Streiks und Anspannung Paris ist noch nicht in Stimmung für die Fußball-EM

Von Johannes Kapitza | 09.06.2016, 20:12 Uhr

Am Tag vor der Fußball-EM ist Paris noch nicht in Stimmung für das Turnier: Streiks im Transportgewerbe und der Müllabfuhr stören den Alltag. Und die große Präsenz an Sicherheitskräften ist ein Ausdruck der Angst vor Anschlägen.

Wer das Frühstücksfernsehen schaut, weiß, was die Franzosen zurzeit beschäftigt. Fußball ist es eher nicht. Natürlich darf ein Beitrag über die EM einen Tag vor deren Beginn nicht fehlen, aber seine Länge ist überschaubar. Französische Spieler dürfen etwas sagen, ein paar Bilder vom Trainingsplatz nicht fehlen. Genauso lang sind die Videosequenzen, in denen Sicherheitskräfte gezeigt werden oder die Polizei den französischen Teambus eskortiert. Die Sicherheitsfrage überlagert die EM, aber auch das interessiert die Pariser Bevölkerung am Donnerstag nur am Rande.

Streiks im Transportgewerbe und der Müllabfuhr

Streiks, Streiks, Streiks – das sind die Bilder, die die Nachrichten bestimmen. Die Kameras fangen Demonstranten ein, im Hintergrund wirbt ein Banner für die Euro 2016, aber auch das Großereignis hat nicht dazu geführt, dass der Arbeitskampf frühzeitig beendet worden wäre. Züge werden ausfallen, auch die Piloten haben einen Streik angekündigt. Das sind die Dinge, die Reisende aus dem Ausland interessieren. Aber auch die Müllabfuhr erledigt ihre Arbeit nur bedingt – das bewegt die Franzosen mehr als die Frage, ob die Fans pünktlich und problemlos zu den Spielen kommen. Das Seine-Hochwasser Anfang des Monats und die Regenfälle der jüngsten Zeit haben ebenfalls wenig sonnige Stimmung aufkommen lassen in Paris und dem Umland.

Rudi Völler tippt auf Deutschland als Sieger

Die Zeitung L’Equipe hat zumindest am Donnerstag Frankreichs Hoffnungsträger Paul Pogba aufs Titelblatt gehoben – er könnte einer der großen EM-Stars werden, hat eine Umfrage des Blattes unter 24 früheren Fußballern aus den EM-Teilnehmernationen ergeben. Rudi Völler, früher für Marseille am Ball, wollte sich diesbezüglich nicht festlegen, aber er hat zumindest dem Europameister-Favoriten Frankreich (18 Stimmen, Mehrfachnennungen möglich) die Stirn geboten und auf Deutschland getippt. Le Parisien schreibt auf seiner Titelseite „Willkommen in Frankreich“, aber auch an den Zeitungsständen ist die EM noch nicht das alles bestimmende Thema.

David Guetta gibt Konzert am Eiffelturm

Im Umfeld des Eiffelturmes ist Fußball indes allgegenwärtig. An seinem Fuße, auf dem Marsfeld, laufen die letzten Aufbauarbeiten für die Fanzone. 80000 Quadratmeter misst sie, bis zu 92000 Zuschauer sollen dort Platz finden. Am Donnerstag um 10.30 Uhr warten die ersten Fans schon an den Absperrgittern am Einlass. Nein, Schule hätten sie nicht, lachen vier Mädchen, die sich früh angestellt haben. Um 16 Uhr öffnen sich die Pforten, gegen 21 Uhr soll die große Eröffnungsshow beginnen. Um 23 Uhr gibt DJ David Guetta ein Konzert im Schatten des Eiffelturms., aber es kann nicht schaden, sich rechtzeitig anzustellen.

„Wichtig für die Fans ist: Kommen Sie früh zu den Stadien“

„Wichtig für die Fans ist: Kommen Sie früh zu den Stadien“, hat Martin Kallen, Geschäftsführer der UEFA Event-Gesellschaft, am Mittwoch bei der Eröffnungs-Pressekonferenz in St. Denis gesagt, und Jacques Lambert, Präsident des Euro-Organisationskommitees, hat den Zeitrahmen etwas konkretisiert: Drei bis vier Stunden vor dem Anpfiff sollten sich die Fans ruhig schon mal ins Stadion begeben. In den Arenen gelten ebenso ausgiebige Sicherheitskontrollen wie in den Fanzonen.

