Ärger mit dem Videoschiedsrichter Diese Szene sorgt bei der Frauenfußball-WM für Wut und Diskussionen

Diese Szene mit der schottischen Torhüterin Lee Alexander sorgt bei der Frauenfußball-WM für Wut und Entsetzen. Foto: imago images / PanoramiCDiese Szene mit der schottischen Torhüterin Lee Alexander sorgt bei der Frauenfußball-WM für Wut und Entsetzen. Foto: imago images / PanoramiC

Lyon. Wie die Frauenfußball-WM unter einem VAR-Einsatz leidet, der nichts als Übereifer darstellt – und Verbitterung auslöst. Oder spielen die weltbesten Fußballerinnen wieder nur Versuchskaninchen wie vor vier Jahren in Kanada?

Der Fußball bezieht seine Faszination auf einfachen Grundlagen. Die einen halten den Sport für relativ simpel. Die anderen das Spiel für einigermaßen gerecht. Ausgerechnet die Frauen-WM in Frankreich liefert auf der Zielgeraden der Gruppenphase unschöne Gegenbeispiele. Zweimal sind ohnehin strittige, weil erst durch den Einsatz des Videoschiedsrichters (VAR) verhängte Elfmeter gerade wiederholt worden, weil wieder der Videoschiedsrichter signalisierte, dass sich die Torhüterin Sekundenbruchteile zu früh von der Linie bewegt hatte. Einmal soll es um sechs Zentimeter gegangen sein, wie ein Standbild ermittelte.

Schottische Ex-Nationaltorhüterin schimpft

So durfte Wendie Renard, nachdem sie erst an den Außenpfosten gezielt hatte, noch das Siegtor für Frankreich gegen Nigeria (1:0) erzielen. Und so konnte Florencia Bonsegundo, nachdem ihr erster Versuch von Lee Alexander abgewehrt war, noch das Ausgleichstor für Argentinien gegen Schottland (3:3) markieren. Der Kontrollfreak am Mittwochabend im Pariser Prinzenpark war übrigens Bastian Dankert, der mit deutscher Gründlichkeit bei den tapferen Britinnen eine Mischung aus Enttäuschung und Entsetzen, Verzweiflung und Verbitterung anrichtete. Es flossen nicht nur reichlich Tränen, sondern es fielen auch harsche Worte. Zu Recht.

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"Lee hat 27 Jahre lang Elfmeter so trainiert und jetzt bei einer WM sagen wir: 'Nein, das geht so nicht!' Das ist lächerlich", schimpfte die schottische Ex-Nationaltorhüterin Gemma Fay bei der BBC.

Regulierungswahn bringt keinen weiter

Zustimmung kam aus Deutschland: "Ich halte diese konsequente Umsetzung der Regel mit VAR für blanken Unsinn! Es sollte im Ermessen des Schiedsrichterteams bleiben", schrieb Ralf Kellermann, ehemaliger Zweitligatorwart und sportlicher Leiter beim Frauen-Bundesligisten VfL Wolfsburg, in seiner Kolumne fürs Fachmagazin "Kicker".

Es müsste eigentlich jedem dämmern, dass mit einer Videoüberwachung, ob ein Fuß zum Zeitpunkt der Ausführung die Torlinie berührt, ein Regulierungswahn eintritt, der keinen weiterbringt. Eine Nachuntersuchung aller Elfmeter der WM-Geschichte würde vermutlich haufenweise illegale Ausführungen zutage fördern. Nadine Angerer, die ehemalige Weltklassetorhüterin, hat dazu ein Bild getwittert, bei der eine Schiedsrichterin eine Torhüterin auf der Torlinie festnagelt. Bloß nicht bewegen.

Abstrus ist es, dass zum gleichen Zeitpunkt aber Spielerinnen des ausführenden Teams in den Strafraum laufen durften. Eigentlich wurde die neue Regel ja damit begründet, dem Keeper bessere Möglichkeit zu geben, den Ball zu parieren. Nicht nur in der Bundesliga werden nämlich rund vier von fünf Elfmetern verwandelt. Warum wacht auf einmal der VAR wie ein Habicht? Die Herren in den Kontrollräumen sorgen ferner dafür, dass den Torfrauen jedesmal noch eine Gelbe Karte unter die Nase gehalten wird. Noch so eine neue Anweisung, die ab 1. Juni gilt. 

Was geschieht, wenn einer Torfrau im Elfmeterschießen das Malheur ein zweites Mal unterläuft? Muss dann nach ihrer Gelb-Roten Karte eine Feldspielerin ins Tor? Bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft sind Torhüterin Almuth Schult und Torwarttrainer Michael Fuchs gerade dabei, im Training mit einer Videokamera die neuen Regeln so gut es irgendwie geht, umzusetzen. Beide halten die Anordnung für vollkommen praxisfremd. Fuchs sagte sogar, er finde vor allem die Sanktion mit den Gelben Karte für "sehr schade, aber es ist unsere Gesellschaft, das alles mit Regeln eingeschränkt wird."

Irgendwann wird es eben zu viel

Nur irgendwann wird es eben auch zu viel: Thomas Dennerby, der schwedische Trainer von Nigerias Fußballerinnen, knallte nach dem Frankreich-Spiel seinen Kopfhörer auf den Tisch, nachdem er die kürzeste Pressekonferenz der WM gegeben hatte. "Wenn ich meine ehrliche Meinung sage, schicken sie mich nach Hause." Es braucht aber einen öffentlichen Aufschrei aller Beteiligten, um diesen Fußtritt fürs Fairplay zu verhindern.

Oder spielen die weltbesten Fußballerinnen mal wieder nur Versuchskaninchen? Schon bei der WM 2015 in Kanada wurde ausprobiert, ein ganzes Turnier auf Kunstrasen trainieren und spielen zu lassen. Die Rückmeldungen waren verheerend. Nun soll offenbar bei der WM 2019 ausgelotet werden, wie weit die technische Überwachung getrieben werden kann. Sollten die Frauen wieder nur Teil eines Feldversuchs sein, der sich als nicht tauglich erweist, wäre das schlimm genug. Aber immer noch besser, als diesen Irrsinn jetzt dauerhaft in den Fußball-Alltag zu übertragen.


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