Bald auf den Färöern Ungarn: Storck und Möller gehen erhobenen Hauptes

Von Frank Hellmann, Frank Hellmann | 27.06.2016, 17:29 Uhr

Von der EM muss sich Gabor Kiraly verabschieden – aber das Ende der Nationalmannschaftskarriere des Kult-Keepers ist nicht absehbar. „Es war ein tolles Erlebnis. Ich habe jene Minute genossen“, berichtete der 40-Jährige in der Nacht zu Montag fast wehmütig. Auch wegen seiner tollkühnen Taten ist seine Mannschaft trotz einer 0:4-Abreibung gegen die Belgier mit „erhobenem Kopf“ (Nationaltrainer Bernd Storck) von einer Bühne geschieden, die Ungarn seit 1972 nicht mehr bespielt hatte.

Dazu brachten sie zum Turnier den ältesten EM-Akteur mit, der sich im Achtelfinale erneut eine Weltklasseleistung gönnte.

Nach Dafürhalten des ältesten EM-Fußballers Kiraly hätte das Stoppschild noch nicht auftauchen müssen, „aber ich denke, wir waren im Kopf zu müde.“ Zumal sein Trainer beschlossen hatte, mit fliegenden Fahnen unterzugehen: Am Ende ergab sich das Team erst nach 16 eigenen Torschüssen und einem spektakulären Schlagabtausch, dessen Resultat über den Spannungsbogen nichts verriet. „Erst mit dem zweiten Gegentor war die Messe gelesen“, sagte Storck fast trotzig. „Wir müssen vor der Zukunft keine Angst haben.“

Der 53-Jährige schien bereits voller Tatendrang, um die nächsten Aufgaben anzupacken. Als Aufbauhelfer, der mit seinem Arbeitsethos dieser Fußball-Nation guttut. In der Qualifikation für die WM 2018 in Russland sind Portugal und Schweiz in Ungarns Gruppe die Favoriten, und diesmal reicht es nicht, Gruppendritter zu werden. Nur bitte soll niemand erwarten, so Storck, dass einem EM-Achtelfinalisten ein WM-Ticket automatisch ausgestellt wird. „Wir kommen aus dem Nichts“, merkte der Westfale an.

Um ein Team wie die Belgier zu besiegen, erklärte Andreas Möller, „hätten wir einen absoluten Sahnetag erwischen müssen.“ Auch Storcks Assistent sammelte in Frankreich kostbare Erfahrungswerte ein. „Früher als Spieler habe ich nur auf die Flipchart für den Tagesablauf schauen müssen“, so der 48-Jährige, „jetzt musste man sich über alles Gedanken machen.“ Dabei sind oft richtige Schlüsse herausgekommen: Dem deutschen Trainer-Trio – mit Torwarttrainer Holger Gehrke – wird in Ungarn gerade kräftig auf die Schulter geklopft.

Wie sehr die Magyaren danach lechzten, Kiraly und Kollegen – die am Montagnachmittag den Heimflug nach Budapest antraten - anzuhimmeln wie frühere Generationen einst die Generation Puskas, Hidegkuti oder Koscis, war im Stade Municipal auf der Flussinsel der Garonne zu besichtigen: Spieler und Betreuerstab entließ die Anhängerschaft erst nach einem gemeinsamen Singen der Nationalhymne, wobei unklar blieb, inwieweit ein nicht nur der französischen Gendarmerie furchteinflößend wirkender schwarzer Block diese Aktion initiiert hatte.

Doch selbst Kiraly konnte ohne Anflug von patriotischem Gehabe konstatieren: „Das war ein Riesenerfolg für das ungarische Volk und den ungarischen Fußball.“ Weil endlich wieder befreit aus der Versenkung. Profis, die wie Adam Szalai, Zoltan Stieber oder dem kurzfristig ausgefallenen Laszlo Kleinheisler in Deutschland oft nur die Ersatzbänke gedrückt haben, schafften etwas Außergewöhnliches. Storck: „Das Team hat die Vergangenheit abgelegt.“ Dabei sind die meisten seiner Spieler noch bei Vereinen wie Ferencvaros Budapest, Videoton FC oder Debreceni VSC beschäftigt, weshalb sich der Nationalcoach wünscht, „dass unsere Klubs mal in der Europa League mitspielen, von der Champions League will ich ja gar nicht reden.“

Vielleicht ist deswegen ganz gut, dass die ungarische Liga nun keine Sommerpause macht. Davon betroffen auch der fast kahlköpfige Keeper Kiraly, der schon zugesagt hat, seinen laufenden Vertrag bei seinem Heimatverein Haladas Szombathely zu erfüllen. Nebenbei geht wohl auch die Nationalmannschaftskarriere unverändert weiter. „Das entscheide ich noch. Wir werden sehen“, sagte der Oldie mit einem routinierten Grinsen. Tendenz: So schnell kommt die Schlabberhose noch nicht in die Mottenkiste. Und hoch oben im Norden Europas erfüllt sie allemal ihren Zweck:So soll es weitergehen: Das erste WM-Qualifikationsspiel bestreiten die Ungarn auf den Färöer Inseln im September.