Harte Arbeit für Fußball-Bundesligist Werder-Ikone Fischer über Finanzen von Werder Bremen

Von Christian Detloff | 11.12.2015, 14:29 Uhr

Mit seinem vor kurzem erschienenen Buch „Du bist Werder“ tourt der ehemalige Geschäftsführer und Präsident des Bremer Fußball-Bundesligisten Klaus-Dieter Fischer derzeit quer durch die Republik. Im Interview äußert sich der 74-jährige über die Höhepunkte, Motivation, aber auch Fehler seiner ungewöhnlichen langen Amtszeit und den derzeitigen Zustand des ehemals international erfolgreichen Vereins.

 Herr Fischer, bei ihrem Abschied Ende 2014 kündigten Sie an, in zwei Jahren ein Buch herauszugeben und nie wieder ein Interview zu führen. Nun hat es sich anders ergeben … 

Über die amtierenden Verantwortungsträger äußere ich mich nicht, zur Situation aber schon. So hatte ich es damals auch gemeint. Ich kann mir ja nicht den Mund zuschließen. Deshalb auch das Buch. Es sind keine Memoiren, sondern einzelne Geschichten über Erlebnisse, die für die Nachwelt von Bedeutung und teils auch lustig sind. Nach einer so langen Amtszeit bleibt es nicht aus, dass sich der eine oder andere deutliche Worte gefallen lassen muss. Ich habe dabei aber versucht, alle fair zu behandeln.

 Alle Informationen über den Fußball-Bundesligisten Werder Bremen finden Sie in unserem Themenspezial. 

 Kommen wir zunächst zu den schönsten Zeiten und Momenten Ihrer Amtszeit. 

Die schönsten Zeiten waren nicht immer die erfolgreichsten. Doch ich erinnere mich sofort an 1999, als Thomas Schaaf sein Premierenspiel als Trainer mit 1:0 gegen Schalke gewann und wir – für viele überraschend – den Abstieg vermieden. Dann an den Endspielsieg im DFB-Pokal mit 6:5 nach Elfmeterschießen gegen die Bayern – der erste große Trainererfolg von Schaaf. Auch die vier Spiele 2009 gegen den HSV in 19 Tagen, von denen wir drei gewannen und trotz der Hinspielniederlage im UEFA-Cup ins Finale einzogen, waren riesige Erlebnisse. Nicht zu vergessen das Wunder von der Weser, als wir 1988 im Europapokal der Landesmeister im Duell Ost gegen West gegen Dynamo Berlin im Hinspiel mit 0:3 baden gingen und das Rückspiel mit 5:0 gewannen.

 Was war Ihre Motivation für eine solch lange Amtszeit, in der Werder nicht selten der Zeit voraus war? 

Die ergibt sich aus vielerlei. Zum einen daraus, dass mich die Mitglieder immer wieder gewählt haben, zumeist einstimmig – ein unglaublicher Ansporn. Zudem wollte ich dem Verein etwas zurückgeben, weil er mir in der Jugend viel gegeben und ermöglicht hat. Beispielsweise einen Urlaub 1955, als für die meisten Familien Urlaub ein Fremdwort war. Zudem war es immer mein Anliegen, die Fans und Mitglieder als größtes Gut des Vereins zu unterstützen und motivieren.

 Für Sie hatten sich berufliche und gleichsam private Verbindung immer ausgeschlossen. Sind nach ihrem Rückzug Freundschaften entstanden? 

Nein, das soll für den Rest meines Lebens auch so bleiben. Bei aller Nähe zu den Mitarbeitern, Mitgliedern und Fans war es mir immer wichtig, Abstand zu wahren. Als Verantwortlicher musste man auch mal Nein sagen und klare Worte wählen. Es galt und gilt: Fischer ist ein harter Hund, aber immer gerecht.

 Vor 20 Jahren war die Schere zwischen Bayern München, den Werksklubs und kleineren Vereinen wie Werder auch schon deutlich, aber noch nicht übergroß wie heute. Sind große Erfolge wie zwischen 1988 und 2004 mit drei deutschen Meisterschaften, vier deutschen und einem europäischen Pokaltriumph mittlerweile unvorstellbar? 

Ausgeschlossen nicht, einzelne Sensationen sind immer möglich. Nicht mehr möglich ist, dass kleinere Vereine wie der VfB Stuttgart, Werder oder der HSV den Großen über längere Zeit Paroli bieten. Dies ist uns mit Otto Rehhagel von 1983 bis 1994 und mit Thomas Schaaf von 1999 bis 2010 gelungen. Alleine schon die heutigen Transfersummen für starke Spieler und bereits für Talente verhindern eine Neuauflage. Es ist für Werder wichtiger denn je, mit einem starken Konzept, einer guten Jugendarbeit und Durchlässigkeit in die Bundesligakader zu werben.

 Werder steht nicht zuletzt dank Ihnen wie kein anderer Bundesligist für soziale Verantwortung. Ist es weiterhin möglich, ihn wie eine Firma zu führen und gleichzeitig von innen nach außen einen familiären Charakter zu bewahren? 

