Sammelbilder seit Freitag im Verkauf Neue WM-Sticker von Panini: Der Mythos klebt

Von Harald Pistorius | 29.03.2014, 10:30 Uhr

Die Fußball-Weltmeisterschaft hat schon begonnen – die Panini-Sammelbilder sind auf dem Markt. Über 150 Millionen Tütchen mit den beliebten Stickern hat die Traditionsmarke beim Sommermärchen 2006 in Deutschland abgesetzt. An diese Zahl will man in diesem Jahr heranreichen. 80000 Verkaufsstellen sind bestückt. Wir haben vor dem Verkaufsstart im Hauptsitz von Panini in Modena vorbeigeschaut.

Modena. Frank aus Bochum steht in einer Industriehalle in Modena. Es ist laut, Maschinen laufen, Menschen in blauen Kitteln verrichten ihre mechanische Arbeit. Und Frank hat Tränen der Freude in den Augen. Er steht nicht in irgendeiner Fabrik, sondern er in der Werkshalle von Panini. Es war immer sein Traum, einmal hier zu sein.

Frank ist Sammler, Panini ist Teil seines Lebens. Er kauft und klebt, er tauscht und archiviert. Er weiß, wann das erste Album in Deutschland erschien, was das WM-Heft von 1974 bei Ebay kostet und wann ein falscher Spieler auf dem Bild war. Als er seiner Frau einen Heiratsantrag machte, legte er die Liebesbotschaft in einem großen Herz auf dem Boden aus – gebildet aus Hunderten von Panini-Tüten.

Jetzt ist er zu Besuch in Modena, auf Einladung von Panini, zusammen mit zehn anderen Hard-Core-Sammlern und einer Handvoll Journalisten. Erstmals öffnet das Unternehmen seine Türen und gewährt einen Blick hinter die Kulissen. Und in die Werkshalle: Auf Paletten werden aus der Druckerei die riesigen Bögen mit 200 Bildern in 5000er-Paketen angeliefert. Hier werden sie etappenweise geschnitten und gemischt, in Tüten und schließlich in Kartons mit 100 Tüten zu je fünf Bildern verpackt.

21 Stunden laufen die Maschinen derzeit pro Tag, es wird in drei Schichten gearbeitet; die gesamte Produktion für den europäischen Markt wird über das unscheinbare, orangefarbene Gebäude am Rand der norditalienischen Stadt Modena abgewickelt. Allein in Deutschland sollen mehr als 150 Millionen Tüten verkauft werden, seit diesem Freitag sind sie an 80000 Stellen im Handel. Deutschland ist – neben Brasilien und Italien – einer der wichtigsten und größten Märkte in dem 110 Länder umfassenden Panini-Netz.

Die Panini Group nennt selbst keine Zahlen, vielleicht haben die Manager in Modena Angst, dass zuviel Worte über das Geschäft die spezielle Romantik des Bildersammelns beschädigen könnten. Denn 120 Euro auszugeben für 640 Bilder (plus Doppelte) von Fußballern aus 32 Nationen und sie mit Fotos der Stadien und glitzernden Wappen in ein Album zu kleben, ist, nun ja – unvernünftig und kindisch.

Genau das sei es, sagt Giorgio Aravecchia lächelnd, das sei eben der Zauber der Panini-Fußball-Bilder. „Wir verkaufen Träume – dem kleinen Jungen den Traum, dass er eines Tages ein großer Fußballer wird und selbst in einem Sammelalbum ist“, sagt der Panini-Manager, „und den Erwachsenen schenken wir eine Rückreise in die Kindheit.“

Tatsächlich sind die Fußball-Kollektionen die einzigen, die gleichermaßen Kinder und Erwachsene anziehen. Der Rest der bis zu 30 Sticker-Sammlungen, die Panini allein in Deutschland auf den Markt bringt, sind auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten. Doch bei Welt- und Europameisterschaften sammeln alle: Schüler und Lehrer, Bürogemeinschaften, Altherrenmannschaften, Großeltern mit Enkeln, Eltern mit Kindern. „Zu WM-Zeiten ist ganz Deutschland unsere Zielgruppe“, sagte Hermann Paul, Geschäftsführer Panini Deutschland, „das geht durch alle Bevölkerungsgruppen und -schichten.“

