Olympiaserie: Rudern Das Ziel von Lauritz Schoof ist Olympia 2020 in Tokio

Von Hannes Kern | 29.12.2016, 23:46 Uhr

Zweimal hintereinander olympisches Gold im Doppelvierer zu gewinnen ist eine herausragende Leistung. Einer, der das geschafft hat, ist der 26-jährige Lauritz Schoof, der sowohl in London 2012 als auch in Rio 2016 triumphierte. Und wenn es sein Medizinstudium zulässt, will er 2020 in Tokio noch einmal angreifen. „Meines Wissens hat kein Ruderer in Deutschland in den vergangenen 40 oder 50 Jahren dreimal olympisches Gold gewonnen“, sagt der gebürtige Rendsburger. Schoof erklärt, was ihn antreibt und was das Besondere an den beiden Goldmedaillen ist.

Herr Schoof, Sie hatten schon 2012 in London Gold gewonnen. Was war damals anders als vorher, und was war nach Rio anders als nach London?

Zunächst war ich vier Jahre jünger und in einem ganz anderen Lebensabschnitt. Ich war 21 Jahre alt, habe ein Physik-Studium begonnen und bin dann auf Medizin umgestiegen, weil ich in Bochum einen Studienplatz bekommen habe. Nach London war alles perfekt. Sprichwörtlich schwebte ich auf einer Wolke. In Rio waren viel mehr Probleme vorprogrammiert, und wir haben es unerwarteterweise doch geschafft, Gold zu holen. Wir haben das Überraschungsmoment genutzt. ( Weiterlesen: Interview mit Lauritz Schoof )

Jede Medaille ist speziell

Eigentlich müsste der Sieg in Rio einen höheren Stellenwert haben, weil wenige daran geglaubt haben.

Jede dieser Medaillen ist speziell. Für mich zählt jedes Ereignis an sich. Dazu gehört auch der WM-Titel 2015. Aber: In Rio zum zweiten Mal Gold gewonnen zu haben bestätigt eine persönlich Erfolgsserie, wodurch dem Ereignis eine besondere Gewichtung zukommt. Das ist im Rudern sehr selten. Meines Wissens hat kein Ruderer in Deutschland in den vergangenen 40 oder 50 Jahren dreimal olympisches Gold gewonnen.

Das muss ein großes Gefühl der Bestätigung sein.

Ich habe auf jeden Fall das Ziel, noch einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Ich werde das Ganze aber etwas ruhiger angehen und mich auf das Studium fokussieren. Das zu erkennen ist eine ganz wichtige Sache. Man muss sich in Sachen Sport etwas rausnehmen. Es ist wie der Tag-Nacht-Rhythmus. Man muss schlafen, damit man am nächsten Tag wieder fit ist. ( Lauritz Schoof bei Facebook )

Im Ziel fast aus dem Boot gefallen

Sie sind nach dem Zieleinlauf aufgestanden und haben die Arme ausgebreitet. Was haben Sie in diesem Moment gefühlt?

Ich bin einfach aufgestanden, weil ich es nicht fassen konnte. Beim Aufstehen bin ich fast aus dem Boot gekippt. Es war einfach irre. Für mich war es das komplette Auskosten des Sieges.

Es wäre schlimm gewesen, wenn sie in das schmutzige Wasser gefallen wären…

Das wär in diesem Moment auch egal gewesen.

Hat sich in Ihrem Leben etwas geändert?

Was auffällt: In meiner Heimatstadt hat sich nichts verändert. Da war eher der Tenor: „Schon wieder“ anstelle „Er hat es noch einmal getoppt“. Was sich verändert hat? Ich werde auf jeden Fall häufiger zu Veranstaltungen eingeladen. Mein Name ist etwas bekannter geworden. Es ist halt ein sehr großer Erfolg, mit dem man Teile der Bevölkerung erreicht, die sich normalerweise nicht mit Rudern beschäftigen.

Haben Sie wirtschaftlich vom Olympiasieg profitiert? Hadern Sie manchmal damit, dass man sich in anderen Sportarten besser vermarkten kann?

Ich habe es mittlerweile akzeptiert. Ich bin aber einer von den Ruderern, denen es wirtschaftlich besser geht. Ich kann mich normal finanzieren. Es reicht natürlich nicht für die nächsten Jahre. Es geht auch nur, weil ich die Erfolge eingefahren habe. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die auf Spenden aufgebaut ist, ist die Grundlage für Leistungssport. Ich habe auch ein paar persönliche Sponsoren. ( Alles über Lauritz Schoof )

Neben dem Rudern noch ein Medizinstudium

Sie haben das Problem, Hochleistungssport und Medizinstudium unter einen Hut bringen zu müssen. Wie schaffen Sie das? Welche Freiheiten gewährt Ihnen die Universität?