Es ist sogar eine dringende Notwendigkeit. Werder ist ein anderer Verein, der sich nicht nur über Erfolge definiert. Ich appelliere an die neue Führung, darauf weiter großen Wert zu legen. Gerade, weil die Generationen, die nach dem miterlebten großen Erfolgen treu blieben, nicht  ewig ins Stadion kommen werden. Ein neuer Hype, den derzeit Mönchengladbach erlebt und vorher Dortmund, ist derzeit für Werder schwierig zu erreichen. Deshalb muss Werder um sein höchstes Gut, nämlich die treuen Fans, mit aller Macht kämpfen.

 Sie bezeichnen es als möglichen Fehler, Werder in den 90er Jahren nicht an die Börse geführt zu haben und 20 Jahre zuvor in Zusammenarbeit mit der Stadt kein größeres Stadion in Horn-Lehe geschaffen zu haben. Gab es weitere große Versäumnisse? 

Das sind die wichtigsten Faktoren, aber längst Vergangenheit. Die derzeit fünf Millionen Euro pro Saison unter anderem Sanierungskosten für das Weserstadion sind ein ganz schwerer Rucksack, weil Werder damit quasi alle Kosten für die Umbauten unseres herrlichen Stadions trägt. Bei den Überlegungen zum Börsengang in der Zeit um 1990 sahen wir den Vorteil, die Ersten zu sein. Doch dann scheiterte der HSV einer merkwürdigen Anleiheform und hat den Markt für uns kaputt gemacht. Zudem war es von der Stadt Bremen falsch, sich 1974 nicht als WM-Ort und 1988 nicht als EM-Standort beworben zu haben. Und traurig war dann, dass sich die FIFA  zur WM 2006 im Gegensatz zum Versprechen des DFB-Präsidenten Egidius Braun für Hannover und somit gegen Bremen entschieden hat.

 Vor anderthalb Jahren gab es einen Streit zwischen Aufsichtsrat und der Geschäftsführung, die zu einem größeren finanziellen Risiko bereit gewesen wäre. Vertreten sie weiter die Position, Schulden im überschaubaren Rahmen zu machen, um größere finanzielle Schwierigkeiten im Abstiegsfall zu vermeiden? 

Ich habe nie gefordert, Schulden zu machen, sondern nur eine ergebnisoffene Diskussion dazu. Es ging und geht immer um die Analyse, ob Schulden oder ein Abstieg teurer wäre. Zu meiner Zeit war der Aufsichtsrat nicht diskussionsbereit. Der neue Aufsichtsratschef Marco Bode steht der besagten Diskussion offen gegenüber. Ich muss mich dazu nicht mehr äußern.

 Wo sehen Sie Werder wirtschaftlich und sportlich? 

Wir sind finanziell an der unteren Grenze der Bundesliga. Ohne mehr Fernsehgeld und Financiers wird es schwer, schuldenfrei die Bundesliga-Zugehörigkeit zu behaupten. Der mit 16,9 Millionen Euro verschuldete HSV hat einen Kühne in der Hinterhand, der jederzeit einspringen kann. Wir suchen aber Geldgeber, die sich aus der Vereinspolitik heraushalten. Bei Werder ist zwischen Platz acht und 18 alles möglich. Derzeit geht es aber darum, mit harter Arbeit aus der schwierigen sportlichen Situation herauszukommen. 

 Was ist mit den Geschäftsleuten, die vor anderthalb Jahren angeblich bereit waren, im Falle eines Kurswechsels zu etwas mehr Risiko in Werder zu investieren? 

Da ist, wie ich aus dem Kreis der Geschäftsführung hörte, nichts spruchreif. Auch die Stadt ist gefordert. Es kann nicht sein, dass die Stadt, Politik und Wirtschaft Werder als Bremens Aushängeschild sehen, die Stadt dann aber mit der Forderung der Übernahme von Sicherheitskosten Signale in die entgegengesetzte Richtung an ihren großen Steuerzahler Werder Bremen setzt – zumal wir nicht nur einen großen Werbeeffekt, der zwischen 40 und 90 Mio Euro pro Jahr beziffert wird, für Bremen leisten, sondern mindestens 300 Arbeitsplätze direkt und indirekt von unserer Bundesligazugehörigkeit abhängen.

 Die letzten großen Transfers wie Arnautovic, Elia, Carlos Alberto zündeten im Gegensatz zu früheren wie Micoud, Diego und Özil nicht. Wäre es für Werder dennoch wichtig, in starke Einzelspieler zu investieren? 

Nur, wenn es die finanzielle Lage zulassen sollte. Durch die starke Jugendarbeit ist eine gute Breite vorhanden. Ansonsten bleibt nur, die eigenen Jugendspieler noch besser zu machen. Man darf nicht vergessen, dass in England schon für mittelmäßige Spieler 20 Millionen gezahlt wird. Wir haben zuletzt im Fall von Jannik Vestergaard bewiesen, dass es auch vergleichsweise preiswert geht. Werder braucht so oder so ein besonders gutes Spielerscouting.