Die Digitalisierung der Welt scheint daran nichts zu ändern. Obwohl Bilder und Videos der Großen des internationalen Fußballs nur einen Mausklick entfernt sind, bleibt die Faszination der Sammelbilder unberührt. „Die Menschen lieben unser Produkt, weil es so einfach und übersichtlich ist“, erzählt Aravecchia, „wenn ich Sticker mit nach Hause bringe, legt mein Sohn sein Smartphone zur Seite.“

Andere nutzen die digitalen Möglichkeiten für ihren Sammlertick. Im Internet sind virtuelle Tauschbörsen entstanden; Panini selbst hat jetzt eine App entwickelt, mit der man seine Sammlung verwalten kann, und natürlich darf man auch die berühmten letzten 50 Bilder zur Vervollständigung des Albums online bestellen.

Wer alte Bilder haben will, muss sich an Marcella de Marzi wenden. Sie ist in Modena verantwortlich für das Archiv, und sie macht jährlich Zehntausende glücklich, die auf der Jagd nach einem alten Sammelbild sind. 147 Millionen Sammelbilder aus 53 Jahren Panini-Geschichte sind in riesigen, motorgetriebenen Regalwänden abgelegt, nach Album und Nummer sortiert. „Das Wichtigste ist, dass wir die Sammler zufrieden stellen“, sagt de Marzi, die von einer Million Nachbestellungen pro Jahr berichtet. Pro Bild berechnet Panini zwei Euro, mehr als drei von einem Motiv darf ein einzelner Besteller nicht ordern. Und was weg ist, ist weg – wie das Album der WM 1970, von dem kein einziges Bild mehr im Archiv ist. Kein Wunder, dass der Band, der in Deutschland gar nicht erschien, in Sammlerkreisen mehr als 2000 Euro wert ist.

Es sind natürlich Anekdoten wie diese, die den Mythos von Panini am Leben erhalten. Dass das Unternehmen seit über zwanzig Jahren kein Familienbetrieb mehr ist, sondern zu einer Investment-Group gehört, ändert nichts an dem Gefühl, dass dies kein Geschäft ist wie viele andere.

 Und die Legende von der Entstehung ist schön, weil sie wahr ist. 1945 machen die Brüder Giuseppe und Benito Panini im Zentrum Modenas einen Kiosk auf (der übrigens noch heute existiert), sie gründen einen Zeitungsvertrieb. 1961 haben sie die Idee ihres Lebens: Die Figurini, wie Sammelbilder in Italien heißen, sind bereits populär, es gibt sie auch vom Fußball. Doch die Panini-Brüder gehen weiter: Sie drucken Bilder aller Spieler der italienischen Serie A und verpacken sie in Tüten. Per Hand, die ganze Familie hilft, „Calciatori“ ist geboren, wird auf Anhieb ein Erfolg und lebt bis heute als Klassiker. Später steigen die anderen Brüder, Umbero und Franco Cosimo, ins Unternehmen ein. Von den vieren lebt keiner mehr.

Aber noch heute präsentiert sich die Zentrale in Modena mit dem bodenständigen Charme eines Familienbetriebs. „Alle, denen ich sage, dass ich für Panini arbeite, lächeln“, sagt Manager Aravecchia, „weil jeder irgendwann gesammelt hat und sich an seine Kindheit erinnert.“ Wenn er es mit einem Bewerber zu tun hat, weiß der Personalchef aber auch, welcher Satz fast immer kommt: „Sie müssen mich schon deshalb einstellen, damit ich bei Ihnen das Geld verdiene, dass ich früher für Panini ausgegeben habe…“

Wir verlassen die Fabrik für Fußballromantik, in der nicht nur die Manager wissen, wie man die Seele eines Sammlers erreicht. Claudia steht an einer Fifimatic. In der von Umberto Panini konstruierten Maschine werden die Einzelbilder nach altem Familienrezept gemischt. Claudia lächelt, winkt und reicht uns zum Abschied ein Glitzerwappen – das Wappen des DFB. Der Anfang ist gemacht, der Virus wirkt.