„Jeder Spieler träumt davon“ Patrik Kühnen: In Wimbledon schwebt ein Mythos mit

Von Lea Becker | 24.06.2016, 23:43 Uhr

Am Montag startet in Wimbledon das dritte Grand Slam der Tennissaison. Patrik Kühnen, Exprofi und ehemaliger Davis-Cup-Coach, ist als Experte beim Fernsehsender Sky vor Ort. Im Vorfeld spricht er über das prestigeträchtigste Turnier der Welt und die deutschen Hoffnungsträger.

Herr Kühnen, was macht Wimbledon so einzigartig?

Wimbledon ist „das“ Turnier. Es hat eine ganz andere Wertigkeit. Der Center Court ist „der“ Platz. Jeder Tennisspieler träumt davon, einmal auf diesem Platz zu spielen. Dort wurden große Matches gespielt. In Wimbledon schwebt ein Mythos mit. Dieses ehrwürdige Turnier, die Tradition, die Geschichte die da drin steckt.

Und ist deswegen auch für jeden Spieler besonders?

Ja. Zum einen wird auf Rasen gespielt, das hat eine große Tradition, zum anderen ist alles reduziert. Der Platz, die Banden, der Spieler muss vornehmlich in Weiß spielen, das sticht heraus. In der heutigen Zeit wird alles bunter, lauter, entertainiger, aber Wimbledon hat sich seine Ursprungsform bewahrt. Dazu gehört auch das Flair, dieses typische „very british“, das Wimbledon auszeichnet.

Gab es besondere Momente in Wimbledon nach Ihrer aktiven Zeit?

Mein persönliches Highlight war im letzten Jahr ein Training von Federer, der sich mit Edberg eingeschlagen hat. Edberg: lange weiße Hose, weißes Polo. Federer: lange weiße Hose, weißes Polo. Beide mit dem gleichen Schläger. Ich dachte nur: „Wie geil ist das denn?“ Ein überragender Moment. Edberg zu sehen mit Federer, diese zwei Spieler, diese Ästhetik. Dann hat Edberg noch ein paar Aufschläge gemacht. Genau wie früher stand er da, verbog sich bei seinem Kick-Serve, das war der Hammer.

Womit rechnen Sie in diesem Jahr?

Auch in diesem Jahr wird es wieder etwas nostalgisch: Du hast Lendl als Coach von Murray, McEnroe im Team von Raonic, Becker an der Seite von Djokovic, Chang im Team von Nishikori – das ist Wahnsinn. Unten spielen die Akteure und oben sitzen die Legenden.

Federer ist 34 Jahre alt. Was trauen Sie ihm zu?

Federer war zum ersten Mal in seiner Karriere länger verletzt. Trotzdem gehört er für mich immer zum absoluten Favoritenkreis, besonders auf Rasen, besonders in Wimbledon.

In Halle verlor Federer gegen Alexander Zverev. Was sagen Sie zu der deutschen Tennishoffnung?

Das war ein ganz toller Erfolg für Zverev. Es zeigt ganz klar seine Entwicklung, die stetig und beständig nach vorne geht. Nachdem er gegen Berdych und Nadal jeweils knappe Matches gespielt hat, hat er jetzt gegen Federer auch ein knappes Match gespielt, aber gewonnen. Das war wichtig. Das ist der erste ganz große Spieler, den er auch geschlagen hat. Das unmittelbar vor Wimbledon kam für ihn genau zum richtigen Zeitpunkt, weil ihm das einen richtigen Schub gibt an Selbstvertrauen.

Wohin führt sein Weg?

Ich bin überzeugt, dass er seinen Weg in die Weltspitze gehen wird. Er ist 19, vom Potenzial noch lange nicht ausgereift. Sein Umfeld spielt eine wichtige Rolle. Die Familie Zverev ist Tennis. Alexander war bei Turnieren seines Bruders immer dabei und ist da direkt reingewachsen. Er ist ein toller Spieler, spielt modernes, offensives Tennis.

Wie sieht es mit den anderen deutschen Profis in Wimbledon aus?

