St.-Pauli-Geschäftsführer im Interview Kritik an DFB-Präsident Grindel: Rettig wünscht sich politische Unbefangenheit

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Andreas Rettig wünscht sich politische Unbefangenheit beim Deutschen Fußball Bund. Fotomontage: Imago/onemorepicture/defodi/dpaAndreas Rettig wünscht sich politische Unbefangenheit beim Deutschen Fußball Bund. Fotomontage: Imago/onemorepicture/defodi/dpa 

Hamburg. Der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig kritisiert neben DFB-Präsident Reinhard Grindel auch das Verhalten des Fan-Bündnisses ProFans, regt ein Umdenken mit Blick auf eine Legalisierung von Pyrotechnik an, spricht über Kollektivstrafen sowie die voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs und die 50+1-Debatte.

Es wirkt beinahe so, als würden sie unterschiedliche Sprachen sprechen – die Verbände DFB sowie DFL auf der einen, die Ultras deutscher Fußball-Klubs auf der anderen Seite. Letztere haben kürzlich den abermaligen Versuch, im Dialog einen Konsens über die zukünftige Ausrichtung des Fußballs in Deutschland zu finden, nach nur einem Jahr und zwei Treffen ergebnislos abgebrochen. 

Der Grund: Auf Verbandsseite wolle man "diesen Dialog wie in den vergangenen Jahrzehnten nutzen, um mit einem medienwirksamen Gesprächsangebot und netten Worten die Taten um jeden Preis zu vermeiden", heißt es in einer Stellungnahme des Fan-Bündnisses ProFans. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Annäherungen zwischen Fans und Verbänden gegeben, welche doch stets ohne nennenswerte Erfolge blieben. 

Rettig: "Ich bedauere das auch sehr "


Fürther Fans mit Spruchband gegen Grindel und Co: "Mit Eurer Ignoranz habt Ihr Euch zum Affen gemacht!". Foto: imago/MIS

Die Verbände reagierten mit Bedauern auf diesen Schritt der Fans. Auch der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig, der heute die Geschicke beim Zweitligisten FC St. Pauli leitet, findet, man dürfe sich jetzt nicht in "die Schmollecke stellen". Denn für Kommunikation gebe es keinen Ersatz. Eine offene Streitkultur müsse her, in der die Verbände sich auch mal Kritik gefallen lassen müssen. 


Grundsätzlich stimmt Robin Koppelmann, Sprecher des Fanrats bei Eintracht Braunschweig, der auch dem Fan-Bündnis ProFans angehört, den Aussagen von Rettig zu. Allerdings, mahnt er, müsse man auch auf die Voraussetzungen achten: "Miteinander reden ist grundsätzlich immer besser, als übereinander. Gleichwohl müssen beide Seiten auch das Gefühl haben, dass der jeweils andere wirklich etwas verändern will." 

Umverteilung ist das Stichwort, sie muss nur gewollt sein.Robin Koppelmann, Fanrat-Sprecher Eintracht Braunschweig

Nun redet man eben nicht mehr miteinander, aber immer noch übereinander. Und das selten in hohen Tönen. Der Schulterschluss zwischen den Fanszenen überwindet sogar jahrzehntelange Rivalitäten wie zwischen Braunschweig und Hannover oder St. Pauli und dem HSV. So vergeht kaum ein Bundesliga-Spiel ohne "Scheiß DFB"-Wechselgesänge zwischen Heim- und Auswärtsfans. Große Transparente, auf denen Sprüche wie "Fick dich DFB", "Fußballmafia DFB" sowie "Krieg dem DFB" zu lesen sind, werden gezeigt. Die Proteste sollen in der Saison 2018/19 intensiviert werden, teilte ProFans mit. 


Von Kollektivstrafen und Montagsspielen 

Die Liste der Forderungen an die Verbände ist lang: Abschaffung von Montagsspielen, mehr Transparenz, Erhalt von Stehplätzen, Fanutensilien im Stadion sowie Pyrotechnik. Als erstes Signal für Kompromissbereitschaft setzte der DFB vor einem Jahr Kollektivstrafen aus. Bis dahin wurde bei Vergehen innerhalb der Fankurve nicht nur der Täter, sondern die gesamte Fangruppierung vom DFB-Sportgericht bestraft. Für die Fans ist das jedoch zu wenig. Auch für Andreas Rettig ist das allein nichts, womit man sich brüsten könne.

Auch Koppelmann will das Argument der Wirtschaftlichkeit bei der jüngsten Einführung von Montagsspielen in der 3. Liga nicht gelten lassen und bringt einen Alternativvorschlag ins Gespräch: 

"Wenn von den Verbänden einerseits das Ziel ausgegeben wird, den deutschen Fußball und seine einzigartige Fankultur erhalten zu wollen, dann aber in der dritten Liga Montagsspiele eingeführt werden und in der Regionalliga eine chinesische U20-Nationalmannschaft spielt, dann passt das nicht zusammen. Angesichts der sprudelnden TV-Einnahmen könnten die Verbände den Vereinen ab Liga 3 auch mit einem Solidarpakt unter die Arme greifen. Umverteilung ist das Stichwort, sie muss nur gewollt sein."

Einer der Hauptgründe für das Aussprechen von Kollektivstrafen in der Vergangenheit war der Einsatz von Pyrotechnik. Offensichtlich lässt sich kaum eine Fanszene vom Strafenkatalog des DFB beeindrucken. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, weshalb Woche für Woche wieder im Block gezündet wird. 

Laut ProFans hätten die Verbände vor einigen Jahren darauf verzichtet, einem gesonderten Bereich für Pyrotechnik im Stadion zuzustimmen. Für Andreas Rettig ist der Status Quo jedenfalls nicht mehr haltbar. Er spricht sich für ein Entgegenkommen der Verbände aus, denn zu verhindern sei es ohnehin nicht, wie er sagt.

