Sport „Um Fußball zu spielen, habe ich meinen Vater belogen“

31.07.2009, 22:00 Uhr

Im Oktober erscheint Ihr Buch „Mein Tor ins Leben“. Sind Sie mit 21 Jahren nicht etwas jung, um Ihre Memoiren zu schreiben? Die Idee dazu kam vom Buchverlag.

Erst habe ich auch gedacht: Nein, ich bin doch viel zu jung. Aber viele Leute haben mir Mut gemacht und gesagt: Mach das mal. Das wird etwas ganz Tolles. Obwohl du noch so jung bist, hast du doch schon Einiges erlebt.

Angefangen mit der Flucht aus dem Kosovo.

Genau. Ich war fünf Jahre alt und kann mich wirklich an alles erinnern. Wir kamen nach Deutschland, konnten die Sprache nicht, mussten uns irgendwie verständigen. Es war nicht leicht.

Wie wichtig war der Sport für Ihre Integration?

Sehr wichtig. Durch ihn habe ich die Sprache gelernt und mir einen Freundeskreis aufgebaut. Anfangs bin ich oft mit Rassismus konfrontiert worden – in der Schule und im Fußball. Die Leute nannten mich Zigeunerin oder sagten: Geh doch dahin zurück, von wo du gekommen bist. Manchmal wurde es sogar handgreiflich.

Aber als die Karriere mit dem Fußball begann...

...kam der Respekt. Einige Leute, die damals schlecht über mich geredet haben, schleichen jetzt mit gesenktem Kopf an mir vorbei.

Sie haben gegen den Willen Ihres Vaters mit dem Fußball angefangen und angeblich seine Unterschrift gefälscht, um im Verein spielen zu dürfen.

Das stimmt. Ich habe damals einfach nur Bajramaj hingeschrieben, und ich bin mir sicher, dass die Leute das nicht geglaubt haben. Aber sie wollten ja auch unbedingt, dass ich dort mitspiele, und haben daher nur gesagt: okay. Zwei Jahre lang ging das gut.

Wie hat Ihr Vater dann davon erfahren?

Mein kleiner Bruder hat im gleichen Verein bei den Bambinis gespielt, und mein Vater war bei jedem seiner Spiele. Haben sie am selben Tag gespielt, habe ich mich nicht getraut, zu unserem Spiel zu gehen. Irgendwann habe ich einmal vergessen zu fragen, wann mein Bruder spielt. Mein Vater kam und hat mich gesehen.

Gab es Ärger?

Ja, weil ich ihn angelogen hatte. Aber dann hat er gehört, dass ich gut bin. Er hat sich ein Spiel angesehen und war begeistert. Von da an kam er auch zu meinen Spielen – und er hat mir immer die schönsten Sachen gekauft.

Sie machen sich gerne chic – auch auf dem Spielfeld.

Seit meinem 16. oder 17. Lebensjahr ist mir das sehr wichtig geworden. Ein bisschen Wimperntusche und Rouge verändern sofort den Typ.

Ihre Fußball-Schuhe wurden in der Mannschaft schon mal als Tussi-Schuhe bezeichnet.

Ja, zum Spaß. Bei meinen rosafarbenen Schuhen haben sie gesagt, so etwas kann auch nur Fatmire anziehen.

Oder Franck Ribéry?

Ja. (lacht)

Gehen Sie überhaupt ohne Schminke aus dem Haus?

Klar. Zum Beispiel morgens zum Training. Da bin ich faul und schlafe lieber länger.

Ihr Faible für Mode stammt aus der Kindheit. Es heißt, zu Ihrer Einschulung trugen Sie ein Kleid, das so hässlich war, dass Sie sich seitdem immer gut anziehen wollen. Wie sah das Kleid denn aus?

Schrecklich. Es war aus einem alten, schwarzen Stoff und eng bis zur Hüfte. Ab da wurde es breit mit ganz komischen Farben. Dazu hatte ich dann noch einen Hut auf. Das war ganz schlimm. Leider war es das Lieblingskleid meiner Mutter. Deshalb musste ich es oft tragen.

Nervt es Sie, dass in den Medien häufig Ihre Vorliebe für Lidstrich und Stöckelschuhe mehr im Vordergrund steht als der Aspekt, dass Sie eine hervorragende Technikerin sind?

