Olympiaserie: Speerwurf Olympiasieger Röhler über einen besonderen Gratulanten

Von Jürgen Beckgerd | 30.12.2016, 18:42 Uhr

Speerwerfer Thomas Röhler ist auf dem Weg von Jena nach Frankfurt. Gute Gelegenheit, die Fahrtzeit zu überbrücken und ein Interview zu führen. Nach seinem Olympiasieg ist er ein gefragter Mann. Er habe die Interviews seitdem nicht gezählt – „Aber ich mach‘s natürlich gerne. Ich freue mich über jede Frage.“

Herr Röhler, wie haben Sie die Zeit nach den Olympischen Spielen erlebt, in der Sie herumgereicht, von einer Ehrung zur nächsten geschleift wurden und in sämtlichen vorstellbaren Mittelpunkten standen?

Rio wirkt natürlich nach. Da wurden meine olympischen Momente geschaffen. Die Spieler wurden und werden ja auf diesen Veranstaltungen von den anderen Menschen viel stärker reflektiert. Andererseits bin ich ja auch schon wieder im Training. Da muss ich mich gar nicht groß motivieren.

Sie haben, 44 Jahre nachdem Klaus Wolfermann in München gewann, für die erste deutsche Goldmedaille im Speerwurf gesorgt. Hat diese historische Einordnung eine Bedeutung für Sie?

Es ist eine ungeheure Ehre für mich, dass sich so viele Menschen an ihn erinnern, nachdem ich nun im Speerwurf Gold geholt habe. Wir stehen in engem Kontakt miteinander. ( Weiterlesen: Röhler holt Gold im Speerwurf )

Engen Kontakt zu Vorgänger Wolfermann

Hatte Wolfermann Ihnen gratuliert, als Ihr Sieg in Rio feststand?

Er war zum Empfang in Jena gekommen. Vorher hatten wir gar keinen Kontakt.

Und jetzt, nach Ihrem Triumph bei den Olympischen Spielen: Wie geht’s weiter?

Da bin ich auch mal gespannt, was jetzt kommt. Im Ernst: Es ist dasselbe, wie es vorher auch war. Erfolg ist ja relativ planbar, aber im Leben gibt es immer neue Herausforderungen. Die Rolle als Olympiasieger nehme ich jedenfalls gerne an…

...ändert sich etwas?

Die Goldmedaille ist jedenfalls sehr gut angekommen, das konnte man ja schon beim ISTAF (Internationales Stadionfest in Berlin) sehen. Und auf YouTube gibt es von allen Olympiasiegern ein Video. Super. Das steht bei den Usern ganz weit oben. Wir Olympiasieger sind ja irgendwie alle „local heroes“. Ich bin mir dessen bewusst. Mit meinem Trainer organisiere ich zum Beispiel das Jenaer Leichtathletik-Meeting.

Im Ernst?

Ja klar. Das ist so eine Art Hobby. Es macht mir Spaß, etwas zurückgeben zu können. Und das Meeting ist eine Bühne, etwas davon umzusetzen.

Eine Stadiontreppe als Fixpunkt

In Rio haben Sie von einem ganz besonderen Trick gesprochen. Dass Sie sich im Wettkampf auf ein ganz bestimmtes Ziel im Stadion konzentrieren.

Stimmt. In Rio war es eine Treppe. Ich visiere das Ziel als einen Fixpunkt an. Das hat etwas mit technischer Stabilität zu tun.

Hatten Sie eigentlich Zweifel daran, dass es mit Rio nicht klappen könnte? Bei der EM zuvor in Amsterdam (Platz fünf, 80,78 Meter) lief es ja nicht so rund?

Zweifel? Nein. Rio war ja mein erklärtes Ziel. Diesen Traum will doch jeder realisieren: erstens hinkommen und zweitens ein tolles Ergebnis erzielen. Beides ist mir gelungen, auch wenn es nach der schlimmen Verletzung in Amsterdam zunächst nicht danach aussah.

Gold erst mit dem letzten Wurf

Und während des Wettkampfes? Als der Kenianer Julius Yego 88,24 Meter vorlegte: Hatten Sie auch da keine Zweifel – Gold gelang Ihnen im fünften Versuch?

Ich war mir ja sicher, dass ich mit zuvor 87 Metern in den Medaillenrängen war. Ich war fokussiert, meine Fehler zuvor waren mir bewusst. In den letzten beiden Versuchen habe ich mich total konzentriert. Sie haben ja gesehen, wie ich da saß mit dem Handtuch überm Kopf. Ich wollte mich nur noch konzentrieren. ( Video: Zusammenfassung des Wettkampfs )

…und haben sich mit Ihrem Trainer Harro Schwuchow beraten.

Das ist mir sehr wichtig, gibt mir Sicherheit in der Handlungsfähigkeit. Andererseits kann ich auch ohne Trainer werfen. Es geht ja nicht, ihn zu jedem Wettkampf mitzunehmen.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht werfen oder trainieren?

Ich habe meine Bachelor-Arbeit fertig geschrieben in Sport- und Wirtschaftswissenschaften.

Der McLaren-Report zum Dopingskandal in Russland wühlt gerade Sport-Deutschland auf. Haben Sie eine Meinung dazu?

Das ist keine allein deutsche Frage und auch nicht nur eine sportliche, sondern auch eine ethische. Diese Fragen stellen sich: Wer bestimmt, wann wieder alles in Ordnung ist? Und wie lange sollen Sanktionen aufrechtgehalten werden, ohne, dass es politische Dimensionen annimmt?