Underdog will Überraschung EM-Achtelfinale: England zittert vor Außenseiter Island

Von Benjamin Kraus | 27.06.2016, 14:06 Uhr

Sie haben nur 330000 Einwohner und erreichen damit nur 0,006 Prozent der Zahl der Engländer (54 Millionen). Und trotzdem zittert das Mutterland des Fußballs vor dem abschließenden Achtelfinale am Montagabend (21 Uhr/live in der ARD) vor dem krassen Außenseiter Island – im Spiel Elf gegen Elf.

Für das Spiel ihres Lebens verwandeln sich die wilden Wikinger wie schon zuvor gedanklich in Schoßhündchen. Im Konferenzraum des Teamhotels in Annecy-Le-Vieux soll ein Motivationsplakat hängen, das einen klitzekleinen Chihuahua zeigt, der ein weglaufendes tonnenschweres Nashorn verfolgt. Das Poster sei „ein Symbol, wie weit dich großer Mut und große Einstellung bringen können“, wurde Verteidiger Elmar Bjarnason in der „Welt“ zitiert.

 Die Begeisterung könnte größer kaum sein, denn die Isländer, ein zusammengewürfelter Haufen von Spielern, die meist in unterklassigen Ligen aktiv sind, spielen in ihrem ersten K.o-Spiel bei einer EM gegen ihre eigenen Idole aus der großen Premier League. Schon die vergangenen Gruppenspiele des Teams verfolgten 99 Prozent jener Isländer, die nicht vor Ort im Stadion in Frankreich waren, live im TV – eine kaum noch zu steigernde Quote.

 Island kann überhaupt nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Bei Englands verhält es sich genau umgekehrt. „Es ist ein Spiel, dass wir einfach gewinnen müssen und das überzeugend“, schreibt der ehemalige Stürmer Alan Shearer in seiner „Sun“-Kolumne vor der Partie in Nizza. „Das Problem ist, dass die Spieler wissen, dass eine Niederlage die größte Peinlichkeit in der Geschichte unseres Nationalteams wäre. Es ist undenkbar.“

England wartet seit zehn Jahren auf einen Sieg in der K.o.-Runde eines großen Fußball-Turniers und hat noch nie bei einer EM-Endrunde außerhalb des eigenen Landes eine Partie ums Weiterkommen gewonnen. In 17 K.o.-Partien bei Welt- und Europameisterschaften kamen die Engländer in einem halben Jahrhundert lediglich sechs Mal weiter. Und nach dem 0:0 gegen die Slowakei, das die Engländer auf Platz zwei in der Gruppe einlaufen ließ und so auf die deutlich prominenter besetzte hintere Seite des Turniers zu Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien katapultierte, ist Kritik an Roy Hodgson laut geworden: Der Trainer habe sich verzockt, so der Tenor, nachdem Hodgson mehrere Veränderungen in der Startelf gegen die Slowakei vorgenommen hatte.

So sah sich der Trainer sogar genötigt, die Reporter am Samstag zu einem Gespräch am Trainingsplatz in Chantilly zu bitten, wo er sich und seine Aufstellung ausführlich erklärte. Mit Daniel Sturridge und Jamie Vardy habe er doch endlich wie zuvor gefordert die formstärksten Stürmer gebracht, dazu habe sich Jordan Henderson gut eingefügt, ebenso wie die neuen Außenverteidiger. Ein Zitat der Süddeutschen Zeitung illustriert aber die Anspannung bei den Engländern, auch bei Hodgson, ganz gut. „Es bleibt genau ein Mann übrig bei der Aufstellungs-Debatte. Ausgerechnet der Mann, für den ich vor der Euro meinen Hals unters Fallbeil gelegt habe, den ich stets verteidigt habe. Ich habe immer gesagt, Wayne Rooney ist Kapitän, er wird spielen. Und jetzt sollen wir gegen die Slowakei trotz 29 Schüssen und 15 Ecken nicht gewonnen haben, weil er nur 30 Minuten gespielt hat? Das amüsiert mich.“

Hodgsons Vertrag läuft nur noch bis zum Sommer. Sollte die Hürde Island tatsächlich zu hoch sein, würde die Wahrscheinlichkeit, dass der Kontrakt verlängert wird, gegen Null tendieren.

 Hier weitere Infos zum Duell England gegen Island.