Ein Modus zum Tricksen Chaos-EM-Modus: 36 Spiele, um 8 Teams auszusortieren?

Eine Kolumne von Frank Hellmann, Frank Hellmann | 08.06.2016, 18:54 Uhr

Der Modus mit 24 Mannschaften und einem Achtelfinale birgt Tücken; überlegene Nationen können tricksen. Die Frauen-WM vor einem Jahr lieferte einige abschreckende Beispiele.

Mutmaßlich werden sich weder Joachim Löw noch Vicente del Bosque jene Konsequenz erlauben, die Norio Sasaki angewendet hat. Dabei würden es die Nationaltrainer einem japanischen Weltmeistertrainer gleichtun, der aus demselben Modus mit 24 Teilnehmern bei der Frauen-WM in Kanada vor einem Jahr ganz radikale Schlussfolgerungen gezogen hatte.

Denn die Japanerinnen waren in ihrer Vorrunde aufgrund ihrer technischen Überlegenheit ähnlich favorisiert, wie es jetzt die Deutschen und die Spanier sind. Und ein Scheitern in den sechs Vierer-Gruppen ist für ein Topteam im Grunde dann unmöglich, wenn das Auftaktmatch gewonnen wird. Kaum hatte der Frauen-Weltmeister 2011 mühsam die Schweiz bezwungen, griff der Masterplan: In den nächsten Partien tauschte Sasaki erst auf fünf, dann auf sieben Positionen und setzte mit Erina Yamane, Ayumi Kaihori, Mihu Fukumoto alle seine drei Torhüterinnen ein! „Alles beginnt erst mit dem Achtelfinale“, erläuterte der höfliche Herr, vorher müsse der Kader bei Laune gehalten werden und dürfe möglichst wenig Kraft vergeuden.

Sein Kollege, Frankreichs Nationaltrainer Philippe Bergeroo, erklärte: „Es geht nur darum, ohne Verletzungen und ohne Gelbe Karten weiterzukommen.“ Es besteht ein Missverhältnis, wenn 36 Vorrundenspiele allein dazu dienen, die acht schlechtesten Teams zu verabschieden.

Nun sind eine Frauen-WM und Männer-EM nur bedingt vergleichbar, dennoch ist der Seitenblick erhellend. Weil manche Konstellation geradezu grotesk wirkte: In der deutschen Gruppe wusste Thailand am 15. Juni 2015 nicht, ob das Turnier nach einem 0:4 gegen Deutschland beendet ist. Grund: Der WM-Neuling hatte drei Punkte auf dem Konto und hing als Gruppendritter in Winnipeg im Wartestand fest. Wer waren die besten vier Gruppendritten? Zwei Tage quälende Ungewissheit in der kanadischen Prärie, wo kein Training und keine Pressekonferenzen stattfanden. Schlussendlich erreichten Schweden und die Schweiz ebenfalls nur drei Punkte, hatten aber die bessere Tordifferenz. Für Thailand hieß das: Und tschüss!

Betroffen könnten nun die Dritten der Gruppen A und B sein, vielleicht also die Schweiz oder Wales, die zwei oder drei Tage ausharren müssen, bis am 22. Juni in den Gruppen E und F die Gruppenphase abgeschlossen ist. Erst dann ist der sportlich ohnehin höchst fragwürdige Quervergleich möglich.

Nach diesem Tableau wurde bei den WM-Turnieren von 1986 bis 1994 gespielt, nachdem sich 1982 eine Zwischenrunde mit vier Dreier-Gruppen nicht bewährt hatte. Aber war es mit dem Weiterkommen der vier besten Gruppendritten so viel besser? 1986 in Mexiko mogelten sich Bulgarien und Uruguay mit zwei Unentschieden in die nächste Runde, 1990 in Italien kamen die Niederländer mit dreimal Remis weiter, 1994 in den USA zitterte Italien bei vier Zählern.

Für die EM 2016 ist auf jeden Fall der Losentscheid ausgeschlossen: Erst zählen die Punkte, dann die Tordifferenz, dann die Anzahl erzielter Tore und schließlich das Fair-Play-Verhalten. Hilft das noch nicht, entscheidet der UEFA-Koeffizient.

Bundestrainer Löw sagte nach der Auslosung, er fände aus sportlicher Sicht ein 16er-Feld besser, aber „am Ende werden sich die stärksten Mannschaften durchsetzen. Ob ein Turnier mit acht, 16 oder 24 Mannschaften gespielt wird, spielt für mich da keine Rolle.“

Wirklich nicht? Es würde nicht überraschen, sollte auch der Bundestrainer in der Gruppenphase kräftig rotieren lassen – nur dreimal den Torwart tauschen, das wird er eher nicht tun.

Frank Hellmann ist einer der profiliertesten Fußball-Journalisten Deutschlands. Er berichtet regelmäßig für diese Zeitung.