Starke Konkurrenz Freund steht bei der Vierschanzentournee unter Druck

28.12.2015, 17:01 Uhr

Der Raum ist riesig. Hell eingerichtet, mit funktionalen Holzmöbeln. Ganz vorne steht ein langer Tisch auf einem Podest, mit der weißen Tischdecke wirkt er fast wie eine festliche Speisetafel. Wären da nicht die silbernen Mikrofone, die auf dem Tisch liegen. Es ist der Ort, an dem heute die besten Athleten des Auftaktspringens der Vierschanzentournee bei der Pressekonferenz ihre Einschätzungen verkünden werden. Severin Freund hofft, dabei sein zu dürfen.

Am Sonntagnachmittag hat der große deutsche Hoffnungsträger schon einmal Probe gesessen. Das deutsche Team hatte zur Abschlusspressekonferenz vor dem Vierschanzen-Spektakel gebeten. Freund ist dabei, ebenso Bundestrainer Werner Schuster. Der sagt: „Wir haben drei Optionen, die für Furore sorgen können. Damit lässt es sich gut leben.“ Klingt gut und macht Hoffnungen. Schließlich ist der letzte deutsche Tourneesieg schon lange her. 2001/2002 triumphierte Sven Hannawald, seitdem reihten sich aus deutscher Sicht Enttäuschungen aneinander wie Autos am Samstagnachmittag in der Konstanzer Innenstadt.

Die drei deutschen Optionen heißen Severin Freund, Richard Freitag und Andreas Wellinger. Klar aber ist: Das heißeste Eisen ist Freund, der deutsche Vorzeigespringer. „Ich fühle mich fit für das erste Highlight des Winters“, sagt der 27-Jährige. Er weiß, dass der Druck groß ist. Wie immer. In den vergangenen Jahren fiel es ihm schwer, diesem Druck standzuhalten. Meist war schon nach den deutschen Springen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen Schluss mit Gesamtsiegträumen. Der Auftakt war zum Albtraum geworden. Das soll sich nicht wiederholen. Freund jedenfalls fühlt sich gut gerüstet: „Gerade der Auftakt in Oberstdorf ist sehr emotional und löst immer wieder ein Gänsehaut-Gefühl aus. Ich freue mich sehr auf das erste Springen auf meiner Heimschanze.“

Nichts dem Zufall überlassen

Trotzig steht diese Schanze am Ortsrand von Oberstdorf. Ringsherum ist alles grün, nur die Schattenbergschanze strahlt in der Sonne weiß. 140 Meter ist sie hoch, der Turm ragt 44 Meter auf. Den Schanzenrekord hält der Norweger Sigurd Pettersen mit 143,5 Metern aus dem Jahr 2003. Produzierter Schnee liegt auf der Schanze und im Auslauf. Selbst die milden Temperaturen um zehn Grad an den vergangenen Tagen haben die Ausrichtung nicht mehr gefährdet. Es ist alles gerichtet.

Die deutsche Mannschaft ist bestens vorbereitet. „Wir haben uns mit der Tournee aktiver auseinandergesetzt als die letzten Jahre“, sagt Werner Schuster. Im Sommer fand eine Generalprobe statt. Mit allen vier Springen in einer Woche. Auch die Hotels waren die gleichen wie sie es nun bei der Aufführung im Winter sind. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant, alles schon einmal durchgespielt. Eine Sieggarantie aber ist das nicht.

Durch den Druck gelähmt

Severin Freund weiß das. Vor allem aus den vergangenen Jahren, als er im Weltcup dominierte, aber ausgerechnet bei der Tournee patzte. Der Druck hatte ihn gelähmt, da ist er wieder, der Feind der Sportler. Diesmal möchte sich Freund nicht zu viele Gedanken machen. Er sagt: „Es würde mich nicht weiterbringen, mit einen großen Kopf darüber zu machen, dass es die vergangenen Jahre nicht so gut gelaufen ist.“ Den Druck fernhalten, sich auf sich konzentrieren. Das lange Geübte perfekt umsetzen. Die Zeit um Weihnachten war Erholung für den 27-Jährigen. Die Feiertage hat er mit seiner Verlobten Caren verbracht. Ganz entspannt, ganz gemütlich.

Seit Sonntag ist er nun voll fokussiert. Auf sein großes Ziel. 20 Weltcupsiege hat er bislang gefeiert, Olympiasieger ist er, Weltmeister auch. Nur die Tournee hat er noch nicht gewonnen. Der Gesamtsieg wäre das i-Tüpfelchen auf seine Karriere. Auch wenn er selbst sagt: „Ich würde nie sagen, meine Karriere ist unvollendet, wenn ich die Tournee nicht gewinne.“ Zumal die Konkurrenz groß ist. Allen voran der Slowene Peter Prevc oder die Österreicher Stefan Kraft und Thomas Hayböck. Sie alle wollen am großen Tisch Platz nehmen. Am besten in der Mitte. Dort sitzt der Sieger.