Der Gastgeber tanzt weiter Samba Brasilien zieht mit 2:1 gegen Kolumbien ins Halbfinale ein

Von Frank Hellmann | 05.07.2014, 02:13 Uhr

Stolz weht vor dem Estadio Castelão von Fortaleza eine gigantische brasilianische Fahne im Wind, die an zwei gewaltigen Kränen auf einer Baustelle befestigt ist. Eine gute Symbolik für das, was sich drinnen in dem Stimmungstempel weit draußen vor der Küstenstadt ereignet hat. Die brasilianische Nationalmannschaft setzt ihren Marsch durch dieses Turnier fort und lässt ihre Landsleute unverändert Fähnchen schwingen und Tröten betätigen, Samba tanzen und gelbe Trikots tragen.

Auch der nächste Quälgeist aus Südamerika, die hoch gehandelten Kolumbianer, haben vor der Kraft kapitulieren müssen, die sich nicht allein im Umfeld der Seleção entwickelt hat. Der Gastgeber legte einen feurigen Vortrag hin, der in diesem Viertelfinale mit einem 2:1 (1:0)-Erfolg belohnt wurde. Erst traf Thiago Silva (7.), dann feuerte David Luiz einen Freistoß in die Maschen, der all jene Lust und Leidenschaft widerspiegelt, den die Brasilianer diesmal verkörperten (68). Das Elfmetertor von James Rodriguez richtete keinen Schaden mehr an (80.). Dafür gab es einen viel größeren Wermutstropfen: Ausgerechnet Kapitän Thiago Silva handelte sich wegen einer törichten Behinderung von Kolumbiens Keeper David Ospina (64.) eine Gelb-Sperre fürs Halbfinale ein.

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Und der 29-Jährige fehlt damit in Belo Horizonte, wenn eine Begegnung stattfindet, die auch als vorweggenommenes Finale durchgeht: Brasilien gegen Deutschland. Der Hype um dieses Duell wird sich in beiden Ländern ins schier Unermessliche steigern.

Die Brasilianer hatten mit Fernandinho und Paulinho im zentralen Mittelfeld begonnen, um die Leerstelle des gesperrten Luiz Gustavo aufzufüllen. Dazu ersetzte Maicon als Rechtsverteidiger das Sicherheitsrisiko Dani Alves. Aber weniger die Aufstellung, denn die Einstellung beim Team von Luiz Felipe Scolari verblüffte. Wann hat sein Ensemble so giftig und gallig agiert? Ihr Nationaltrainer hatte zuvor versucht, den großen Druck abzumildern. Ein Ausscheiden würde „nicht das Ende der Welt“ bedeuten, sagte er.

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Gleichwohl: Mit dieser Variante hielt sich schon früh niemand mehr auf, als Hulk einen gefährlichen Eckstoß trat und Thiago Silva aus kurzer Entfernung vollstreckte. Seine erlösende Mimik beim Torjubel sprach Bände – er bekundete gerade erst, er habe vor dem Turnier tagelang nicht schlafen können. Und nun gab er die Initialzündung zu einem ungezügelten Sturmlauf von beiden Seiten.

Trotz des großartigen Kolumbianers James Rodriguez hatte Brasilien in der Offensive meist mehr zu bieten. Zweimal scheiterte der kraftvolle Hulk am gut reagierenden Keeper David Ospina (20. und 28.). In Szene gesetzt von Neymar, der sich auch für robuste Zweikämpfe auch nicht zu schade war. Auch das imponierte an Scolaris Mannschaft: Wucht und Verve im Kollektiv das eigene Tor zu verteidigen. Gegen Deutschland dürfte nun die Stunde von Bayern-Profi Dante schlagen.

Die Kolumbianer wirkten bisweilen arg beeindruckt. Was sich aber in der turbulenten Schlussphase noch änderte, in der Brasilien kräftig ins Wanken geriet. Dass es für die „Cafeteros“ letztlich nur mit dem späten Strafstoßtor – Torwart Julio Cesar hatte Carlos Bacca gefoult (79.) – ein Durchkommen gab, lag auch daran, dass Brasilien solche Verteidiger wie David Luiz hat.

Er brachte die Stimmung immer dann zum Kochen, wenn er mit jeder Faser seines Körpers in den Zweikämpfen aufrieb. Aber die Belobigung von den Rängen war kein Vergleich für jenes infernalische Gebrüll nach einem Kunstschuss des 27-Jährigen, um den Ball mit der Innenseite auf die ganz tückische und flatterhafte Art ins Eck zu setzen. Die Vorentscheidung – und einen nicht endenden Jubelsturm im Estadio Castelão, der übers ganze Land zu hallen schien.