Vor 18 Jahren: Spurensuche in Lens Deutsche Hooligans zerstörten damals das Leben von Gendarm Nivel

Von Johannes Kapitza | 19.06.2016, 22:19 Uhr

Es war ein Ausbruch brutaler Gewalt. Vor 18 Jahren prügelten deutsche Hooligans einen französischen Gendarmen halb tot. Die Erinnerung an Daniel Nivel und den 21. Juni 1998 droht zu verblassen. Obwohl Hooligans aus halb Europa in diesen Tagen genauso wüten wie damals die Täter von Lens.

Daniel Nivel? Wer soll das sein? Menschen Anfang, Mitte 20 sagt der Name nichts. Das eint junge Franzosen wie Deutsche. An diesem Dienstag ist die feige Attacke deutscher Hooligans auf den französischen Gendarmen 18 Jahre her. Eine Generation ist erwachsen geworden, ohne von den Ereignissen während der WM 1998 zu wissen, die von einem Tag auf den anderen das Leben eines Menschen zerstörten, der für die Sicherheit anderer sorgen wollte. Es ist der 21. Juni 1998, ein Sonntag, als Nivels Leben eine krasse Wendung nimmt – verursacht von einem Ausbruch blinder Gewalt deutscher Schläger. Das DFB-Team trifft um 14.30 Uhr im zweiten Gruppenspiel im Stade Félix Bollaert auf Jugoslawien. Das Spiel haben etliche gewaltgeile Hooligans und Neonazis zum Anlass genommen für ihren „Frankreich-Feldzug“. Auf dem Schwarzmarkt sind Karten unerschwinglich, also schauen viele das Spiel in den Kneipen und ziehen später durch die Straßen. In der Rue Romuald Pruvost trifft eine Gruppe Betrunkener auf den Mobil-Gendarmen Nivel, der Polizeifahrzeuge in einer kleinen Gasse absperren soll. Zwei Kollegen fliehen rechtzeitig, Nivel nicht.

Zwischen Leben und Tod

Der zweifache Familienvater bezahlt dafür nicht mit dem Leben, aber sein Leben wird nach diesem Tag nie mehr sein altes sein. Sechs Wochen lang liegt er im Koma, zwischen Leben und Tod. Die Tritte und Schläge – auch mit dem Kolben von Nivels Gasgewehr – gegen Körper und Kopf verursachen irreparable Schäden. Sprechen, sehen, riechen, schmecken, hören – all das wird Daniel Nivel für den Rest seines Lebens nur noch stark eingeschränkt können.

Bundeskanzler Helmut Kohl verurteilt Angriff und Täter als eine „Schande für unser Land“. DFB-Präsident Egidius Braun spricht unter Tränen von der schwärzesten Stunde seines Lebens. „Diese WM kann mir keine Freude mehr bereiten“, sagt er. In Deutschland ist die Anteilnahme groß. Spendenkonten werden eingerichtet, ein Benefizspiel veranstaltet.

„Mich hat der Teufel geritten“

Die juristische Aufarbeitung in den folgenden Monaten und Jahren wird das ganze Ausmaß der Gewaltorgie deutlich machen. „Die haben sich so wie ein Hund in ihr Opfer verbissen. Das war wie ein Blutrausch“, zitiert der „Spiegel“ 1999 einen Zeugen aus einem Gerichtsprozess. Auch als der 43-Jährige am Boden liegt, lassen die Täter nicht von ihm ab. Gefühlskalt, ohne Gnade. „Mich hat der Teufel geritten“, sagt einer von ihnen vor Gericht. Sechs Männer werden in Deutschland und Frankreich wegen versuchten Mordes beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung zu Haftstrafen zwischen drei und zehn Jahren verurteilt.

Im Jahr 2000 wird „unter Mithilfe“ des DFB die Daniel-Nivel-Stiftung gegründet. Auch der Weltverband FIFA, die europäische UEFA, der französische Verband FFF und der DFB-Sportförderverein beteiligen sich an der Einrichtung mit Sitz in Basel, die mit einem Stiftungskapital von 1,55 Millionen Mark ausgestattet wird. Drei Ziele stehen bei ihrer Arbeit im Fokus: Prävention, die Ursachenforschung zu fußballorientierter Gewalt und die Hilfe für Opfer.

Wiedersehen für den DFB mit Nivel

Das Haus der Nivels ist damals behindertengerecht umgebaut worden, nachdem der Gendarm seine Dienstwohnung in Arras aufgeben musste. Heute tritt die Stiftung öffentlich kaum in Erscheinung. Wie etwa die Finanzierung aufgeteilt ist und ob es jährliche Zuschüsse gibt? Welche Erfolge die Stiftung für sich verbucht hat? Das bleibt auf Nachfrage unbeantwortet. „Unbefristet ist das Versprechen des DFB, in jede Bresche zu springen, sollte einmal Not herrschen“, versichert der Verband.

