KOLUMNE Reporter unterwegs: Wie Gott in Frankreich

Eine Kolumne von Johannes Kapitza | 08.06.2016, 10:28 Uhr

Es gibt das Sprichwort vom Leben wie Gott in Frankreich. Unser Redakteur Johannes Kapitza hat es ausprobiert. Es ist für ihn noch ein sehr weiter Weg bis zum Olymp.

Mir fehlen die Worte, um den Mix meines Hotels in Évian zu beschreiben. Vielleicht reichen diese Eindrücke: Die Ersatzrolle Toilettenpapier ist mit einem Geschenkband samt Schleife verziert. Stühle in Treppenhaus und Gängen sind in der Regel von Teddybären besetzt. Das Restaurant besticht durch seinen monumentalen und dunkelrot-braunen Kolonialzeit-Stil, und auf der Terrasse am See wartet man sekündlich darauf, dass Roy Black oder Peter Alexander singend um die Ecke biegen.

Aber ich bin weder am Wörther- noch am Wolfgangsee und wohne nicht im Weißen Rössl, sondern im „Die Schwäne“. Wenigstens nicht bei den Fischen, aber zu denen sehne ich mich am Abend. Sollten Sie jemals im Ausland in einem Restaurant essen: Tisch 102B ist vermutlich immer der Platz für Härtefälle. Raten Sie, wo ich sitze. Ein bisschen habe ich mich vorbereitet auf Frankreich, aber bei Speisekarten bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich bestelle also auf Englisch aus der englischen Karte. Derangiert fühle ich mich trotzdem, die Franzosen setzen beim Essen schließlich Maßstäbe. Muss ich eigentlich den Aperitif-Wein bis zum Hauptgang geleert haben? Sind Brötchen und Butter vielleicht erst die Beilage zum Hauptgang? Warum tuscheln die Kellner, wenn sie in meine Richtung schauen? Und nimmt mich die Bedienung überhaupt für voll, wenn am Strohhalm der Apfelschorle ein kleiner Lametta-Kranz durch die Gegend puschelt? Ich sage es mal so: Ich will es hoffen für den Preis.

Um Sie aufzuklären und mich zu beruhigen: Die Brötchen darf man wirklich vorab essen, die Wein-Trinkgeschwindigkeit ist nicht vorgegeben und die Rechnung geht erst mal aufs Zimmer.Ach so, es gab eine Beilage, und das Fleisch war sehr lecker. Ich habe überlegt, den Knochen heimlich dem Hund des Hauses zuzustecken oder ihn selbst runterzuschlingen. Zu verlieren hatte ich anscheinend eh nicht mehr viel, und als guter Gast isst man gefälligst auf. Und verabschiedet sich mit einem Liedchen von Peter Alexander auf den Lippen. Sie sind halt manchmal komisch, diese Deutschen.