Florian Mayer hat in Halle eine super Leistung gezeigt. Ich habe mich total für ihn gefreut, weil er sich nach langer Verletzungspause unglaublich stark zurückgemeldet hat. Mit dem Sieg und dem Selbstvertrauen nach Wimbledon zu fahren gibt ihm Kraft und Stärke. Flo ist, wie man sieht, immer für eine Überraschung gut.

Und Kohlschreiber?

Philipp Kohlschreiber ist auch ein erfahrener Spieler. Er ist kein klassischer Rasenspezialist, der aber von seinem Spiel und seiner Athletik her auf Rasen gut zurechtkommt und in Stuttgart unterstrichen hat, wie gut er auf Rasen spielen kann. Hoffentlich ist er wieder fit. Wenn man das jetzt im Kontext nimmt, der Finaleinzug von Zverev in Halle, der Sieg von Mayer und das Finale von Kohlschreiber in Stuttgart – diese Erfolge für alle drei Spieler auf Rasen machen Mut auf ein erfolgreiches Abschneiden in Wimbledon.

In Wimbledon wird noch auf Rasen gespielt. Was zeichnet diesen Belag aus?

Rasen ist von allen drei Belägen der weichste Untergrund. Deshalb ist das ganze Spiel eine Etage tiefer, der Ball springt nicht so hoch. Auf Rasen gibt es gewisse taktische Feinheiten, die einen anderen Effekt haben als auf Sand oder Hartcourt. Der Slice bleibt sehr flach, der Volley-Stopp macht auf Rasen nur „Blub Blub“, auf Hartcourt macht er „Blub“ und springt noch mal hoch, sodass du ihn erlaufen kannst. Auch wenn die Rasensaison nur kurz ist, ist Rasen der Traditionsbelag.

Im vergangenen Jahr wurde die Rasensaison um eine Woche verlängert. Was halten Sie davon?

Ich finde es sehr positiv. Die Spieler haben eine Woche mehr Zeit, um sich auf Wimbledon nicht nur vorzubereiten, sondern auf Rasen auch Turniere zu spielen. Außerdem wurde das Stuttgarter Turnier dadurch zu einem Rasenturnier. Damit haben wir zwei Rasenturniere in Deutschland, das ist außergewöhnlich.

Ein weiterer Höhepunkt in diesem Jahr sind die Olympischen Spiele. Was ist da für die Deutschen möglich?

Bei Olympischen Spielen ist genauso viel drin, wie bei allen anderen Turnieren auch. Wenn die Form stimmt, wenn die Jungs und Mädels an ihr Leistungsmaximum spielen können, dann ist etwas möglich. Kerber hat dieses Jahr die Australian Open gewonnen, das war ein riesen Erfolg, eine super Leistung. Wer ein Grand Slam gewonnen hat, der bringt alles mit, um in der gleichen Saison auch nachzulegen. Bei den Herren ist es genauso. Man muss abwarten, wie der Formzustand ist. Es ist dann ja schon etwas fortgeschritten in der Saison, aber die Olympischen Spiele sind immer eine besondere Motivation.

Glauben Sie, dass Tommy Haas noch einmal zurückkommt?

Ich bin gespannt. Dieses Jahr ist es ihm leider verwehrt geblieben. Ich wünsche ihm, dass er zurückkommt, sich noch mal präsentieren, seinen Fans zeigen und erfolgreich Matches spielen kann. Tommy ist ein riesen Kämpfer. Er ist ein cooler Typ, ein Fighter. Er hat eine große Karriere gehabt, leider auch immer mit Verletzungspech. Ich bin sicher, dass er alles versucht.

Bei Ihrem Turnier in München hat es dieses Jahr sogar geschneit. Welche Pläne haben Sie für Ihr Turnier?

Wir haben das härteste Sandplatzturnier der Welt, bei uns musst du dich mit herausfordernden Bedingungen auseinandersetzen. Wir mussten zwei- bis dreimal wegen Schneeschauer unterbrechen. Am Anfang hatten wir Temperaturen von acht bis zehn Grad, schwierige Bedingungen, aber für alle gleich. Mittwoch, Donnerstag, Freitag ging es dann hoch bis 23 Grad. Die Spieler sind sehr cool damit umgegangen. Wir haben es geschafft, über die letzten Jahre sportlich gesehen Akzente zu setzen, gute Spieler für unser Turnier zu gewinnen – und das ist auch unser Ziel für die Zukunft.