Beim ersten Gruppenspiel der EM 2016 hat es in Lille ein Wiedersehen für den DFB mit Nivel gegeben. Schon 2006 war der Gendarm zur WM nach Deutschland eingeladen, ebenso zum Länderspiel der Deutschen in Frankreich 2013. Egidius Braun ist längst nicht mehr Präsident, aber der DFB fühlt sich nach wie vor verpflichtet.

„Es bedeutet uns sehr viel, dass Daniel Nivel unsere Einladung angenommen und sich über diese Geste gefreut hat. Wir haben nie vergessen, was ihm Deutsche angetan haben, welches Leid über ihn und seine Familie gebracht wurde“, sagt der aktuelle DFB-Chef Reinhard Grindel, „Es war uns wichtig, ihm noch einmal persönlich zu sagen, dass wir über das Engagement der Daniel-Nivel-Stiftung auch in Zukunft immer für ihn da sein werden.“ Den 2:0-Sieg der DFB-Elf gegen die Ukraine sieht Nivel in Lille von der Tribüne. Zuvor hat Grindel dem 61-Jährigen ein Trikot der Nationalelf mit Autogrammen überreicht – im kleinen Kreis. „Wir alle sollten respektieren, dass sein Besuch ohne öffentliche Begleitung stattfinden soll“, erklärte Grindel dazu.

Keine Vergebung

Heute sollen die Nivels in Arras leben, einer Gemeinde nicht einmal 20 Kilometer südlich von Lens. Sie haben sich zurückgezogen. Über den „Tag, der unsere Familie zerstörte“, spricht Ehefrau Lorette, die öffentlich das Reden übernimmt, nicht mehr. Mit etwas Abstand und nach einer Bedenkzeit haben sie den Journalisten Olivier Montels in ihr Leben gelassen. Aus den Begegnungen ist der Dokumentarfilm „Nivel – und nicht vergessen“ entstanden. Auch der frühere Gendarm ist darin zu Wort gekommen. Verzeihen könne er den Tätern nicht. „Niemals“, hat er gesagt. Und er hat Fragen gestellt. Fragen, die niemals befriedigend beantwortet werden können: „Pourquoi moi? Warum? Warum ich?“

Was Daniel Nivel wohl gedacht haben mag, als er von den Geschehnissen bei der EM 2016 erfuhr? Dass sich Engländer und Russen Jagdszenen in Marseille liefern, sich bekämpfen und krankenhausreif prügeln. Dass Ausschreitungen von Russen und Deutschen Spiele in Lille überschatten. Dass das Bundeskriminalamt nach den Krawallen vom 12. Juni ein Hinweisportal im Internet geschaltet hat, auf dem Zeugen ihre Fotos und Videoaufnahmen einreichen können. Dass die deutschen Sicherheitsbehörden Gewalttäter an der Ausreise zu Spielen in Frankreich hindern. Dass Feuerwerkskörper aus einem Fanblock aufs Feld fliegen wie beim Spiel der Kroaten in St. Etienne. Dass Tausende Polizisten in Lille und Lens und anderswo die Spiele sichern müssen – und dabei immer in der Gefahr sind, dass auch ihr Leben sich radikal ändern könnte, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Angst vor Ausschreitungen

Lens im Juni 2016. Am vergangenen Donnerstag blieben hier Schulen geschlossen, weil am Nachmittag England und Wales im Stadion der Stadt antraten. Es war die Angst, dass Unschuldige in Ausschreitungen verwickelt werden könnten. Die Stimmung blieb friedlich, es gab keine Schlägereien. Die Stadt atmete auf.

Diese Woche wird sich der Angriff auf Daniel Nivel jähren. Die Einladung zum deutschen Spiel in Lille war französischen Medien eine Meldung wert. Darüber hinaus sind die Geschehnisse von damals kein öffentliches Thema. Auch eine Gedenktafel gibt es nicht.

Die Rue Romuald Pruvost, eine unscheinbare Einbahnstraße in der Nähe des Bahnhofs, endet heute an der Rue Jean Letienne. Die Fortsetzung des Straßenzuges existiert nicht mehr. Das Haus mit der Nummer 74, vor dem die Schläger ihr schwer verletztes Opfer schamlos liegen ließen, ist – wie seine Nachbargebäude – abgerissen worden und einer Grünfläche gewichen. Täglich blickt der Betreiber einer Bar darauf. Erst seit 15 Jahren lebt er in Lens, und trotzdem erinnert er sich: Ja, Nivel, den Namen und die Tragödie kenne er. Der Tatort wenige Meter weiter ist von der Bildfläche verschwunden, kein mahnender Ort der Erinnerung.

Die beklemmenden Bilder von prügelnden Fans während der EM 2016 machen traurig. Aus dem Schicksal von Daniel Nivel haben einige nichts gelernt. Höchste Zeit, dass immer wieder an seine Geschichte erinnert wird. Der Gendarm ist eine Lektion für den Geschichtsunterricht. Denn 18 Jahre sind eine lange Zeit – in der schon wieder viel zu viel vergessen worden ist.