Alles zur Sensations-Elf der EM Island: Wunder begann mit winterfesten Hallen

29.06.2016, 12:46 Uhr

Alle staunen über Islands Fußball-Wunder – dabei ist der Weg dieses sympathischen Teams kein Zufall. Allerdings: Es gab Zeiten, da verlor Island zweistellig. Hintergründe, Erklärungen und Fakten zur größten Sensation der EM in Frankreich.

Gibt es Profifußball auf Island? Es sind die Namen von vier Klubs, die in Europa durch diverse Qualifikationsspiele zu europäischen Wettbewerben bekannt sind – wobei größere Erfolge noch nicht zu verzeichnen waren beim Rekordmeister des Landes, KR Reykjavík, und den Vereinen IA Akranes, FH Hafnarfjördur, und IB Vestmannaeyar. In der Ersten Liga auf der Insel spielen zwölf Klubs – der Meister zieht derzeit in die erste von vier Qualifikaitionsrunden zur Gruppenphase der Champions League ein, die beiden folgenden Teams nehmen an der Qualifikation zur Europa League-Gruppenphase teil, die ebenso lange dauert. Bis in die Gruppen ist bis dato kein Team vorgestoßen. Wegen der rauen Witterung auf Island tragen die Klubs nur von Frühjahr bis Spätsommer ihre Liga-Partien aus. Vollprofis gibt es so gut wie keine. Daher ist für die Entwicklung talentierter junger Fußballer, die auf eine Profikarriere hoffen, der Sprung ins Ausland schon in jungen Jahren der entscheidende Karriereschritt, bei dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Es gibt knapp 30000 aktive Fußballer auf der Insel, die mit 333000 Einwohnern etwa so groß ist wie Bielefeld (Weiterlesen: Viele Ausfälle: Frankreich gegen Island ersatzgeschwächt).

Kann Island Europameister werden? Wenn man die spielerische und einzeltechnische Qualität der Fußballer mit der Konkurrenz vergleicht, erscheint das unwahrscheinlich. Die EM-Geschichte offenbart aber, dass offenbar alle zwölf Jahre die krassesten Außenseiter des Turniers den Titel holen: 1992 waren es die Fußballer Dänemarks als von Europas Stränden zusammengetrommelte Nachrücker, 2004 war es Griechenland als Team, das noch nie zuvor bei einer Endrunde einer EM oder WM einen Sieg geholt hatte. Abseits des Zwölf-Jahres-Rhythmus gibt es weitere Parallelen: Alle drei Mannschaften bestachen durch Zweikampf- und Defensivstärke, mannschaftliche Geschlossenheit und eine unglaubliche Mentalität: Das unerschütterliche Selbstvertrauen in die eigene Stärke wuchs mit jedem Sieg im Turnier, während in den Köpfen der etablierten Gegner aus Angst vor der Blamage genau der entgegengesetzte Prozess einsetzte. Und alle drei Teams hatten erfahrene, aber von der Fachwelt schon abgeschriebene Trainer: Richard Möller Nielsen war nur zweite Wahl des Verbandes, hatte in der Qualifikation Stress mit seinen Spielern und schaffte aber genauso das Unmögliche wie Otto Rehhagel, der als 66-Jähriger in Portugal mit den Griechen triumphierte. Warum sollte Lars Lagerbäck, der als Trainer der spielerisch auch oft unterlegenen Schweden im vergangenen Jahrzehnt einige Erfolge feierte, nicht in diese Reihe aufsteigen? (Weiterlesen: Fünf Gründe, warum ISland Europameister wird)

Woher kommt der Aufschwung der letzten Jahre? Ähnlich wie im Handball, der seit den 1980er-Jahren auf hohem Weltklasseniveau gespielt wird, wird der Fußball mit Logik und Zielstrebigkeit gefördert. Seit 2000 stecken die Isländer, Nr. 34 der Weltrangliste, viel Geld in die Entwicklung der Trainerausbildung. Überall im Land sind Fußballhallen entstanden. In vielen Städten gibt es sogar eine Art Hangar, in denen die Felder die Originalmaße von Freiluftfeldern haben. Die Architektur ist freundlich, hell und großzügig. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Trainerausbildung, die der Verband in großem Ausmaß unterstützt. An allen Trainingsstätten stehen lizenzierte Übungsleiter zur Verfügung. Schon die Vierjährigen üben unter Anleitung von Profis. Einen Starkult gibt es nicht. Die Vulkaninsel verfügt über 600 lizenzierte Fußballtrainer, davon haben ungefähr 400 die B-Lizenz. Und alle werden für ihre Arbeit gut bezahlt. Die Zusammenarbeit mit den Schulen funktioniert hervorragend. An einigen Orten hat der Fußballverband in der Nähe von Schulen Gelände gekauft und Plätze errichtet, damit keine Zeit für das Training verloren geht. Das Vorzeigeobjekt des Verbandes ist die Akademie in Breidablik. Dort treffen sich die größten Talente aller Jahrgänge zum gemeinsamen Training. Praktisch alle Nationalspieler haben die Akademie durchlaufen, die ein englischer Trainer mal als „Football´s Heaven“ bezeichnete. (Weiterlesen: Starker Island-Jubel: „Hu“, Klatsch, „Huu“, Klatsch „Huuu“!)

