis acht Wochen, aber für den Notfall hätte die Spielmacherin bereits gegen Nigeria helfen sollen, wie Voss-Tecklenburg erläuterte: „Wir hätten sie eingewechselt, wenn wir sie gebraucht hätten. Jetzt sind wir froh, dass sie eine Woche an ihrer Physis arbeiten kann. Stand heute würde ich sagen: Sie wird spielfähig sein.“ Die Diagnose was vor zwei Wochen im Krankenhaus noch am selben Abend bekannt, aber erst mit tagelanger Verzögerung kommuniziert worden, weil der Schock allen Beteiligten so tief in die Glieder gefahren war.

Ein eingespieltes Team: Martina Voss-Tecklenburg (links) kann am Samstag wieder auf ihre Spielmacherin bauen. Foto: imago images/Heiko Becker

Die 27-jährige äußerte sich erstmals über ihre dritte Verletzungsgeschichte bei einer WM. Nie hat sie auf dieser Bühne gesund ihr Können zeigen können, 2011 in Deutschland hinderte ein Innenbandanriss im Knie sie an der Teilnahme, 2015 in Kanada wurde ein Bänderriss im Knöchel erst nach der Rückreise erkannt. Aber wegen dieser Pechsträhne will sie nicht hadern. „Wie schafft man das? Da muss man schon einiges erlebt haben. Es gibt Schlimmeres im Leben als einen gebrochenen Zeh. Ich weiß, der wird in wenigen Wochen heilen. Es gibt keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen“, sagte sie.  

Tochter eines Nationalspielers

„Natürlich ist das Scheiße, und man ist im ersten Moment enttäuscht, aber wenn man darüber nachdenkt, was letzten Sommer passiert ist, dann ist das nichts dagegen.“ Eine beidseitige Lungenembolie hatte für die in Budapest geborene Tochter des ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan zeitweise lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Die dramatischen Umstände von damals helfen, jetzt alles in den richtigen Relationen zu verorten.

Die deutsche Nummer zehn hatte sich langsam ins Training getastet, ihre weißen Fußballschuhe schnürte sie erstmals am Freitag. „Step by step“, Schritt für Schritt, schrieb „Maro“ bei Instagram, wolle sie die Rückkehr angehen. Der lädierte Zeh, im medizinischen Fachbegriff Digitus pedis III, ist nur mit einem Tape geschützt. „Ich habe einen rechten Fuß und der funktioniert einwandfrei – und deswegen kann ich auch gegen den Ball treten.“ Aus ihrer Sicht sei das Risiko überschaubar: „Es liegt auf beiden Seiten: Ich habe der Trainerin gesagt, dass ich bereit und vom Kopf frei bin. Aber natürlich war es gut, dass ich noch nicht zum Einsatz gekommen bin. Das hilft der Heilung.“ Fakt ist nämlich auch: „Ich habe noch Schmerzen. Der Zeh ist immer noch gebrochen, und er wird nicht schneller zusammenwachsen.“

Lina Magull (Nr. 20) war eine würdige Vertreterin für Dzsenifer Marozsan. Foto: Witters/Alex Martin

Ihre Absenz hat zuletzt Lina Magull genutzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Marozsan gönnt der 24-Jährigen die Einsatzzeiten von ganzem Herzen: „Sie ist eine geile Kickerin, eine Straßenfußballerin.“ Die Mittelfeldspielerin vom FC Bayern interpretiert die Rolle jedoch gänzlich anders als die Strategin: mit vielen Dribblings, worunter mitunter die Übersicht leidet. An Marozsans Klasse kommt Magull nicht heran. „Uns fehlt eine der besten Fußballerinnen der Welt“, sagte Voss-Tecklenburg am Samstag. „Wir sind heute auch für sie marschiert, damit sie bei diesem Turnier auf den Platz zurückkehren kann.“ Denn keiner sehnt den Auftritt in der Finalwoche mit Halbfinale und Finale in Lyon so sehr herbei wie die dort beheimatete Edeltechnikerin. 


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