Frauen WM 2015 Die Kritik an Bundestrainerin Silvia Neid wird lauter

Von Frank Hellmann | 02.07.2015, 13:50 Uhr

Nach der Halbfinal-Niederlage bei der WM gegen die USA (0:2) übt der Trainer des Champions-League-Siegers 1. FFC Frankfurt Colin Bell harte Kritik an Silvia Neid. Auch Ralf Kellermann vom VfL Wolfsburg fürchtet, dass die DFB-Frauen den Anschluss verlieren könnten.

Abreise statt Weiterflug. Für zwei wichtige deutsche Beobachtertrupps endete mit dem deutschen Halbfinale in Montreal auch die Stippvisite bei der Frauen-WM. Colin Bell und Siegfried Dietrich, der Trainer und Manager des 1. FFC Frankfurt, sind nach zehn beeindruckenden WM-Tagen ebenso am kanadischen Nationalfeiertag, dem Canada Day, in die Heimat geflogen wie Ralf Kellermann und Britta Carlson, der Cheftrainer und die Assistenztrainerin des VfL Wolfsburg, nach 14 beobachteten WM-Spielen. Zufällig saßen alle in derselben Maschine – und mit denselben Sorgen. Die einende Frage: Droht der deutschen Frauen-Nationalmannschaft der Anschluss an die Weltspitze verloren zu gehen?

Mit den USA und Japan duellieren sich dieselben Teams wie 2011 im Finale in Vancouver (Montag 1 Uhr MESZ). Deutschland tritt zuvor gegen England im Spiel um Platz drei in Edmonton an (Samstag 22 Uhr MESZ) . Bell schlägt Alarm: „Die Deutschen sind in der Lage, selbst den Trend zu setzen. Sachlich betrachtet habe ich den Matchplan für den jeweiligen Gegner nicht gesehen.“

Breitseite gegen die Bundestrainerin

Eine Breitseite gegen die Bundestrainerin Silvia Neid. Der gebürtige Engländer weiter: „Die deutsche Mannschaft muss die Entwicklung vorgeben, und ihr nicht wie jetzt hinterherlaufen. Der enorme Siegeswille und die nötige Ausbildung sind vorhanden. Wir könnten der Vorreiter sein. Leider hat die Nationalelf nur sporadisch gezeigt, was sie kann.“

Der 53-Jährige arbeitet erst seit 2011 im Frauenfußball, zunächst beim SC Bad Neuenahr, seit 2013 beim 1. FFC Frankfurt, mit dem er in diesem Jahr die Champions League gewann. Bei der DFB-Auswahl missfiel dem ehemaligen Mainzer Zweitligaprofi in Viertel- und Halbfinale vieles: das statische Spiel, das altbekannte Schema, das sture Festhalten am Personal. Das vorhandene Potenzial würde nicht ausgereizt: „Die Nationalmannschaft ist in der Lage, ein Spiel zu dominieren. Das haben der VfL Wolfsburg, 1. FFC Frankfurt und FC Bayern, die allesamt in dieser Saison einen Titel gewonnen haben, bewiesen. Wir haben die Spielerinnen für ein starkes Ballbesitzspiel. Dazu bedarf es der Spielintelligenz, Taktik und Technik.“

Trainerin zu passiv?

Der bekennende Christ und Laienprediger ist gewiss kein Populist. Bell möchte aus den Eindrücken vor Ort Anstöße geben, denn: „Die deutsche Mannschaft ist nicht selbst aktiv gewesen, sie hat nur reagiert statt agiert.“ Auch die Trainerin hat er dabei am Spielfeldrand als zu passiv wahrgenommen. „Wenn sich ein Spiel in diese negative Richtung verändert, dann muss man personelle oder taktische Veränderungen vornehmen. Das ist im Endeffekt nicht geschehen. Nach dem 0:1 war noch lange genug zu spielen, dann muss ein Trainer noch zwei neue Leute bringen, Signale setzen, nach Lösungen suchen.“ ( Weiterlesen: Ein Kommentar zur Halbfinalniederlage – bitter, aber gerecht. )

Er schule seine Fußballerinnen so, dass sie mehrere System beherrschen; nur so habe sein Verein im Mai den Favorit Paris St. Germain mit seinen zahlreichen französischen Nationalspielerinnen aufs Kreuz legen können. Derlei Notwendigkeit zur taktischen Flexibilität sieht Neids Assistenztrainerin Ulrike Ballweg nicht. Unflexibel zu sein, gehöre zur Philosophie, sagte sie gerade erst der „taz“: „Wir sind in unserem System sehr flexibel durch verschiedene Spielerinnen und deren unterschiedlichen Charaktere, Spielweisen, Typen. Ich weiß nicht, ob es uns weiterbringen würde, wenn wir fünf verschiedene Systeme spielen könnten.“ (Weiterlesen: Deutschland trifft im Spiel um Platz drei auf England) 

Die Kritik wird lauter

Doch nun, nachdem Deutschland jeweils im Viertelfinale der Heim-WM 2011 und im Halbfinale der WM 2015 auf einen Rückstand mit kollektiver Schockstarre bis zur Trainerbank reagierte, wird die Kritik lauter. „Schluss mit der Schönfärberei“, schreibt das angesehene Portal „Womensoccer“. Und der in Wolfsburg überaus erfolgreich tätige Welttrainer Kellermann hat gegenüber der „FAZ“ angemahnt: „Wie wir uns im Verein technisch weiterentwickeln müssen, so muss sich auch die Nationalelf technisch weiterentwickeln, dass man sich auf engem Raum fußballerisch befreien kann“, sagte der 46-Jährige. „Frankreich und Japan haben im Spielaufbau Vorteile. Sie stellen ständig im Mittelfeld Überzahlsituationen her. Ich denke, dieser Stil wird zu Titeln führen.“

Dann aber muss sich die deutsche Nationalmannschaft verändern. Kellermann wäre sogarbereit, diese Stellschrauben sogar mal selbst zu betätigen. „Sicher bin ich nicht abgeneigt, irgendwann bei einer guten Gelegenheit auch mal eine Nationalelf zu betreuen.“ Vorerst aber soll im September 2016 die als Trainerin unerfahrene Steffi Jones als Neid-Nachfolgerin beginnen. Das könnte in einem weitaus raueren Klima geschehen als bislang gedacht.