Fatale Zeichen an eigenes Team Englands Fußball-Brexit: Im Ausscheiden professionell

Meinung – Benjamin Kraus | 28.06.2016, 11:47 Uhr

Eines muss man den Engländern lassen: Im Ausscheiden bei großen Turnieren agieren sie hochprofessionell. Nicht nur, weil es ihnen ergebnistechnisch gelingt, jahrelang bestehende Negativ-Statistiken immer wieder zu bestätigen. Sondern auch, weil sie von sich aus viel dafür tun, dass das passiert. Das Ausscheiden durch das 1:2 gegen Fußballzwerg Island hatte mit Pech wenig zu tun, sondern viel mit Unvermögen. Ein Kommentar.

Es ist bezeichnend für das Selbstvertrauen und das Auftreten der Engländer, dass Trainer Roy Hodgson nur 19 Minuten nach Ende des „schlimmsten Ereignisses in der englischen Fußball-Geschichte“ („Mirror“) vor die Presse trat. Es gab motivierende Worte in Richtung seines noch offenen Nachfolgers und seiner Fußballer zwischen den erwartbaren Lob-Statements für die Fans und die Pressevertreter in seinem Rücktritts-Statement. Dafür erntete der 68-Jährige zwar zu Recht viel Lob – dass er danach keine Fragen mehr zuließ, sondern aufstand und ging, kann man auch verstehen (weiterlesen: Pressestimmen aus England: Hirntoter Fußball) .

Erklärung vorbereitet?

Fragen darf man aber schon mal, wie es sein kann, dass ein Trainer so kurz nach der Partie ein fast zweiminütiges Rücktritts-Statement verliest (!). Hatte die Presseabteilung einfach jenen Text für ihn vorbereitet? Dann würden seine Worte doch deutlich an Wert verlieren, selbst wenn der sympathische und aufrichtige 68-Jährige sie komplett so gemeint haben sollte wie vorgelesen. Oder aber Hodgson und seine Leute hatten die Erklärung schon vor der Partie vorbereitet. Was zeigen würde, dass man schon im Vorfeld über das Scheitern der Engländer und seine Konsequenzen mehr als nur nachgedacht hatte – und darauf sogar Zeit aufgewendet hatte, anstatt diese damit zu nutzen, weiter zu überlegen, wie man diese Partie gewinnen könnte.

Fatales Zeichen

Wer die Fußball-Welt kennt, weiß, wie fatal solch ein Zeichen der Schwäche auf das Umfeld und auch auf alle beteiligten Fußballer des eigenen Teams wirken kann. Es ist wie der Stürmer, der allein aufs Tor zuläuft und darüber nachdenkt, was passiert, wenn er doch noch am Torwart scheitert. Dann wird genau das eher passieren als ein Torerfolg. Wer das Auftreten der Engländer vergleicht mit dem Auftreten aller Deutschen, den Spielern und dem Trainerteam, den Offiziellen, auch jenes der Leute, die eine gewisse Nähe zur Mannschaft haben, erkennt generell einen himmelweiten Unterschied: Bei Deutschland herrscht Zuversicht, unerschütterlicher Glaube an die eigene Stärke, ohne dass dabei vorhandene Probleme ignoriert werden. Bei England herrschte zuletzt stets Zweifel, negative Energie: Ein Ausscheiden wurde aus eigenem Antrieb thematisiert – Spötter würden sagen, herbeigeredet. So wurde „die größte Peinlichkeit in der Geschichte unserer Nationalmannschaft“, die Stürmer-Legende Alan Shearer als Teufel im Vorfeld an die Wand gemalt hatte, bittere Realität.

Das hätte Löw nie gemacht

Sie haben mehr als nur den Faden verloren, die Engländer, im Laufe dieses Turniers. Der Auftakt war mit dem 1:1 gegen Russland und dem Last-Minute-Sieg gegen Wales (2:1) zwar nicht komplett rund, aber zumindest einigermaßen erfolgreich verlaufen. Dann gab es zum Abschluss der Gruppenphase ein 0:0 gegen die Slowakei. Kein Highlight, aber definitiv auch keine Vollkatastrophe. Die aber machte die generell unruhige britische Medienlandschaft aus jener Partie – und Hodgson und sein Team ließen sich ohne Not davon komplett anstecken.

