„Wir müssen ein Team sein“ Antonio Conte: Seitenlinien-Vulkan lässt Italien träumen

Von Johannes Kapitza | 29.06.2016, 10:47 Uhr

Auf den letzten Metern seines Daseins als italienischer Nationaltrainer begeistert Antonio Conte seine Landsleute mit einer schier unerschöpflichen Leidenschaft an der Seitenlinie.

Nach dem Abpfiff warf Antonio Conte Kusshände in Richtung Tribüne und ballte die Fäuste. Der Vulkan, den Italiens Nationalspieler zuvor 90 Minuten lang verkörpert hatte, brodelte noch immer. Aber jetzt brodelte er freundlich.

Conte kann auch anders. Nach knapp 75 Minuten hatte Emanuele Giaccherini den Ball direkt vor den Augen des Trainers nicht unter Kontrolle gebracht. Italien verpasste den schnellen Angriff, und Conte verpasste dem Ball, der vor seinen Füßen landete, einen kräftigen Tritt Richtung Eckfahne. Er kam mit einer Ermahnung des Unparteiischen davon. Während sein spanisches Gegenüber, Vicente del Bosque, das Achtelfinal-Aus meistens ruhig von der Trainerbank aus verfolgte, rannte und hüpfte Conte am Spielfeldrand – und die Grenzen seiner Coachingzone konnten seinen Bewegungsdrang bei Weitem nicht stoppen. „Unser Fitness-Trainer hatte mir vorgeschlagen, mit ein GPS-System zu messen, wie viele Kilometer ich mache und wie hoch mein Intensitäts-Level ist. Aber ich fühle mich nicht so in Form. Ich habe nicht so viel Zeit, während unserer Einheiten selbst zu trainieren“, sagte er später charmant.

Souverän bis süffisant

Der 46-Jährige spielt gegenüber Journalisten auf der ganzen Klaviatur der Umgangsformen. Er hatte nicht vergessen, dass einige nach der Niederlage gegen Irland schon den EM-Abgesang auf die „Squadra Azzurra“ vorbereitet hatten. Ob es bei einem Achtelfinal-Aus gegen Spanien trotzdem eine erfolgreiche EM sein würde, hatten sie ihn schon gefragt. „Ich erinnere mich an Ihre Frage“, sagte Conte souverän bis süffisant, „viele haben gesagt, wir würden heute nach Hause fahren. Trotzdem haben wir eine fantastische Leistung gezeigt. Wir sind zufrieden.“ Spanien sei eines der besten Teams der Welt, der spanische Fußball in Gänze „sehr gesund. Sie haben wundervolle Spieler, nicht nur auf dem Feld, sondern auch auf der Bank. Dass wir sie geschlagen haben, sollte uns stolz machen.“

Seit der WM 1994 war Italien kein Sieg bei einem großen Turnier gegen Spanien gelungen. „Tja, sehen Sie, das ist schon eine Zeit“, sagte Conte und lachte. Nach 90 Minuten im Stade de France waren die Niederlagen gegen die Iberer aus den Jahren 2008 (2:4 im Elfmeterschießen im EM-Viertelfinale in Wien) und 2012 (0:4 im EM-Finale in Kiew) vergessen. „Es war eine kleine Wiedergutmachung“, sagte Conte. Der Sieg war umso schöner in „einem Spiel ohne Morgen. Es gibt kein Morgen für Spanien, aber für uns“, sagte der Trainer, der im August 2014 die Nachfolge von Cesare Prandelli angetreten hatte, der nach dem Vorrunden-Aus bei der WM zurückgetreten war.

Fast alle Spieler eingesetzt

Vor allem freute sich Conte für seine Spieler: „Sie verdienen es. Sie kämpfen gerne für das Team und geben alles, um das Land stolz zu machen. Es ist schön zu sehen, was sie auf dem Platz leisten, vom ersten bis zum 23. Spieler.“ Conte lebt diesen Kampf an der Seitenlinie mit – und er meint es ernst, wenn er sagt, dass alle im Kader gebraucht werden. Der 33-jährige Torwart Federico Marchetti ist bei diesem Turnier der einzige Spieler ohne Einsatz.

Als Altherrentruppe wird sein Team spätestens nach dem Sieg nicht mehr belächelt werden. „Wir haben mehr als einen Monat lang hart gearbeitet: taktisch, physisch und auch an unserer Mentalität, um alle ein bisschen zu überraschen. Ich glaube, das haben wir zu einem gewissen Grad geschafft“, sagt Conte, dem die Talente mit Perspektive fehlen und der deshalb auf andere Qualitäten setzt. „Ich habe immer gesagt: Um voranzukommen und einen Anflug von Erfolg zu haben, müssen wir eine Mannschaft sein. Das ist der einzige Weg. Wir können uns nicht erlauben, eine reine Sammlung von Spielern zu sein. Wir müssen ein Team sein.“

Nach Europameister Spanien wartet nun Weltmeister Deutschland. „Im März haben wir 1:4 verloren“, erinnerte Conte nicht an Italiens bisherigen Nimbus als deutscher Angstgegner, sondern an die Niederlage von München. „Am Samstag spielen wir gegen die bislang beste Mannschaft der EM. Wir werden gigantische Anstrengungen brauchen, um zu bestehen.“ Während Thiago Motta nach seiner zweiten Gelben Karte im Turnier gesperrt ist, ist der Einsatz von Daniele de Rossi wegen einer Hüftverletzung fraglich.

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