Sport Krise der Schweren: Außer Klitschkos Fehlanzeige

22.12.2010, 09:18 Uhr

In Deutschland ein Straßenfeger, weltweit ein Langweiler: das internationale Schwergewichtsboxen. An den Ringgefechten der «Dicken» scheiden sich die Geister.

In Deutschland buchstabiert man die Königsklasse K-L-I-T-S-C-H-K-O und feiert die Protagonisten in ausverkauften Stadien; im einstigen Box-Mekka USA träumt man von Muhammad Alis goldenen Zeiten und rümpft die Nase über den Ist-Zustand. Längst hat das Dilemma der schwersten Haudraufs seinen Stempel weg: die Krise des Schwergewichtsboxens.

Dabei kann man den Brüdern Wladimir und Vitali Klitschko das derzeitige Vakuum im Seilgeviert nicht anlasten. Vermutlich die Klügsten im Ring, sind die momentan zweifellos auch die Besten. «Sie sind die Besten, weil nichts anderes da ist», befand Box-Experte Jean-Marcel Nartz einst und traf den Nagel auf den Kopf. Fürwahr: Die Krise haben die anderen, nicht die Klitschkos.

«Sie haben sich vor keinem Gegner versteckt und es ist nicht ihre Schuld, dass es bis jetzt keine Boxer mehr gegeben hat, die sie unter Druck setzen», sagte Ex-Weltmeister George Foreman, meinte aber auch: «Die haben in den vergangenen fünf Jahren keinen richtigen Gegner mehr gehabt. Ich bewundere sie, aber wo sind ihre Gegner?»

Egal gegen wen die Ukrainer auch boxen, seit sechs Jahren kamen die Rivalen, sahen - und zogen geschlagen von dannen: Chris Byrd, Samuel Peter, Ray Austin, Eddie Chambers, Ruslan Chagaev, Kevin Johnson, Chris Areola, Juan Carlos Gomez, Shannon Briggs und, und, und.

«Der letzte spannende Kampf in der Klasse war Vitali Klitschko gegen Lennox Lewis», meinte Promoter Wilfried Sauerland. Das war 2003. Seither, so scheint es, ist in Sachen Spannung und Nervenkitzel das Ende der Fahnenstange erreicht. Lediglich der leichtfüßige und großmäulige WBA-Weltmeister David Haye, so glauben die Experten, sei einer, der den Ukrainern gefährlich werden könnte. «Die junge Generation ist noch nicht soweit, die alten sind schon in Rente», erklärte Vitali Klitschko achselzuckend.

Während in Deutschland 10 bis 13 Millionen Menschen die Fernseher einschalten, wenn die Klitschkos zuschlagen (Sauerland: «Ein Phänomen, weil man das Ergebnis vorher weiß»), bleiben in den USA die Mattscheiben zumeist schwarz. Einst zogen die Brüder über den großen Teich, um das Mutterland des schwergewichtigen Preisboxens nebst fetten Börsen per Bezahl-Fernsehen zu erobern. Das klappte nicht. Der amerikanische Box-Konsument wird nicht warm mit dem Sicherheitsstil der Klitschkos. Die Amerikaner wollen Schlachten, nicht einen klug geführten linken Jab. «Die Amis sind Alis, Fraziers, Tysons gewohnt, die mit dem Kopf durch die Wand gehen», so die Einschätzung von Nartz.

Zudem: Die einheimische Helden geben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten derzeit eine jämmerliche Figur ab. Kein Wunder, weil das einst herausragende Amateurlager kaum noch gute Nachwuchsboxer produziert. Die talentierten Kleiderschränke zieht es lieber zum lukrativeren Football und Basketball. So verlagert sich in den USA das Box-Geschäft in die unteren Klassen, wo Pacquiao, Mayweather und Cotto satte Börsen von 30 Millionen Dollar und mehr kassieren.

Hätte sich Wladimir Klitschko nicht verletzt, hätte der Kampf gegen den Briten Dereck Chisora in Mannheim in 110 Länder übertragen werden sollen. Im Detail sieht das für den US-Markt so aus: Der frei empfangbare TV-Sender ESPN hätte das Duell nur im Internet auf ESPN3.com live gezeigt. Am Tag darauf sollte eine Wiederholung im TV präsentiert werden, allerdings parallel zu den Quotenreißern in der National Football League um 14.30 Uhr. Gift für Resonanz, Anerkennung und das große Geldverdienen.