Das wird deutlich an der Tatsache, dass der Trainer die Reporter von der Insel vor drei Tagen zu einem Gespräch am Trainingsplatz in Chantilly gebeten hatte, wo er sich und seine Aufstellungs-Änderungen ausführlich erklärte . Ein einmaliger Vorgang, den es so bei der deutschen Nationalelf unter Joachim Löw nie gegeben hat und niemals geben würde. Warum auch? Löw würde Kritik entweder kurz im offiziellen Rahmen kontern oder ruhig wegstecken – niemals würde er aber ein Debattenforum eröffnen, nur um sich für Entscheidungen zu rechtfertigen, über die heute angesichts der neuen Ereignisse sowieso keiner mehr spricht. Das würde übrigens auch kein Unternehmer oder Politiker machen. Und der Effekt war in der Tat negativ: Die Debatten um Hodgsons Aufstellung wurden noch befeuert, die Zweifel wurden eher noch größer – und zwar ohne Not, vor der Partie gegen einen kompletten Außenseiter.

Spiel vercoacht

Und in diesem Spiel fand Hodgson dann tatsächlich die richtigen Maßnahmen nicht. Die Tatsache, dass er den gegen die Slowakei starken Jordan Henderson vom FC Liverpool nicht mehr berücksichtigte, kann man diskutieren – und die Tatsache, dass er dessen über die gesamte Saison starken Teamkollegen Adam Lallana erstmals in diesem Turnier komplett außen vor ließ, muss man diskutieren. Noch schwerwiegender allerdings fielen seine nicht nachvollziehbaren Wechsel während der Partie ins Gewicht: Die Tasache, dass England nicht in der Lage war, das 4-4-2-System der Isländer über die Flügel zu knacken, versuchte er mit dem Austausch des zentralen Mittelfeldspielers zu kompensieren, als er Jack Wilshere für Eric Dier brachte. Der einzige Effekt: Nun gab es gar keine Pässe nach außen mehr, statt dessen spielten sich Wilshere und der im gesamten Turnier viel zu weit hinten agierende Wayne Rooeny an der Mittellinie ratlos die Kurzpässe zu. Rooney, mit einer katastrophalen Leistung komplett neben der Spur, wurde dann von Marcus Rashford viel zu spät erlöst – und der 17-Jährige von Manchester United hätte mit seinen Dribblings fast noch für den Ausgleich gesorgt.

Keine Körpersprache

Das zeigt aber auch: Nicht nur dem Trainer ist das sensationelle Ausscheiden anzulasten, sondern vor allem auch den Spielern, gerade den Erfahrenen um den im gesamten Turnier blassen Rooney oder auch dem unsicheren Torhüter Joe Hart. Was die Zuschauer zudem erstaunte: Von keinem Engländer auf dem Platz ging ein Zeichen aus hinsichtlich Körpersprache, Euphorie oder unbedingten Willens. Statt dessen hielten alle ab der 20. Minute die Köpfe gesenkt. Über die starke Fitness der Isländer im Vergleich zu in einer Mammutsaison stark beanspruchten Engländern ist viel gesprochen worden. Aber eine Niederlage gegen – ein unbestritten gutes Kollektiv – vermehrt zweitklassiger Fußballer einfach ohne Aufbäumen hinzunehmen, kann nicht der Anspruch von Nationalspielern sein, die angeblich in der besten Liga der Welt agieren. Kämpferisch und spielerisch war das gar nichts: England hatte in der zweiten Halbzeit nicht mal eine Torchance.

Die unglaublichen Serien haben Bestand

So haben die unglaublichen Serien im englischen Fußball weiter Bestand. Seit einem Jahrzehnt wartet England auf einen Sieg in der K.o.-Runde eines großen Turniers. Noch nie haben die Three Lions außerhalb des eigenen Landes eine Partie bei einer EM-Endrunde gewonnen, in der es ums Weiterkommen geht. Einmal mehr hat ein englischer Torwart schlecht ausgesehen (beim zweiten Gegentor). Der einzige, aber schwache Trost: Immerhin hat Rooney einen Elfmeter verwandelt. Schon erstaunlich, dass ihm das überhaupt keine Sicherheit gab...