Mehr als 99 Prozent der Karten verkauft

Man habe sich „niemals die Frage gestellt, die Fanzonen zu sperren“, sagt Lambert. Es sei besser, wenn die Fans mehrfach kontrolliert an einem sicheren Ort die Spiele schauten, „als die Leute schlichtweg durch die Straßen ziehen zu lassen, wo die Menschen nicht durch besondere Sicherheitsvorkehrungen geschützt werden können“, hat er erklärt.

Keine Fernseher auf den Außenterrassen in Marseille

Sicherheitsaspekte sind auch der Hauptgrund, warum Bars in Marseille keine Spiele auf den Außenterrassen zeigen dürfen. Unter anderem treffen in der Hafenstadt am Samstag England gegen Russland aufeinander. Englische Hooligans hatten bei der WM 1998 Straßenschlachten in Marseille ausgelöst, aber diese schändliche Erinnerung ist nur ein Nebeneffekt. Generell geht die Sicherheit vor. Trotz allen Bedenken ist Martin Kallen überzeugt: „Die Atmosphäre wird immer noch sehr gut sein. Die Fans möchten die Spiele sehen und Spaß haben.“ Am Mittwoch waren offiziell mehr als 99 Prozent der Karten verkauft. Nur 8000 Tickets gab es noch für einzelne Spiele. Womöglich kommt die EM-Stimmung auch bei den Gastgebern erst richtig auf, wenn der Ball rollt.

„So wenig wie möglich unter den Bedingungen leiden“

Bis dahin lebt Paris seinen Alltag. Am Marsfeld drehen Jogger ihre Runden, allerdings entlang eines Bauzauns, der die Fanzone einschließt. Polizei, Nationalpolizei und Sicherheitsdienste zeigen Präsenz. Einige der Kräfte haben die Maschinenpistolen geschultert. Das gehört zur EM 2016. „Alle wissen, was in Frankreich und Europa vor sich geht im Bereich der Sicherheit“, hat OK-Präsident Lambert erklärt. Die EM solle „so wenig wie möglich unter diesen neuen Bedingungen leiden“. Die Sicherheitskräfte an der Fanzone erlauben ein Foto von sich, aber bitte ohne Gesicht und in Richtung der Straße fotografieren – die Fanzone ist „confidentiel“, vertrauliches Gebiet. Die Anspannung überwiegt die Vorfreude.

Metalldetektoren und Taschendurchleuchtung

Rund um das Stade de France in Paris, das im November ebenfalls von den brutalen Terroranschlägen getroffen worden war und in dem Frankreich an diesem Freitag das Eröffnungsspiel gegen Rumänien bestreitet, ist das Aufgebot an Sicherheitskräften am Donnerstag noch überschaubar. Taschen werden wie am Flughafen durchleuchtet, Gäste passieren einen Metalldetektor. Zum Abschlusstraining am späten Nachmittag bringen die Mannschaftsbusse ihre eigenen Polizei-Eskorten mit. Am Freitag, dem Tag des Eröffnungsspiels, wird sich hingegen schon frühzeitig der Sicherheitsring um die Arena schließen.

Sicherheitsfragen beschäftigen internationale Medien

Hier, in Saint Denis war am Mittwoch die Eröffnungs-Pressekonferenz abgehalten worden. Es war ein bezeichnender Ablauf: Erst scherzten Pierluigi Collina, Chef der UEFA-Schiedsrichter-Kommission, und Star-DJ Guetta darüber, dass sie Selfies miteinander gemacht hätten, weil sie sich gegenseitig für Berühmtheiten halten. Sie stellten die Respekt-Kampagne #CelebrateFootball der Uefa vor, Guetta sprach über das Verbindende von Fußball und Musik: Dass beide vereinten und keinen Unterschied machten zwischen sozialer oder kultureller Herkunft zum Beispiel. Dann musste Guetta zur Probe und vor allem OK-Chef Lambert hatte fast ausschließlich Sicherheitsfragen der internationalen Pressevertreter zu beantworten. „Wir haben alles getan, um die bestmögliche Euro ermöglichen zu können“, versicherte er.

„Le jour de gloire est arrivé!“ – das gilt in Frankreichs Nationalhymne das ganze Jahr über. Aber der Tag des Ruhms ist für Frankreich noch nicht gekommen. Selbst die Hauptstadt ist noch nicht in EM-Stimmung.