„Kai braucht keine Bleischuhe“ Havertz und der „gehorchende Ball“ – Leverkusen-Wunder in Madrid?

Von Stefan Alberti | 23.02.2017, 15:35 Uhr

Das war’s dann wohl mit der Champions League am Leverkusener Kreuz. Zumindest erst einmal in dieser Saison. Nach dem 2:4 im Achtelfinal-Hinspiel gegen Atlético Madrid können sich wohl nur noch die kühnsten Optimisten vorstellen, dass Bayer Leverkusen im Estadio Vicente Calderón am 15. März noch zu einem kleinen Fußballwunder fähig ist.

Ja klar, dass in diesem Sport alles möglich ist, wissen wir. Bayer Leverkusen weiß das auch und verweist dabei gerne auf den 18. Mai 1988, als das Team von Coach Erich Ribbeck nach einem 0:3 im UEFA-Cup-Final-Hinspiel bei Espanyol Barcelona im Rückspiel den Spieß umdrehte und im Elfmeterschießen gewann.

„Wunder gibt es immer wieder“, sang ja auch einst Katja Ebstein. Und so lassen die Bayer-Spieler auch gar nicht erst den Eindruck aufkommen, dass das Rückspiel in Madrid eher zu einem schönen Betriebsausflug verkommen könnte. „Es ist schon ein bitteres Ergebnis. Atlético hat aber auch eine unglaubliche Qualität, vor allem vorne“, sagt Kevin Volland. „In Madrid werden wir alles raushauen. Es gab in der Vergangenheit immer verrückte Spiele.“ Julian Brandt drückt sich etwas komplizierter aus: „Ich würde jetzt nicht behaupten, dass in Madrid alles unmöglich ist.“

Jürgen Gelsdorf, nach seiner Spieler- und Trainerkarriere langjähriger Leiter des Leistungszentrums in Leverkusen (seit Dezember 2015 per Altersteilzeit im Ruhestand) kann sich kaum mehr vorstellen, dass Bayer noch etwas umbiegen könnte, „aber manchmal gibt es verrückte Spielverläufe, wer weiß das schon“. Für den 64-Jährigen ist es aktuell ein Genuss, von der Tribüne aus den Bayer-Bubi Kai Havertz zu beobachten, den er vor Jahren nach Leverkusen gelotst hatte. „Ein langjähriger Scout von Bayer hat den Jungen in Aachen gesehen. Wir haben ihn zu uns geholt, als er elf oder zwölf Jahre alt war“, sagt Gelsdorf.

Der 17-Jährige feierte am Dienstag nach zwei kurzen Einsätzen in der Champions-League-Vorrunde (Tottenham Hotspur, ZSKA Moskau) sein Startelf-Debüt auf europäischer Ebene. „Das macht einfach Spaß, diesen Jungen Fußball spielen zu sehen“, sagt Gelsdorf. Als Havertz damals nach Leverkusen gewechselt sei, „haben wir alles ganz behutsam aufgebaut, immer in Absprache mit den Eltern, immer mit Berücksichtigung der schulischen Belastung“. Jetzt stehe er kurz vor dem Abitur, „und deswegen finde ich gut, was der Club macht“. Die Bayer-Verantwortlichen versuchen, den 17-Jährigen derzeit möglichst aus dem Medienrummel herauszuhalten. Gelsdorf: „Wenn der Junge die Karriere nimmt, die wir uns alle erhoffen, dann wird er noch viele Interviews geben. Da sollte man sich jetzt ein bisschen gedulden.“

Der Havertz-Förderer macht sich keine Gedanken darüber, dass dem Youngster der Erfolg über den Kopf wachen könnte. Warum? „Weil er von der Erziehung her mehr als geerdet ist. Kai braucht keine Bleischuhe, der ist mit beiden Beinen auf dem Boden. Das ist keiner, der durchdreht und sich direkt 15 Tattoos stechen lässt. Der hat einfach Spaß am Fußball, hat außergewöhnliches Talent. Kai braucht nicht auf den Ball schauen, wenn er angespielt wird. Der Ball gehorcht ihm ohnehin.“