Ich habe zum Beispiel nach London im Jahr 2013 weniger Sport gemacht und mich auf das Studium konzentriert. Vor Rio war es dann nicht mehr so einfach. Jetzt bin ich im neunten Semester und arbeite parallel den Stoff vom achten Semester nach. Ich habe viel zu tun und ein bisschen mehr Stress als meine Kommilitonen. Mir wird aber vor allem durch Kommilitonen und die Ruhr-Universität sehr geholfen. Aber es ist halt so: Es ist mir im Hinblick auf die persönliche Entwicklung ganz wichtig, sich neben dem Sport mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Haben Sie sich ein Zeitlimit gesetzt, bis wann Sie ihr Studium abschließen wollen?

Ja, bis 2018 will ich fertig sein.

Sie wollen bis zu den Spielen in Tokio 2020 weitermachen, aber sich auch mehr auf das Studium konzentrieren. Wie passt das zusammen?

Das stimmt schon. Ich habe das Ziel, in Tokio dabei zu sein. Andererseits muss ich schauen, wie sich das mit dem Medizinstudium verträgt. So wie ich es sehe, dürfte es eigentlich keine großen Probleme geben. Ich muss einigermaßen dran bleiben und den Zeitplan bis zum Examen einhalten. Dann kommt noch eine Doktorarbeit hinzu. Das ist aber nicht das Problem. Wichtig ist, dass ich das Studium zu Ende bringe und mich dann wieder mehr auf den Sport konzentrieren kann. Das ist die grobe Planung.

Das Ziel ist 2020 in Tokio wieder dabei zu sein

Was bedeutet Ihnen die Chance, zum dritten Mal Gold zu gewinnen?

Dieser Gedanke treibt mich natürlich an. Ich habe sportlich schon viel erreicht, und dafür bin ich auch sehr dankbar. Mal sehen, wie es weitergeht. Ich brauche ab und zu Ruhe. Höchstleistung kann eine gewisse Zeit erbracht werden, dabei muss man sich aber gut einschätzen. Ich kenne Leute, die in der Lage sind, zwölf Jahre dauerhaft zu brennen. Das kann ich nicht. Ich brauche eine gewisse Struktur, da ich sonst aus dem Ruder laufe. Ich bin ein Träumer. Daraus hat sich aber meine Stärke, von einem starken Ehrgeiz angetrieben zu werden, entwickelt. Hinzu kommen gute körperliche Voraussetzungen.

Was treibt Sie an, diese ganzen Mühen weiter auf sich zu nehmen?

Meine Grundmotivation ist, den Wettkampf zu gewinnen. Ich liebe meinen Sport. Dabei habe ich Spaß an der Bewegung und der Perfektionierung dieser.

Aber Sie sitzen nicht alleine im Boot, das muss zu viert funktionieren…

Es heißt, je besser das Individuum, desto mehr Möglichkeiten der Perfektion hat man in der Mannschaft. Die Motivation ist das gemeinsame Agieren. Rudern ist einerseits ein Einzelsport und man versucht, im Einer der Beste zu sein. Andererseits muss man eigene Interessen im Vierer zurückschrauben und den Teamgedanken pflegen. Wir brauchen einander. Dabei gehört es dazu, das individuelle Training umzustellen, wenn drei mit gewissen Dingen klarkommen und einer nicht. Die Auseinandersetzung und Gespräche sind unheimlich wichtig.

Sie mussten auch Niederlagen einstecken wie Verletzungen oder wie 2011 bei der WM, als Ihnen ein technischer Fehler unterlief, der den Titel kostete. Wie gehen Sie mit solchen Niederlagen um? Ich habe gelesen, Sie haben sich auch mit Mentaltraining beschäftigt.

Solche Dinge haben mir auch geholfen. Auf lange Sicht hat sich so etwas positiv niedergeschlagen. Durch den technischen Fehler, der mir 2011 unterlief, habe ich in jungen Jahren gelernt, mit Drucksituationen umzugehen.

Ein Olympiasieg macht nicht restlos glücklich

Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Ich glaube, dass ich ganz normal geblieben bin. Ein Olympiasieg ist etwas Einmaliges, das einem niemand mehr nehmen kann. Es stimmt nicht, dass es einen restlos glücklich macht, aber es beruhigt. Ich kann vollauf zufrieden sein.

Es war zu hören, Sie würden auch an Weihnachten trainieren. Stimmt das?

Das stimmt. Wenn du alles gibst, musst du dir später nichts vorwerfen.