Manchmal denke ich, die schreiben ja nur über Mode, Schminke und Shoppen. Das ist doch nicht das Wichtigste. Ich bin hier, um Fußball zu spielen. Ich habe Angst, dass die Leute glauben, dass ich nur gut aussehen will. Aber das stimmt ja nicht. Es gibt auch Tage, an denen ich im Schlabberlook in den Supermarkt gehe, das ist ja auch gemütlicher.

Früher hatte Frauen-Fußball ein äußerst burschikoses Image. Der Wandel zu mehr Weiblichkeit, zieht er auch mehr Männer ins Stadion?

Ich glaube nicht, dass sie nur kommen, weil wir super aussehen. Die kommen schon, weil wir guten Fußball spielen und viele Tore schießen.

Die Nationalspielerinnen sind mittlerweile auch als Werbepartner attraktiv – es scheint, als könnten Sie gut vom Fußball leben.

Ja, das klappt ganz gut. Im Moment läuft es wirklich gut, auch wegen der WM 2011. Darüber freuen wir uns alle sehr.

Dennoch sind Sie bei der Bundeswehr angestellt?

Das ist ein wichtiger Förderer. Dank der Sportförderkompanie kann ich mich voll auf den Fußball konzentrieren. Sie ermöglicht es mir, sehr professionell zu trainieren, und auch sonst ist das Betreuungsangebot dort sehr groß. Früher habe ich eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin angefangen. Aber das war mir zu langweilig. Mein Traumberuf ist Visagistin und Kosmetikerin. Und das will ich auch irgendwann noch einmal machen. Ich finde es schön, Leute zu schminken. Das mache ich manchmal sogar in der Mannschaft. Da heißt es oft: Lira, machst du mir die Haare? Kannst du mir die Augenbrauen zupfen? Kannst du mich mal schminken?

Haben Sie Stammkunden?

Klar. Nadine Angerer kommt ständig an, aber auch Inka Grings.

Gegen Brasilien gab es in Frankfurt kürzlich einen neuen Zuschauerrekord, nach Sinsheim gegen die Niederlande kamen kürzlich über 22000 Fans. Spürt das Team schon die Vorfreude auf die WM 2011?

Ja, wenn wir die vielen Fans sehen, stellen wir uns manchmal vor, wie das so wird 2011. Ich glaube: Da wird es so richtig krachen.

Glauben Sie, der Hype hält auch nach der WM an?

Wenn wir die WM gewinnen sollten, dann wäre das natürlich etwas ganz Tolles. So oder so wird 2011 aber eine Superwerbung für den Frauen-Fußball. Schon jetzt kommen viele Leute zu unseren Spielen, ab 2011 wird es bestimmt noch mehr.

Die Liga spielt dennoch vor fast leeren Kulissen.

Leider. In Duisburg sind es manchmal 4000 Zuschauer. Aber in Bayern spielt man auch schon mal vor nur 500 Fans. Natürlich ist das traurig, aber auch da hoffen wir, dass die WM etwas bewirkt.

Was ist denn im Moment das Problem?

Das weiß ich nicht genau. Zu meiner Familie sage ich immer, kommt doch mal gucken. Da könnt ihr sehen, wie wir als Mannschaft zusammenhalten, dass wir eine tolle Technik habe und schöne Tore schießen.

In einem Monat beginnt die EM in Finnland. Wie läuft die Vorbereitung?

Wirklich gut. Wir sind seit Wochen zusammen und unterwegs. Es ist sehr anstrengend, aber man sieht, dass es etwas bringt. Wir sind stärker und athletischer geworden.

Bislang hatten Sie bei großen Turnieren stets die Joker-Rolle.

Stimmt, aber natürlich will ich nicht nur der Joker sein, sondern einen Stammplatz. Ich weiß, dass ich das schaffen kann. Aber dafür muss ich an mir arbeiten, meine Schwächen beheben. Ich muss gradliniger werden, auch mal einen Trick weniger machen.

Wer sind die härtesten Konkurrenten für das deutsche Team bei der EM?

Norwegen und Frankreich sind nicht schlecht. Aber ich denke, im Finale wartet Schweden.

Und wie schätzen Sie die Chancen ein?

Wir sind auf jeden Fall gut drauf. Es sieht wirklich gut aus, dass wir den Titel holen .