Ex-Profi Erik Meijer im Interview "Jahrhundert-Flop" Lasogga macht Hamburg glücklich: "So einen braucht der HSV"

Von Thomas Deterding und Alexander Barklage | 17.09.2018, 18:44 Uhr

Fünf Treffer in zwei Partien: Rückkehrer Pierre-Michel Lasogga ist beim Zweitligisten Hamburger SV der Mann der Stunde – das freut nicht nur die zwiegespaltene Fan-Szene, sondern auch Ex-Rothose und TV-Experte Erik Meijer.

Es ist nicht immer einfach zwischen Pierre-Michel Lasogga und "seinem" Hamburger SV: Derzeit wird der 26-Jährige an der Elbe mal wieder gefeiert. Nach Auftritten wie am vergangenen Samstag gegen Heidenheim, bei dem der Sturmtank den Sieg der Rothosen per Hattrick fast im Alleingang besorgte, vergisst man schnell, dass man diesen Lasogga noch vor Kurzem in Stellingen nur allzu gerne schnellstmöglich vom Hof gejagt hätte.

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Zu langsam. Zu behäbig. Und vor allem: Viel zu teuer. Das sind die Attribute, mit denen Lasogga von seinen Kritikern seit jeher belegt wird. Rein sportlich betrachtet blieb der gebürtige Gladbecker nach seiner ersten HSV-Spielzeit tatsächlich hinter den Erwartungen vieler Anhänger zurück – 13 Bundesliga-Toren in seiner Debüt-Saison folgten vier, acht und ein Treffer zwischen 2014 und 2017. Zugleich ausgestattet mit einem der hochdotiertesten Verträge im Kader, sorgten die ausbleibenden Leistungen für Unmut. Wenngleich man attestieren muss, dass Lasogga in diesen Zeiten - in denen die Auftritte des Hamburger SV auf dem grünen Rasen generell selten Luftsprünge und Heiterkeit bei den eigenen Fans hervorriefen – vom Verletzungspech nicht unverschont blieb, war sein Image an der Elbe angeknackst. Nicht wenige freuten sich über den Leihwechsel zu Leeds United vor gut einem Jahr, auch wenn man den Angreifer damit nicht vollends von der Gehaltsliste streichen konnte.

"Wenn er das Vertrauen spürt, ist er für 15 bis 20 Tore gut"

Andere indes haben es nicht vergessen, das zweite Gesicht des Pierre-Michel Lasogga. Das Gesicht des Sieges, des Triumphes und der Ekstase – wie es kaum ein anderer im Kader der Hamburger in den vergangenen Jahren mit ähnlicher Wucht verkörperte. Das Gesicht, das dem taumelnden HSV immer mal wieder kurzzeitig aus der Patsche half, nicht zuletzt im Abstiegsrelegationsfinale 2014 in Fürth. Letzteres zeigte Lasogga im Verlauf der vergangenen Spielzeit in der englischen zweiten Liga wieder des Öfteren – 14 Torbeteiligungen in 33 Pflichtspielen für die "Peacocks" sprechen für sich.

Entsprechend gespalten waren die Meinungen zu Lasogga im Umfeld des Klubs auch vor Saisonbeginn: Ist das Gesicht mittlerweile verbraucht? Ist er, den Investor Kühne aufgrund des Missverhältnisses zwischen Leistung und Verdienst bereits schonungslos und öffentlich als "Jahrhundert-Flop" abgekanzelt hatte, nicht ein Störfaktor auf dem mühsam verfolgten Weg des Umbruchs? Oder kann gerade ein Spielertyp wie Lasogga dem HSV mit seiner körperlichen Robustheit in der 2. Liga noch einmal einen Schritt nach vorne bringen?

