Fußball geht unter die Haut Trend zur Tätowierung bei Nationalspielern steigt

Von Nadine Sieker | 04.07.2014, 18:53 Uhr

Kreuze, bunte Figuren, Daten und Ornamente: Die Körper vieler WM-Spieler erinnern an Malbücher oder Schmierpapier. Blitzte früher nur mal hier, mal da ein Fleckchen bemalte Haut unter dem Trikot hervor, können heute fast nur noch Adleraugen untätowierte Haut entdecken.

Besonders bei Portugals Raul Meireles wird das schwer. Die Arme des Mittelfeldspielers sind bis zu den Fingern mit bunten Mustern zugepflastert, die Brust wird von zwei großen Schädeln bedeckt. Auch Rücken, Nacken und das rechte Bein sind bunt. Das linke Bein sticht da vor lauter Natürlichkeit richtig hervor. Auch auf den Körpern von Argentiniens Marcos Rojo, Jermaine Jones (USA), Brasiliens Dani Alves, Irans Ashkan Dejagah oder Ghanas Kevin-Prince Boateng hat sich die Nadel ausgetobt. Die Liste lässt sich endlos fortführen – doch das war nicht immer so.

„In den letzten Jahren ist das auffallend mehr geworden“, sagt Jens Kleinert vom Psychologischen Institut an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Ich habe den Eindruck, je höher das Leistungsniveau ist, umso eher tendieren Sportler dazu, sich über Tattoos auszudrücken.“ Denn wer in der Öffentlichkeit steht, denkt vermehrt darüber nach, wie er auf andere wirkt. Das gilt nicht nur für Fußballer, sondern für Promis allgemein.

Die Gründe, warum sich Sportler tätowieren lassen, sind laut Kleinert ähnlich wie beim Rest der Gesellschaft: extrem unterschiedlich. Das zumindest hat er in einer Studie mit normalen Sportstudenten ermittelt. Es können Erinnerungen an eigene Erlebnisse sein. Oder noch einfacher: weil Tattoos als schön empfunden werden.

Auch sein Kollege Swen Körner vom Institut für Pädagogik und Philosophie an der DSHS glaubt, dass die extreme Tätowierung mit der Art, wie wir heute unseren Körper kultivieren, zu tun hat. „Die moderne Arbeit am Körper beinhaltet nicht mehr nur Fitnesstraining“, sagt er. Ihm ist aufgefallen, dass die Tattoos vermehrt an prominenten Stellen des Körpers gestochen werden.

Mit den Motiven wollen die Sportler außerdem zeigen, was sie verkörpern. „Sie sehen Tattoos als Form der Kommunikation“, so Körner. Nicht immer aber sei klar, was mitgeteilt werden soll – und ob private Dinge wie Namen oder Geburtsdaten der Kinder wirklich etwas in der Öffentlichkeit zu suchen haben, sei dahingestellt. Dabei sind gerade solche Motive und auch Jesusabbildungen bei den Fußballern häufig zu finden.

So auch bei Jérôme Boateng, einem der wenigen Exoten der deutschen Nationalelf, die viel und sichtbar Farbe ins Spiel bringen. Neben der Jungfrau Maria, dem Schriftzug „Nur Gott kann über mich richten“ und dem Geburtsdatum seiner Zwillingstöchter hat er sich den Stammbaum seiner Familie tätowieren lassen. Auch André Schürrle trägt ein paar Motive auf seinem Körper. Die chinesischen Zeichen und das Kreuz auf Rücken und Rippen werden aber normalerweise vom Trikot verdeckt.

Dass die Deutschen dem Trend nicht so verfallen sind wie einige andere Nationalspieler, kommt nicht von ungefähr. „Bei Mertesacker und Co ist es vielleicht so, dass sie schon einen Schritt weiter denken und auch den medizinischen Aspekt im Blick haben“, sagt Körner. Dazu kommt, dass Deutschland auf dem Gebiet Tattoos hinter anderen Ländern hinterherhinkt. „Im südamerikanischen und amerikanischen Bereich ist das schon viel stärker verbreitet“, so Körner. Und viele folgen einfach dem Trend, ohne groß darüber nachzudenken.

Das Image, das Tätowierungen noch vor einigen Jahren hatten, haben sie dabei schon länger verloren. „Es ist im Trend und nichts Verruchtes mehr, außer in manchen Jobs“, sagt Jens Reinicke, Inhaber des Osnabrücker Tattoo-Studios Damned Passion. Aber eben nicht im Fußballgeschäft. Die meisten Spieler haben wohl auch wenig mit Seefahrern oder ehemaligen Häftlingen gemein, den Leuten, die sich früher zum Großteil Bilder haben stechen lassen. Stattdessen sind Tattoos heute auch ein Zeichen von ökonomischem Kapital. „Sie zeigen, ich kann mir das als hoch bezahlter Spieler leisten, und auch, dass es eventuell öffentlich geächtet wird“, so Körner.

Wer aber mit persönlichen Tattoos die Individualität und Exklusivität des Körpers zeigen will, verfehlt sein Ziel: Individuell und einzigartig sind gerade die, die keine Kreuze, bunten Figuren, Daten und Ornamente auf ihrer Haut haben.