Sport Nowitzkis Frust: Allein gegen alle

05.09.2011, 12:02 Uhr

Im Ringen um den krönenden Abschluss seiner Nationalmannschaftskarriere verliert selbst der sonst so ruhige Dirk Nowitzki schon einmal die Fassung.

Sein lautstarker Disput mit Teamkollege Tim Ohlbrecht in der Schlussphase des Serbien-Spiels unterstrich den Ehrgeiz, mit dem der NBA-Champion bei seiner erneuten Olympia-Mission zu Werke geht. Er zeigte aber auch deutlich das Problem der deutschen Mannschaft bei der Basketball-EM in Litauen auf, die nach den beiden Niederlagen gegen Frankreich und Serbien ohne einen Sieg in die Zwischenrunde geht. Der Weg ins Viertelfinale gleicht nun einer Mount-Everest-Besteigung, Nowitzkis großes Ziel London 2012 droht zu einer Mission impossible zu werden.

In der kurzen Vorbereitungszeit von nur zwei Wochen ist es Bundestrainer Dirk Bauermann bislang nicht gelungen, das zwei Jahre ohne Nowitzki und NBA-Center Chris Kaman spielende Team mit den beiden Superstars zu vereinen. Nowitzki wirkte gegen Serbien, als er merkte, dass vom Rest des Teams keine Unterstützung zu erwarten war, ein wenig wie im Wahn. Mit dem Kopf durch die Wand wollte der 33-Jährige die Partie im Alleingang drehen, stieß dabei gegen die abgezockten Serben aber an seine (körperlichen) Grenzen.

«Das geht ein bisschen auf meine Kappe», sagte der Blondschopf sogar, doch Bauermann sah ausschließlich die Mitspieler in der Pflicht. «Mit Dirk hat derjenige, der am meisten Renommee hat, mehr gefightet als die anderen. Und da muss man sagen, Freunde, so geht das nicht», sagte der Nationalcoach, der sich einige Akteure im Vier-Augen-Gespräch noch einmal zur Brust nehmen wollte.

Vor allem Ohlbrecht dürfte von Bauermann ein paar deutliche Worte zu hören bekommen haben, nachdem er den 23-Jährigen auch auf Intervention von Nowitzki in der Schlussphase ausgewechselt hatte. «Einige waren mit dem Kopf nicht im Spiel», schimpfte Bauermann. Der Getadelte zeigte sich am Montag reumütig. «Ich hatte einen Abriss verdient, und den habe ich bekommen», sagte ehemalige Bonner, bei dem sich Nowitzki im anschließenden Team-Meeting entschuldigte.

Doch die Leistungsdiskrepanz zwischen dem Superstar und dem Rest des Teams könnte doch zu einem größeren Problem werden, als es Bauermann ohnehin schon befürchtet hatte. Die Zeit der Integration scheint zu kurz gewesen zu sein. Im Schatten des großen Superstars trauen sich die übrigen Spieler einfach zu wenig zu.

«Es ist schon nicht einfach für die jungen Spieler zu wissen, wann sie Verantwortung übernehmen und wann sie den Ball zu Dirk geben sollen», analysierte Spielmacher Heiko Schaffartzik das Dilemma treffend. Und da Nowitzki zwar in ordentlicher, nach der kurzen Pause verständlicherweise aber nicht in überragender Form ist, könnte die Deutschland-Karriere des Superstars in einer Woche bereits beendet sein. Verpasst das deutsche Team Olympia, wird man Nowitzki wohl nicht mehr im Nationaltrikot sehen.

Doch noch ist die EM für die deutschen Korbjäger nicht vorbei. Zwei Siege in der Zwischenrunde könnten für das Viertelfinale reichen. Doch mit Topfavorit Spanien, Gastgeber Litauen und voraussichtlich Polen warten die nächsten harten Brocken. «Das wird noch schwerer», prophezeite ein gefrusteter Nowitzki bei «Sport 1».

Bauermann will die Flinte aber noch nicht ins Korn werfen. Doch wie für Nowitzki könnte auch für ihn die Zeit als Nationalcoach nach den Spielen in Vilnius bereits abgelaufen sein. Verpasst Deutschland den Sprung zum zusätzlichen Qualifikationsturnier für Olympia, ist Bauermanns Doppelfunktion endgültig vorbei, wird er nur noch bei Bundesliga-Aufsteiger Bayern München auf der Bank sitzen. Es steht also einiges auf dem Spiel für die deutschen Korbjäger - nicht nur Olympia.