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Dass er es noch kann, hat der 26-Jährige zu Saisonbeginn eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Das Spiel gegen Heidenheim war ein Paradebeispiel, das zeigt, warum der HSV Lasogga braucht: Drei Treffer binnen neun Minuten, als die diesmal zuvor oft inkonsequente und pomadig wirkende Titz-Elf sich bereits am Rande einer Niederlage bewegte. Allesamt erzielt auf eine Art und Weise, die als "lasoggaesque" bereits ihren Weg in den Wortschatz der HSV-Fans gefunden hat. Anders gesagt: Lasogga ackert um jeden Zentimeter, wirft seinen Körper schonungslos in die Zweikämpfe, geht dahin, wo es weh tut – und wird damit insbesondere im 5-Meter-Raum zum wohl unangenehmsten Gegenspieler, den sich ein Zweitliga-Verteidiger derzeit wünschen kann.

"Für diesen Verein will ich mich voll reinhauen"

"Für diesen Verein will ich mich voll reinhauen", gab Lasogga im Anschluss an die Heidenheim-Partie zu Protokoll. "Das tut gut. Ich kenne auch andere Phasen. Die in denen es nicht so läuft und man auf die Fresse bekommt. Daher weiß ich die guten Momente zu schätzen. Es ist einfach geil, wenn es läuft. Für alle. Für mich, die Mannschaft und natürlich die Fans“, wurde er am Montag in der Bild-Zeitung zitiert. 

Lasogga weiß, dass er um seine Zukunft spielt. Im Juni 2019 läuft sein Vertrag aus. Der Mittelstürmer braucht Treffer, will er auch über den kommenden Juni hinaus in Hamburg bleiben – und der HSV braucht Lasogga-Tore. 

Der Ex-Hamburger und Sky-Experte Erik Meijer war ein ähnlicher Spielertyp wie Lasogga. Er beobachtet die Norddeutschen nach wie vor sehr genau und findet es richtig, dass die sportliche Leitung um Christian Titz und Ralf Becker Lasogga in dessen vorerst letztem Vertragsjahr noch eine Chance gab: 

"Zum Glück trifft er wieder. Ich bin froh, dass er wieder da ist. In der 2. Bundesliga brauchst du dieses Durchsetzungsvermögen, das Lasogga zweifelsohne hat. So einen Typen, wie ihn braucht der HSV. Wenn er das Vertrauen des Trainers spürt, ist er für 15 bis 20 Tore gut", so der 49-Jährige im Interview mit unserer Redaktion. Sieben Treffer und einen Assist in fünf Pflichtspielen hat Lasogga bereits beigesteuert - er befindet sich also auf einem guten Weg.

Meijer rät Arp: "Plane deine Karriere und laufe nicht den Euros hinterher"

Zum unumstrittenen Stammplatz reicht es unter Titz derweil noch nicht, auch im Nachholspiel gegen Dynamo Dresden (Dienstag, 18:30 Uhr) droht Lasogga zunächst die Bank. Mit WM-Teilnehmer Hee-chan Hwang und Top-Talent Jann-Fiete Arp ist die Konkurrenz im Sturmzentrum der ambitionierten Hamburger nicht klein. Letzterer legte gegen Heidenheim einen Lasogga-Treffer mustergültig auf, wird von Titz derzeit behutsam wieder an die Startelf herangeführt.

Dem jungen Arp würde TV-Experte Meijer übrigens zu einem längeren Verbleib beim HSV raten: "Er sollte geduldig bleiben und nicht zu Bayern München wechseln. Sei mal mutig und mach nicht das, was alle machen. Plane deine Karriere und laufe nicht den Euros hinterher." Dem HSV prognostiziert der Niederländer indes eine schwierige Saison  auch mit einem Lasogga in Topform:

"Leicht wird es auf keinen Fall. Ich schaue sehr kritisch auf den HSV. Den Aufstieg bekommt man nicht geschenkt. Ich habe mit Alemannia Aachen in der 2. Bundesliga gespielt und weiß, wie schwierig es ist, aufzusteigen. Für jede Mannschaft der Liga ist das Duell gegen den HSV der Höhepunkt der Saison, wo die Teams noch einmal ein paar Prozent mehr geben. Es wird einiges an Schweiß fließen müssen, damit der HSV den Wiederaufstieg schafft. Aber ich wünsche es dem Klub natürlich."