Sind alle isländischen Nationalspieler Vollprofis? Sie lesen und schreiben sich so schön, die Geschichten von den Postboten, Bäckern, Fischern und Schafhirten, die nebenbei ganz gut kicken. Doch so sieht es in der isländischen Nationalmannschaft schon lange nicht mehr aus. Am ehestem trifft diese Mär noch auf Torhüter Thor Halldorsson zu, der erst mit 29 Jahren Profi wurde und nach einer schweren Verletzung zwischenzeitlich als Filmregisseur arbeitete. Trainer Heimir Hallgrimsson ist aktuell noch als Zahnarzt tätig, nach der EM übernimmt er das Team alleine, dann soll damit Schluss sein. Ansonsten besteht der Kader aus normalen Profis, die alle in Island ausgebildet wurden, nun aber ihr Geld im europäischen Ausland verdienen – viele in Schweden, einige in den Niederlanden, Russland, Italien, Deutschland und in Großbritannien. Nicht immer in den ersten Ligen, aber auch. Rekordnationalspieler Eidur Gudjohnsen (37) spielte schon für Barcelona, Chelsea und Monaco. Islands Kader ist mit 44,75 Millionen der drittbilligste aller EM-Teilnehmer und etwa so teuer wie Manuel Neuer alleine.

Was bedeutet das für Land und Leute? Gut zehn Prozent der Bevölkerung erleben die Sensation gerade live vor Ort. Bis zu 30000 Fans haben die Vulkaninsel zeitweise verlassen, um ihre Mannschaft zu begleiten. Bei den Präsidentschaftswahlen am Samstag stellt sich gerade die Frage, wie viele Stimmen nicht abgeben werden. Und wie viele ungültig sind. Angeblich haben einige für Lars Lagerbäck als Oberhaupt gestimmt. Der Schwede trainiert gemeinsam mit Heimir Hallgrimsson das Team und tritt nach der EM ab. Das patriotische Völkchen ist stolz wie selten zuvor – und obenauf. Auch wirtschaftlich läuft es wieder, nachdem die Finanzkrise 2008 Spuren hinterlassen hatte. Fischerei und Tourismus sei Dank. Letzterer dürfte weiter angekurbelt werden. Die Fans des Eilandes zählen zu den Lieblingen des Turniers, das Interesse an ihnen ist riesig. Nach dem Sieg gegen England meldete Google, dass „Island“ nicht mehr so häufig gesucht wurde wie seit dem Zusammenbruch des Flugverkehrs wegen des Asche spuckenden Vulkans Eyjafjallajökull.

Was sind die größten Erfolge bisher? Mit Verlaub: Es ist noch nicht lange her, da war Island ein klassischer Fußball-Zwerg. Das hat sich geändert, die erste Qualifikation für ein großes Turnier war kein Zufall. Beinahe hätte es schon 2014 zur Reise nach Brasilien gereicht, doch als Gruppenzweiter scheiterte man in den Playoffs an Kroatien (0:0, 0:2). Auf dem Weg nach Frankreich gab es zwei Siege gegen die Niederlande und Platz zwei. In der Weltrangliste verbesserte sich Island in den vergangenen fünf Jahren unter dem schwedischen Trainer Lars Lagerbäck vom 133. auf den 34. Platz. Seit 1946 tritt die Nationalmannschaft zu Länderspielen an. In 393 Partien gab es 113 Siege und 205 Niederlagen; als höchste Niederlage steht das 2:14 vom 23. August 1967 gegen Dänemark in der Verbandsstatistik. Gegen Deutschland gelang am 6. September 2003 ein aufsehenerregender Erfolg: Das 0:0 war eine Blamage für die DFB-Auswahl; Teamchef Rudi Völler ließ sich danach durch Fragen des ARD-Moderators Waldemar Hartmann zu einer Wutrede provozieren. (Weiterlesen: Marcel Reifs Parallele: Darrnstadt, Leicester, Island)

Welche Isländer spielten in der Bundesliga? Aus dem EM-Kader haben zwei Bundesliga-Erfahrung: Gylfi Sigurdsson versuchte sein Glück von 2010 bis 2012 bei der TSG Hoffenheim, jetzt stürmt er für Swansea City in der Premier League. Der im Winter vom FC Augsburg verpflichtete Alfred Finnbogason, bei der EM bisher Reservist, steuerte in der Rückrunde 2015/16 sieben Tore zum Klassenerhalt bei. Vor den beiden spielten zehn Landsleute in der Bundesliga, von denen drei in Erinnerung blieben: Atli Edvaldsson erzielte die meisten Tore (59 in 224 Spielen zwischen 1979 und 1988 für Uerdingen, Dortmund und Düsseldorf) und glänzte am 34. Spieltag der Saison 1982/83 mit fünf Treffern beim 5:1 gegen Eintracht Frankfurt. Der größte Star war Asgeir Sigurvinsson; ein Spielmacher, der beim VfB Stuttgart von 1981 bis 1990 Publikumsliebling (211 Spiele, 39 Tore) war. Die meisten Einsätze (1988 bis 2003) vorzuweisen hat Eylöfur Sverrisson (Hertha BSC, VfB Stuttgart).

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