Braunschweigs Fanrat-Sprecher blickt mit vorsichtigem Optimismus auf den Vorschlag von Andreas Rettig und berichtete von Erfahrungen aus Verhandlungen mit Eintracht Braunschweig:

"Ob sich alle daran halten würden, ist in der Tat offen, wobei sich mit Blick auf die Vernetzung und Zusammenarbeit der Fans in Deutschland sicher viel getan hat. In Braunschweig gab es bei dem ersten Anlauf in dieser Richtung vor ein paar Jahren zwischen unseren Ultras, dem Verein und der Feuerwehr bereits sehr weit fortgeschrittene Gespräche. Ich glaube nicht, dass sich jemand scheuen würde, diese erneut aufzunehmen - sofern der Wille zur Veränderung bei den Verbänden dieses Mal auch wirklich da ist und sich nicht dann erschöpft, wenn der Sicherheitsbeauftragte ausgetauscht wird, wie es damals mit Helmut Spahn der Fall war."

Die Fans von Hertha BSC haben ein Banner mit der Aufschrift: "Montagsspiele abfackeln" beim DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Braunschweig aufgehangen. Foto: Imago/Joachim Sielski

50+1-Regel: Das Tor zum Geld

Es geht der breiten Masse von Fußballfans in Deutschland auch und vor allem um ein grundsätzliches Gefühl von stetiger Kommerzialisierung des einstigen Volkssports Fußball. Dabei spielt auch das Thema 50+1 eine große Rolle. Für Fans ist die Sache klar: Die Regel muss erhalten bleiben. Ansonsten wird ausländischen Investorengruppen aus China, Oligarchen aus Russland oder Scheichs aus Katar Tür und Tor geöffnet. Und Verhältnisse wie in der englischen Premiere League will man unbedingt vermeiden. 

Martin Kind Präsident von Hannover 96 möchte die 50+1 Regel gerne kippen. Foto: imago/Norbert Schmidt

Martin Kind, Präsident und Mäzen bei Hannover 96, trieb die Debatte um eine Abschaffung der 50+1 Regel zuletzt wieder in den öffentlichen Blickpunkt. Aktuell unternimmt der Verband zwar keine aktiven Handlungen zur Abschaffung dieser Regel, in Gefahr ist sie aber dennoch, weiß auch St. Paulis Geschäftsführer und warnt eindringlich vor einer Veränderung, der er und sein Arbeitgeber sich öffentlich entschieden in den Weg stellten.

Rettig nimmt Vereine in die Pflicht

In Braunschweig haben Verein und Fanszene bereits früh erkannt, dass man erfolgreicher ist, wenn man zusammenarbeitet. Dafür wurde der Verstetigte Dialog geschaffen, bei dem Vereinsführung und Fans regelmäßig zusammensitzen und zentrale Themen besprechen. 

"Dabei muss man auch nicht immer einer Meinung sein, denn genau daran wachsen beide Seiten ja. Die Klubs müssen raus aus dem Plastik-Mainstream wie in England, wo sich die Vereine oft nur noch in den Farben unterscheiden. Sie müssen vielmehr ihre ureigene Identität leben, dann werden viele Ärgernisse der Kommerzialisierung von selbst ausgeräumt", berichtet Koppelmann von seinen Erfahrungen aus der aktiven Fanarbeit.

Auch auf St.Pauli koexistieren Vereinsführung und Fans nicht nur nebeneinander her, sie sind im ständigen Dialog miteinander und reiben sich auch mal gegenseitig zum Konsens. Die Stimmung im Verein sowie auf den Rängen sei daher bestens, erklärt Rettig. Die negativen Zwischenfälle wie Gewalt oder Pyrotechnik im Block seien ebenfalls stark zurückgegangen. Als Vorbild für den Verband möchte Rettig das Handeln bei Pauli aber dennoch nicht bezeichnen.

Trotzdem bleibt ja die Frage, wie diese verfahrene Situation zwischen Fans und Verbänden wieder gekittet werden kann. Auf Fanseite meint man, dass man sich beim Verband weder des Gegenwerts der ausgestreckten Hand der Fanszenen Deutschlands, noch der Konsequenzen dieser mangelnden Wertschätzung der Basis in den Stadien bewusst sei und beim Verband ist man beleidigt, weil die Gespräche abgebrochen wurden. Andreas Rettig betont aber, dass sich zunächst ohnehin die Vereine mehr bemühen müssten, bevor der Verband etwas erreichen könne. Denn "die DFL hat keine Fans", wie er sagt.

Reinhard Grindel und das "Geschmäckle" der politischen Vergangenheit

Kurz nach der Weltmeisterschaft hatte Andreas Rettig eine Instanz für Moral und Ethik beim Verband gefordert. Die Entscheidungen dort würden den Eindruck erwecken, parteipolitisch eingefärbt zu sein. Dabei geht es dem Geschäftsführer von St. Pauli jedoch nicht um die Wertung einer bestimmten Politik, sondern darum, dass es überhaupt politisch beeinflusst sein könnte. Daher hinterlasse die Personalie Reinhard Grindel, der von 2002 bis 2016 für die CDU Mitglied des Deutschen Bundestags war, als DFB-Präsident, ein gewisses "Geschmäckle".



Erklärung der 50+1 Regel

Die 50+1-Regel ist eine Vorschrift in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga. Nach dieser Vorschrift ist es Kapitalanlegern nicht möglich, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Erlaubt ist hingegen, dass sich die Mehrheit des Kapitals im Besitz privater Investoren befindet.

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