„Die Boutique kann ich immer noch eröffnen“ Bundestrainerin Neid über die Lust auf Titel

Von Susanne Fetter | 06.05.2014, 20:13 Uhr

Am Donnerstag (17 Uhr) tritt Silvia Neid mit den deutschen Fußball-Frauen in Osnabrück gegen die Slowakei an. Im Interview mit unserer Zeitung sprach die Bundestrainerin über den Titeltriumph von 1989, den sie als Kapitänin erlebte, ihren 50. Geburtstag und eine junge Truppe, die sie doch ein kleines bisschen verändert hat.

Frau Neid, kürzlich haben Sie in der FAZ gesagt, wenn Sie sich im Flugzeug einen Sitznachbarn wünschen würden, wäre das…

…Angela Merkel.

Auch. Außerdem George Clooney, Richard Gere und Helene Fischer. Ist das nicht ein bisschen viel durcheinander?

Wieso? Helene Fischer ist eine tolle Frau. Absolut professionell, die kann tanzen, singen, durch die Sendung führen, sieht super aus, weiß es, aber lässt es nicht raushängen und hat einen tollen Charakter. Zum Geburtstag habe ich Karten für eines ihrer Konzerte bekommen. George Clooney, weil der einfach hervorragend aussieht, und für Richard Gere schwärme ich schon, seit ich 20 bin. Nun, und Angela Merkel ist für mich eine tolle Persönlichkeit, die unheimlich viel leistet. Vor ihrer Arbeit habe ich großen Respekt.

Aber die haben Sie doch bestimmt schon getroffen.

Ja, wir haben hin und wieder auch Kontakt.

Dann könnten Sie ja mal gemeinsam fliegen.

Ich würde ein Essen vorziehen. Da gibt es wenigstens nicht diese unangenehmen Luftlöcher.

Am Donnerstag geht es nach Osnabrück. Hier wurden Sie 1989 Europameister. Ihr schönstes Erlebnis als Spielerin?

Das ist auf jeden Fall die Erinnerung, an die man sofort denkt. Da hat einfach alles begonnen: Wir hatten auf einmal Zuschauer, öffentliches Interesse, zum ersten Mal wurde ein Länderspiel im Fernsehen gezeigt. Es war der Startschuss für den deutschen Frauenfußball.

In Schweden gab es nun den achten EM-Titel, an allen waren Sie beteiligt. Welchen Stellenwert hat so ein Titel, wenn man schon so viele hat?

Titel haben immer einen hohen Stellenwert. Ich bin da aber auch eine kleine Raupe Nimmersatt (lacht). So etwas zu planen, ein Team zusammenzustellen, hart zu arbeiten und dann zu sehen, dass es Erfolg hat, ist immer das Schönste.

War es nach 1989 vielleicht der am schwersten zu erringende EM-Titel?

Sicherlich. Die anderen Nationen haben immer mehr aufgeholt, was schön, ist, denn dafür haben wir alle lange gekämpft. Hinzu kam, dass wir so viele Verletzte hatten. Wir mussten sechs Stammspielerinnen ersetzen und haben diesen Titel mit der jüngsten Mannschaft, die es bisher gab, geholt. Auch das macht ihn besonders.

Die Jungen sind gut in die Bresche gesprungen. Das spricht für die Nachwuchsarbeit in Deutschland.

In den Vereinen wird gut gearbeitet, hinzu kommt, dass wir in allen U-Mannschaften das gleiche System spielen, einen roten Faden haben und die Trainerinnen dort einen tollen Job machen. Aber viele denken auch, dass wir hierzulande so viele Spielerinnen haben, wenn sich die eine verletzt, nehmen wir halt die nächste. So ist es aber auch nicht, das geht nur bis zu einem gewissen Grad. In der WM-Qualifikation konnten wir nie zweimal mit der gleichen Startformation beginnen, immer wieder mussten wir verletzungsbedingt auf Spielerinnen verzichten. Irgendwann kann man das nicht mehr kompensieren. Im Moment sind wir am Limit.

Was kann sich da noch verbessern?

Wir müssen schauen, dass wir den Trend im Frauenfußball mitgehen: Schnelligkeit, Zweikampfverhalten und eine gute Technik unter Gegnerdruck. Mittlerweile arbeiten alle Teams so gut gegen den Ball, dass man Spielerinnen benötigt, die unter Druck kreativ sein können. Die, die das am besten können, mal was Außergewöhnliches machen, entscheiden in Zukunft die Spiele.

Wie kann man das am besten gewährleisten?

Spielerinnen messen sich im Verein immer an den Besten. Aber wenn in meiner Mannschaft keine ist, die besser ist als ich, habe ich keine Entwicklung nach oben. Trainer müssen daher immer schauen, wenn sie besondere Spielerinnen haben, dass sie diese bei den Jungs mittrainieren lassen, damit sie sich weiterentwickeln können. Es ist wichtig, dass wir unsere Talente bestmöglich fördern. Sie werden es vielleicht sein, die Deutschland zum nächsten Titel schießen.

Man merkt es, die Arbeit mit den jungen Spielern macht Ihnen Spaß. Es heißt sogar, Sie hätten sich für diese neue Mannschaft neu erfunden?

