Italiens Oldies begeistern Eine Truppe von echten Kerlen

Von Michael Jonas und Andreas Öhlschläger, Michael Jonas | 14.06.2016, 19:16 Uhr

Warum freut man sich eigentlich mit Italien? Oft genug waren die Azzurri Spielverderber für die deutsche Mannschaft. Wahrscheinlich sind es die Typen, die den vierfachen Weltmeister so sympathisch machen.

Forza Italia. Der Mannschaft von Antonio Conte hatte man nicht viel zugetraut. „Es ist eine Schande, was man da manchmal lesen muss“, ärgerte sich der Nationaltrainer über die vielen Negativschlagzeilen in den italienischen Blättern. Jetzt hat das Team bei der Fußball-Europameisterschaft gegen den Weltranglistenzweiten Belgien beim 2:0-Sieg überzeugt.

Was ist das Besondere an der Squadra Azzurra? Zum Beispiel, dass sich selbst ein 38-Jähriger wie Torwart-Idol Gianluigi Buffon so freut, dass er sich nach einem Sprint über den Platz als Turner an der Latte des gegnerischen Tores versucht, abrutscht und jubelnd im Netz vor der italienischen Fankurve landet. Die Juve-Legende strahlt eine Aura aus, die alle mitreißt. Dass er zwei verschiedene Handschuhe trägt – rechts neongelb, links pinkfarben –, ist wahrscheinlich eine Vorgabe seines deutschen Ausrüsters. Buffon musste nicht viel halten, umjubelt wurde er trotzdem.

Was macht die Erfahrung aus? Sehr viel. Conte stellte die älteste Startelf der EM-Geschichte zusammen. Im Durchschnitt lag die Squadra Azzurra bei 31,5 Jahren. Die individuell fraglos talentierteren Belgier liefen erfolglos gegen die italienische Routine an. Vor allem Italiens „BBC“ in der Abwehr – wie Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini in Anlehnung an das Sturmtrio von Real Madrid genannt werden – überzeugte. Die Abwehr muss keinen Vergleich mit den besten Defensivreihen scheuen.

Was sagen die Spieler und der Trainer? „Wir sind eine großartige Gruppe“, frohlockte Torschütze Emanuele Giaccherini. Eine Truppe von echten Kerlen eben. „Heute genießen wir diesen Sieg, aber ab morgen bereiten wir uns auf das nächste Spiel vor“, versprach Stürmer Eder. Der Trainer mahnt: „Wir haben noch nichts erreicht.“ An seiner Vorgabe hat sich nichts geändert. „Unser Ziel bleibt das gleiche: Wir wollen ins Achtelfinale.“ Italien gefällt sich in der Rolle des Außenseiters.

Wie reagiert die Heimat? Die im Vorfeld so kritische Journaille verbreitet auf einmal Lobeshymnen – nach nur einem Spiel. „Was für ein Start der Azzurri! Wir sind die Nummer eins!“, titelte der „Corriere dello Sport“. Die „Gazzetta dello Sport“ meinte: „Heroisches Italien, Belgien k.o. Für uns war es ein begeisternder Start.“ „Taktisches Meisterwerk von Conte, der Belgiens Talente entschärft“, kommentierte „Tuttosport“. Der frühere Bayern-Stürmer und Weltmeister von 2006, Luca Ton i, bekannte sogar: „Um ehrlich zu sein, hätte ich so eine Leistung nicht erwartet. „Ich bin überzeugt, dass Italien Ähnliches schaffen kann wie Leicester“, schwärmte Meister-Coach Claudio Ranieri vom Premier-League-Club Leicester City .

Wie hat sich das Team nach dem WM-Desaster in Brasilien entwickelt? Das Ausscheiden bereits nach der Gruppenphase hat ganz Italien geschockt. Conte übernahm die Azzurri in einer schwierigen Phase. Dass die Serie A kriselt und keine italienische Mannschaft das Viertelfinale der Clubwettbewerbe erreichte, erschwerte die Arbeit des 46-Jährigen zusätzlich. Altstar Andrea Pirlo ließ er ebenso zu Hause wie den exzentrischen Mario Balotelli. Als auch noch die beiden Stammspieler Claudio Marchisio und Marco Verratti verletzt ausfielen, glaubten im eigenen Land wenige an ein erfolgreiches Championat. „Der Calcio hat ein Generationsproblem, der Fußball bringt kaum neue Talente hervor“, klagte der Trainer. Was den Einzelspielern an Qualität fehlt, macht Conte durch Teamgeist wett. Das ist sein Credo: Gemeinsam sind wir stark. Die Belgier haben es auf eindrucksvolle Weise zu spüren bekommen.

Was ist Conte für ein Typ? Der Trainer, dessen ungestümer Torjubel nach dem 1:0 Nasenbluten verursachte, ist in seinen Analysen selten pathetisch: „Mit harter Arbeit kannst du Probleme überwinden.“ Für ihn zählen vor allem Tugenden wie Leidenschaft, Kampfgeist, Wille. „Die Jungs sind alle stolz, das italienische Trikot zu tragen, und sie werden füreinander da sein.“ Und der Trainer ist für seine Spieler da. Allerdings nur noch kurz. Conte trainiert in der kommenden Saison den FC Chelsea.