(lacht) Ich hab mich bestimmt nicht neu erfunden. Vielleicht bin ich ruhiger geworden. Mich tangiert nicht mehr so vieles. Mir ist es einfach nicht mehr so wichtig, was man von mir denkt und sagt. Wenn ich mich verändert habe, liegt es vielleicht auch an meinen jungen Spielerinnen, die ich alle sehr mag – besonders als Menschen. Ich versuche, immer ehrlich zu ihnen zu sein, Kritik ehrlich zu formulieren, weil man damit dann besser umgehen kann. Genauso ehrlich bin ich beim Lob. Wenn eine gut spielt, dann sage ich es ihr auch genauso deutlich.

Haben diese jungen Spielerinnen Sie lockerer gemacht? Früher etwa haben die jüngeren im Team Sie gesiezt, jetzt sagen alle Du.

Für mich gab es da nie einen Unterschied. Aber vielleicht hat das schon zu noch mehr Nähe geführt. Sie sind lebensfroh, sie haben Spaß, sie sind witzig und lachen miteinander – da muss ich natürlich mitlachen.

Beim Abschlusstraining vor dem Spiel muss der Verlierer des Torschusswettbewerbs spezielle Aufgaben übernehmen…

Ja, da kamen einige schon mal mit aufgemalten Katzenhaaren im Gesicht an den Tisch oder einen Abend lang im Rückwärtsgang. Einmal durften sie nur auf Englisch antworten, da waren einige plötzlich sehr ruhig. Das denken sich die Mädels alles aus.

Nach der Niederlage gegen Norwegen bei der EM mussten die jungen Spielerinnen, die damals den Torschusswettbewerb verloren hatten, eine Präsentation halten, die den Wendepunkt brachte. Diese Idee kam aber von Ihnen.

Sie sollten bestimmte Werte vorstellen, und was da einige gesagt haben, ging wirklich unter die Haut. Es ging beispielsweise um Teamgeist, Mut und Ehre: Da haben die jungen Spielerinnen etwa gesagt, dass es für sie eine Ehre ist, mit Nadine Angerer in einer Mannschaft zu spielen. Das hat alle noch mal wachgerüttelt, zusammengeschweißt und beeindruckt.

Das klingt doch sehr nach neuen Methoden.

Es ist doch so, wenn du verlierst, hast du ganz viele Fehler gemacht, und wenn du gewinnst, alles richtig. Dabei weiß doch keiner, ob du es vorher nicht auch schon genauso gemacht hast. Wer ist schon so nah dran, dass er das beurteilen kann?

Am Freitag, noch einmal herzlichen Glückwunsch, sind Sie 50 geworden.

Und es hat gar nicht wehgetan. Ich freue mich eher auf das, was noch kommt.

War auch Zeit für eine Rückschau – denkt man da: Hätte ich doch mal lieber eine Boutique aufgemacht oder eine Lotto-Annahmestelle?

Nein. Ich bin völlig zufrieden mit meinem Leben , wie es bisher gelaufen ist. Ich habe sehr viel Glück gehabt, vor allem im Beruf. Ich habe als Spielerin zur rechten Zeit aufgehört, wurde gefragt, ob ich Trainerin werden will – auch, wenn es da sicher noch andere gegeben hätte –, und habe es getan. Und außerdem kann ich ja immer noch meine Boutique aufmachen oder meine Lotto-Toto-Annahmestelle.

Das wollten Sie wirklich mal, dabei haben Sie noch nie im Lotto gewonnen.

Ich spiele ja auch nicht.

Wie kam es denn dann zu diesem Wunsch?

Ich war damals kurz davor, meine Karriere zu beenden, und dachte mir: Jeder Mensch spielt doch Lotto. Außerdem wusste ich, dass Paul Rasche, der damalige Präsident des Westfalenverbandes, dafür verantwortlich war, diese Annahmestellen zu verteilen. Man kann die ja nicht einfach so eröffnen, sondern benötigt eine Erlaubnis. Ich wollte allerdings nicht nur ein Büdchen, sondern zudem noch ein Reisebüro anschließen.

Ihre Ziele waren schon immer konkret. Was das nächste: Der 5. Juli 2015?

Da ist das WM-Finale – oder? So weit denke ich noch nicht. Wir wollen uns erst mal qualifizieren. Dafür brauchen wir gute Unterstützung in Osnabrück und drei Punkte. Diese Punkte sind das Einzige, woran ich gerade denke.

Steffi Jones hat kürzlich gesagt, Sie könnte sich vorstellen, dass Sie auch im Männerbereich arbeiten könnten. Wäre das auch noch ein Ziel?

Nein. Mir wurde mal die Frage gestellt, ob ich mir das zutraue. Da habe ich mit „ja“ geantwortet und danach habe ich überall gelesen, ich würde gerne Männer trainieren. Das ist aber nicht richtig. Mit der Frauen-Nationalmannschaft zu arbeiten, macht mir sehr viel Spaß. Ich weiß allerdings auch nicht, was noch kommt. Wenn ich irgendwann keine Bundestrainerin mehr bin, werde ich mich sicher nicht nur auf dem Golfplatz rumtreiben. Man braucht ja eine gewisse Abwechslung im Leben.